Religiöse Vorstellungen berücksichtigen

Prof. Ursula Wittwer-Backofen über die Schädelsammlungen der Kolonialisten und Rückgabeforderungen der Eingeborenen

Das 19. Jahrhundert war geprägt durch die Entstehung der modernen Wissenschaften, so auch der Anthropologie. Prof. Ursula Wittwer-Backofen, Leiterin der Anthropologischen Abteilung des Universitätsklinikum Freiburg, hat sich mit diesem Thema auseinandergesetzt und erklärt, warum die Rückführung der Gebeine an ihren ursprünglichen Herkunftsort so schwierig ist.

Prof. Ursula Wittwer-Backofen
Prof. Ursula Wittwer-Backofen Quelle: ZDF

ZDFonline: Wie kam es dazu, dass man im 19. Jahrhundert begann, Menschen verschiedener Herkunft anatomisch miteinander zu vergleichen?

Wittwer-Backofen: Man hat damals schon beobachtet, dass gerade diese exotischen Schädel, die von verschiedenen Forschungsreisen mitgebracht wurden, anders aussehen als die Schädel, die man aus dem eigenen europäischen Kontext her kannte. Deshalb wurden eine ganze Menge großer Schädelsammlungen angelegt, beispielsweise in Berlin die Rudolf-Virchow-Sammlung, die Blumenbachsammlung in Göttingen. Alexander Ecker hat hier in Freiburg gesammelt.

Diese Schädel für Vergleiche heranzuziehen war besonders auch deshalb wichtig, zumal Afrika damals schon beginnend als Wiege der Menschheit angesehen wurde. Man versuchte, Abstammungslinien und die frühen Wanderungen der Menschen aufzuzeigen und entsprechend auch die großen Rassen zu gruppieren und vergleichen zu können.

ZDFonline: Lässt sich sagen, dass die Rassentheorien des frühen 20. Jahrhunderts aus der Anthropologie entstanden sind?

Wittwer-Backofen: Die Anthropologie hat sich damals entwickelt aus der vergleichenden Anatomie und hat die Beobachtung der Unterschiedlichkeit der Menschen aufgegriffen. Daraus ergab sich dann die Rassengeschichte, das heißt die Diagnostik der verschiedenen Menschentypen. Und daraus entwickelte sich ein wertendes Bild. Ja, die Anthropologen haben dazu den Anstoß geliefert.

ZDFonline: Bei diesen Mengen an menschlichen Überresten: Kann man annehmen, dass Ecker und andere Wissenschaftler seiner Zeit wussten, wie die Schädel beschafft wurden?

Wittwer-Backofen: Damals wurde tatsächlich sehr viel Material von den Wissenschaftlern geordert, ja bestellt. Dass es hier manchmal nicht mit rechten Dingen zuging, ich denke, das hat man wohl geahnt. Es ist vieles im Tauschhandel gelaufen, wir kennen beispielsweise Geschichten, in denen ein Schüler von Alexander Ecker in Australien Material gesammelt hat und regelrecht Grabraub betrieben hat. Er beschreibt das auch, schickt das in einem Briefwechsel Alexander Ecker mitsamt dem Schädel und dem gesamten Skelett mit. Das heißt, unsere Vorfahren in unserer Wissenschaftsgeschichte, denke ich, wussten schon, wo das Material herkommt, haben vielleicht aber nicht so sehr nachgefragt.

ZDFonline: Wurde dokumentiert, woher die Schädel stammen? Wittwer-Backofen: Die Dokumentationen sind in den beiden Weltkriegen vielfach verloren gegangen. Wir haben teilweise mehrfach Beschriftungen auf den Schädeln. Wir haben darüber hinaus auch weiterhin Erkenntnisse darüber, dass der Erwerbskontext nicht immer ganz klar ist. Die Herkunftsmarkierungen, die wir auf den Schädel sehen, stimmen nicht immer tatsächlich mit der Herkunft überein. Das haben wir für einzelne Fälle nachvollziehen können, insbesondere, wenn es um Verkäufe der Schädel geht, dann wird auch schnell einmal nach einem Wunsch deklariert. Ein Schädel, auf dem Australien notiert ist, kann durchaus auch aus Afrika kommen, hier haben wir einen ähnlichen Typus, der von einem ungeübten Beobachter durchaus verwechselt werden kann. Die Preise gestalten sich je nach Herkunft und nach Marktanfrage, das heißt hier ist sehr viel Unfug betrieben worden zu den Herkunftsangaben der Schädel. Und das ist oftmals ein Problem. Das heißt, in dem Zustand, in dem die Sammlungen heute sind, sind sie für eine heutige Wissenschaft nicht zu gebrauchen.

ZDFonline: Wenn diese Sammlungen wissenschaftlich keinen Nutzen haben, wie steht es dann mit Rückgabeforderungen?

Wittwer-Backofen: Wir sind im Moment in Kontakt mit Gruppen aus Australien und Namibia und sind sehr offen, was die Rückgabeforderungen betrifft, wenn entsprechende menschliche Überreste hier dokumentiert sind und wir wissen, wo sie tatsächlich herkommen. Das bedeutet eben, dass wir hier einen großen Arbeitsaufwand investieren müssen, um die Herkunft dieser Überreste tatsächlich deklarieren zu können.

Die Alexander-Ecker-Sammlung beinhaltet vermutlich eine ganze Reihe derartiger menschlicher Überreste, die wir noch zu klären haben, aber in diesen Materialien haben wir vor allem auch erkannt, dass hier die heutigen religiösen Vorstellungen der Menschen dem zuwiderlaufen, wie wir das Material hier aufbewahren.

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