Riesiges Puzzle aus Bruchstücken

1872 wird das älteste poetische Werk entziffert

Das Gilgamesch-Epos gerät gleichzeitig mit der Keilschrift kurz nach Christi Geburt in Vergessenheit. Erst im 19. Jahrhundert sollte der Engländer Austen Henry Layard das älteste bekannte literarische Werk wieder ans Licht bringen. Bei einer Expedition unweit der modernen irakischen Stadt Mosul entdeckt er einen der großen Paläste von Ninive. Das Gebäude birgt eine Sensation.

Bruchstücke von Tontafeln Quelle: ZDF

1853 macht ein Arbeiter im Königspalast einen einmaligen Fund. Unter dem Schutt der Vergangenheit liegt der Eingang zu einem großen Raum. In Wandnischen und auf dem Boden befinden sich Tausende von Tontafeln - viele davon zerbrochen. Es sind die Überreste einer herrschaftlichen Bibliothek. Erbaut vom assyrischen Herrscher König Assurbanipal vor über 2600 Jahren.

Versunkene Tontafel-Kammer Quelle: ZDF

Explosive Geschichte

Einige Tafeln fallen besonders auf, sie sind auf beiden Seiten eng beschrieben und in mehrere Spalten untergliedert. Henry Layard identifiziert die fremdartigen Zeichen als Keilschrift, doch lesen kann er sie nicht. Aber er hofft, dass die Botschaften Aufschluss über das Leben der Assyrer geben. So schickt der Forscher die Tontafeln zu einem Schriftexperten nach London. Die kostbare Fracht birgt eine explosive Geschichte, die in die Zeit der Sumerer, weit vor den Assyrern, führt.

George Smith entziffert Tontafel mit Keilschrift Quelle: ZDF

Das Britische Museum wird zum Schauplatz einer wissenschaftlichen Entdeckung, die Gelehrte aus aller Welt in Staunen versetzt. Ausgerechnet der Autodidakt George Smith entziffert das Dokument aus Ton. Der einstige Banknotenstempelschneider beherrscht die Keilschrift wie kaum ein anderer. Das erste, was der junge Mann im Herbst 1872 herausfindet, ist der klangvolle Name eines Königs: er lautet Gilgamesch. Nach und nach offenbart sich dem genialen Engländer eine sagenhafte Erzählung aus dem Alten Orient.

Von edlem Geblüt

Der gut aussehende Gilgamesch stammt aus edlem Geblüt. Ein Draufgänger, doch mit zweifelhaftem Charakter. Das eigene Wohlergehen, Luxus und ausschweifende Orgien gelten ihm mehr als Herrscherpflichten. Seine Untertanen behandelt er wie Sklaven. Rücksichtslos nimmt er sich, was ihm in den Sinn kommt. Auch das Recht der ersten Nacht mit jeder Braut.

Gilgamesch wird massiert Quelle: ZDF

Ob die insgesamt elf Tafeln von einem historischen Herrscher erzählen, darüber streiten Fachleute. In London arbeitet seit 16 Jahren der Altorientalist Andrew George an der Lösung des Rätsels.

Rekonstruktion als Lebensaufgabe

Das Gilgamesch-Epos ist das älteste poetische Werk der Menschheit. Über zwei Jahrtausende hinweg wurde es von unterschiedlichen Autoren immer wieder niedergeschrieben. Es ist ein riesiges Puzzle aus Bruchstücken. Die Rekonstruktion der weit über 3000 Verse in Keilschrift ist eine Lebensaufgabe. Der britische Gelehrte suchte überall auf der Welt nach bislang unbekannten Textfragmenten.

Durchgepauste Tontafel Quelle: ZDF

Zwei Drittel Gott, ein Drittel Mensch - so charakterisiert den König von Uruk ein Schreiber um 1200 vor Christus. Der Dichter Sin-Leqe-Unnini galt lange Zeit als erster Autor des Gilgamesch-Epos. Das abenteuerliche Leben des Herrschers war schon damals Legende und wurde Jahrhunderte lang mündlich überliefert. Unninis Fassung wurde zunächst als Tatsachenbericht verstanden - ein Irrtum. Er bezog sich auf eine ältere Version von etwa 1800 vor Christus, fügte aber weitere Episoden hinzu und brachte die Geschichte in eine geschliffene Form. Beide Versionen erlangten große Berühmtheit.

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