Rocky Mountains – Schicksal eines Kontinents

Ein Gebirgszug beeinflusst ganz Nordamerika

Dokumentation | Terra X - Rocky Mountains – Schicksal eines Kontinents

Faszination Erde mit Dirk Steffens: Für bedrohte Tiere waren sie ein Zufluchtsort, für viele Siedler einst das Tor zum Westen – die Rocky Mountains prägen bis heute das Schicksal des Kontinents.

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 31.01.2017, 19:30
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Unendliche Wälder, grenzenlose Weiten, raue Natur und zerklüftete Berge: Die Rocky Mountains erstrecken sich über 5.000 Kilometer von Kanada bis New Mexico im Süden der USA und sind nach den Anden die zweitlängste Gebirgskette der Welt. Die Amerikaner nennen sie einfach nur „the Rockies“ – die Felsen. Dabei prägt das Gebirge den ganzen nordamerikanischen Kontinent: die Landschaft, das Wetter und die Bewohner.

Die Rocky Mountains sind mitverantwortlich für einen Großteil der Wetterextreme, die Nordamerika immer wieder heimsuchen – auch für die Blizzards, die Schneestürme, die tausend Kilometer östlich der Rocky Mountains wüten. Denn die Berge bahnen den Weg, wenn warme feuchte Luft aus dem Süden auf polare Kaltluft trifft. Zusammen mit dem Gebirgszug der Appalachen im Osten bilden sie einen Trichter, der die Luftmassen aus Nord und Süd aufeinanderprallen lässt. Im Sommer sorgt dieser Wettertrichter für gewaltige Stürme, die sich zu Tornados entwickeln können. Man nennt man diese Region in der Mitte der USA daher auch Tornado Alley – Tornadostraße.

Eine Arche für die Bisons

Die Rocky Mountains sind die Wettermacher des gesamten Kontinents. Dort wo sich die Wolken vom Pazifik an den Bergen stauen, gedeiht eine einmalige Vegetation. Östlich dagegen, im Regenschatten der Rocky Mountains, fällt kaum mehr Niederschlag. Hier sorgt die Bergkette für ausgedehnte Wüstenlandschaften. Flüsse tragen das Wasser aus den Bergen in die Ebene und haben noch weiter im Osten ausgedehntes Grünland entstehen lassen: die Great Plains.Einst waren diese Prärien von großen Bisonherden besiedelt. Wenn es im Jahresverlauf in manchen Regionen trockener wurde, verließen die Bisons ihre Weidegründe. Sie schlossen sich zu Herden von Tausenden Tieren zusammen und wanderten mehrere Hundert Kilometer Richtung Norden, wo sie noch reiche Weidegründe fanden.

Im 16. Jahrhundert lebten etwa 30 Millionen Bisons in Nordamerika. Nach der Ankunft der Weißen begann ihre massenhafte Vernichtung. Zwischen 1870 und 1875 wurden pro Jahr mehr als zweieinhalb Millionen Büffel getötet. Die letzten Tiere konnten nur überleben, weil sie sich an einen sehr abgelegenen Ort in den Rocky Mountains zurückgezogen hatten: den Talkessel des Yellowstone-Gebiets. Für die Bisonjäger war die Region bis zum Ende des 19. Jahrhunderts im Winter komplett unzugänglich. Bisons können sich aber nicht nur Wege durch den Schnee bahnen, sie finden darunter auch Nahrung. Dank ihrer starken Nackenmuskulatur sind sie in der Lage, bis zu einen Meter hohen Schnee mit dem Kopf wegzupflügen. So gelangen sie an Gräser, die den ganzen Winter überdauern. Ist die Schneedecke noch höher, ziehen die Bisons an die Geysire, wo die Wärme ganzjährig Pflanzen wachsen lässt. Das Yellowstone-Gebiet war für die Bisons die rettende Arche. Von dort aus konnten sie die Rocky Mountains und die Great Plains wieder besiedeln.

Der Yellowstone-Park und die Wölfe

Wolfsrudel im tiefen Schnee
Wolfsrudel gehören wieder zum Bild des winterlichen Yellowstone-Parks.

Im Yellowstone-Nationalpark haben vulkanische Kräfte eine einzigartige Landschaft geschaffen. 1872 gegründet, ist er der älteste Nationalpark der Welt. Den Grundstein dafür legte die Expedition von Charles W. Cook, David E. Folsom und William Petersen im Jahr 1869. Deren Ergebnisse sowie Berichte, Fotografien und Bilder von Künstlern wie Thomas Moran veränderten in den USA den Blick auf die Natur. Schnell kamen Besucher in das abgelegene Gebiet. Bereits 1916 zählte die Parkverwaltung 35.800 Gäste, 1941 über 500.000. Mit der steigenden Zahl der Touristen schrumpfte jedoch die Zahl der Tiere. Um das einzigartige Naturerlebnis zu bewahren, wollte man die Tiere schützen – aber nicht alle. Begegnungen mit „bösen“ Tieren wie dem Wolf sollten den Touristen erspart werden. Im Zuge eines Programms zur Regulierung der Raubtiere begann die Parkverwaltung ab 1914 Wölfe zu jagen. Bis 1926 wurden mindestens 136 Wölfe im Park getötet.

Doch die Ausrottung hatte ungeahnte Folgen für das gesamte Gebiet. Forscher entdeckten in den 1980er-Jahren, dass seit dem Verschwinden der Wölfe fast keine neuen Pappeln und andere Laubbäume nachgewachsen waren. Ganze Waldstücke sind völlig verschwunden. Der Grund: Wapitis, amerikanische Hirsche, haben sich extrem vermehrt, seit ihr größter Feind ausgerottet ist. Da die Lieblingsnahrung der Hirsche junge Baumtriebe sind, ließ ihre Überpopulation die Laubwälder sterben. Daher begann man 1995 Wölfe im Yellowstone-Nationalpark auszusetzen. Seither geht die Population der Wapitis zurück. Zudem profitieren Aasfresser von der Beute der Wölfe, die Vielfalt der Tierwelt wächst wieder, die Wälder erholen sich langsam. Mit der Rückkehr der Wölfe scheint die Natur in ihr altes Gleichgewicht gefunden zu haben.

Zukunft und Vergangenheit der Rockies

Obwohl es in den Rocky Mountains so viel schneit, werden schrumpfende Gletscher mehr und mehr zum Problem. Schuld daran ist der Klimawandel. Nur zwei Prozent der Gebirgskette sind heute ganzjährig von Eis bedeckt. Das größte Gletschergebiet der Rocky Mountains ist das Columbia Icefield in Kanada. Bis zum Jahr 2100 sollen rund 75 Prozent seiner acht Gletscher abgeschmolzen sein.

Einst war die gesamte Region völlig von Wasser bedeckt. Wer das mächtige Gebirge heute studiert, entdeckt Spuren dieser turbulenten Vergangenheit. Geologen stießen in den Bergen von Kremmling in der Nähe von Denver auf bis zu 80 Zentimeter große Abdrücke von Ammoniten – Meeresbewohner, die hier vor 70 Millionen Jahren lebten. Die Wissenschaftler haben nur eine Erklärung dafür: Der größte Teil der heutigen Rocky Mountains war damals Meeresboden.

Auffaltung der Rocky Mountains durch Abtauchen einer Kontinentalplatte unter die andere (Grafik)
Der Ursprung der Rockies: Eine Kontinentalplatte taucht unter die andere.

Vor 70 Millionen Jahren kollidierten die Pazifische Platte und die Kontinentalplatte von Nordamerika. Aber anders als bei den meisten Faltengebirgen, die entlang von Küsten entstehen, war der Winkel des Eintauchens eher flach. Deshalb falteten sich Berge nicht direkt an der Küste, sondern Tausende Kilometer weiter im Landesinneren auf. Als die Forscher fossile Pflanzen und deren Anpassung an die Höhe untersuchten, brachten sie noch eine Überraschung zutage: Die Rocky Mountains waren vor 60 Millionen Jahren so hoch wie der Himalaya, bis zu 8.000 Meter. Über Jahrmillionen nagte die Erosion an den Gipfeln. Zudem ließ das große Gewicht die Kontinentalplatte immer weiter absinken. Heute sind die höchsten Berge inzwischen auf etwa 4.000 Meter geschrumpft. Eines fernen Tages werden die Rockies ganz verschwunden sein.

Wenn der Supervulkan ausbricht

Ausbruchszenario des Yellowstone-Vulkans (Grafik)
Bricht der Vulkan aus, werden gigantische Aschewolken emporgeschleudert.

Zuvor droht ein Ereignis nicht nur die Region, sondern den ganzen Kontinent zu verändern. Auf Satellitenaufnahmen des Yellowstone-Gebiets lassen sich gigantische ringförmige Strukturen erkennen. Forscher können daraus lesen, dass es in diesem Gebiet einst Vulkanausbrüche gab – keine normalen Ausbrüche, sondern Eruptionen eines Supervulkans. Und sie können die Ausbrüche datieren: vor 2,1 Millionen Jahren, vor 1,3 Millionen Jahren und zuletzt vor 640.000 Jahren. Rein rechnerisch könnte es also bald wieder so weit sein. Unter der Yellowstone-Region, so die Theorie der Forscher, muss sich eine gigantische Magmakammer befinden. Um ihre Größe zu bestimmen, helfen Erdbeben: Deren Wellen wandern über Tausende von Kilometern durch den Untergrund. Flüssiges Gestein leitet Wellen anders als festes. Aus den Messungen ergab sich eine Größe der Kammer von etwa 90 Kilometer Länge und 30 Kilometer Breite. Klar war: Hier schlummert einer der gigantischsten Vulkane der Erde. Doch die Geologen haben etwas übersehen. Eine neue Spur zeigt, dass die Magmakammer noch gewaltiger sein muss als bisher angenommen. Der Yellowstone-Vulkan pustet nämlich pro Tag rund 45.000 Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre – zu viel für die angenommene Größe der Magmakammer. Neue Daten lassen die Forscher zu einer neuen Einschätzung kommen: Unter der Magmakammer befindet sich ein Reservoir, das noch ungefähr viereinhalbmal so groß ist.

Sollte dieser gigantische Vulkan ausbrechen, werden die Folgen überall auf der Erde zu spüren sein. Das Szenario könnte einem Hollywood-Katastrophenfilm entstammen: Gigantische Aschewolken ziehen über Nordamerika und um die Nordhalbkugel. 100 Grad heiße Asche legt sich über 20 Bundesstaaten. Das Sonnenlicht dringt nicht mehr durch die Staubwolken, der Himmel bleibt monatelang dunkel. In Nordamerika kommt es zu einer neuen Eiszeit, überall wird es kälter. Und auch wenn der Vulkan längst wieder zur Ruhe gekommen ist, sind die Auswirkungen weltweit noch über Jahrzehnte spürbar. Doch die Geologen wissen auch: Die Magmakammer ist noch nicht so heiß wie bisher angenommen. Der nächste Ausbruch lässt voraussichtlich länger auf sich warten als vermutet. Bis dahin könnten noch Jahrtausende vergehen.

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