Saunières unbekannte Geldquellen

Simple Erklärungen oder große Verschwörung?

In der Burg von Rennes-le-Château wohnte einst die Adelsfamilie Blanchfort. Urkunden weisen ihren Vorfahren Bertrand als sechsten Großmeister der Templer aus. Vor ihrem Tod 1781 verrät die letzte Angehörige des Geschlechts dem Pfarrer angeblich die brisanten Informationen um die Prieuré de Sion. Daraufhin habe dieser das Pergament gefertigt und in der Kirche versteckt.

Gut hundert Jahre später soll Saunière das Dokument gefunden haben. Lincoln zufolge reist der Geistliche nach Paris, weil er seine Entdeckung zunächst nicht deuten kann.

Kontakt zu Aristokraten

In der quirligen Metropole sucht er Kontakt zu Aristokraten. Er zeigt ihnen das rätselhafte Papier. Als Hüter des uralten Wissens um die Blutlinie Jesu verstehen Saunières Gastgeber den Inhalt auf Anhieb. Keine Überraschung, denn nach der Auflösung des Templerordens existierte die "Prieuré de Sion" in Adelskreisen über Jahrhunderte im Verborgenen weiter.

So wird der kleine Landpfarrer aus Rennes-le-Château zufällig zum Eingeweihten religiös-politischer Machenschaften. Für sein Schweigen bezahlen die Geheimbündler ihren neuen Partner großzügig. Damit schließt sich der Kreis der Lincoln-Theorie. Was mit Saunières ungeklärten finanziellen Verhältnissen beginnt, lässt der Autor in einer spektakulären Verschwörung enden. Tatsache ist: Ab 1900 gab der Gottesmann die auffälligen Bauten auf seinem Anwesen in Auftrag.

Kirchenamtliches Verfahren

Der Hang zum Protz blieb nicht ohne Folgen. Schnell erreichte das Gerede über eine unablässig sprudelnde Geldquelle die nahe gelegene Stadt Carcassonne. Hinter den trutzigen Mauern residierte der Dienstherr des Abbé. Neider in der Gemeinde hatten Saunière der Unterschlagung bezichtigt und damit ein kirchenamtliches Verfahren in Gang gesetzt.

Erbost will Bischof de Beauséjour von dem verdächtigten Seelenhirten wissen, woher sein Vermögen stammt. Der Priester verteidigt sich mit der simplen Ausrede, er habe großzügige Spender, die aber anonym bleiben möchten. Der Vorgesetzte glaubt den Beteuerungen des störrischen Angeklagten nicht. Gnadenlos enthebt er den selbstbewussten Pastor des Amtes. Erst nach dem Tod des Abbé kommt die ganze Wahrheit ans Licht.

Freigiebige Dame

Unterlagen aus seinem Nachlass offenbaren, dass ihm eine prominente Adlige 20.000 Francs zukommen ließ - und zwar Madame de Chambord. Ihr verstorbener Ehemann war ein Abkömmling des entmachteten Königshauses. Die freigiebige Dame beteiligte sich auch an der Finanzierung der Kirche Sacre Coeur in Paris - einem Bollwerk des katholischen Glaubens gegen die moderne Republik. Viele Priester standen damals auf Seiten der Royalisten und sehnten sich nach Rückkehr der Monarchie, nach einem Herrscher von Gottes Gnaden.

Saunières Predigten im Sinne der Königstreuen waren der Grund für die Zuwendung der reichen Witwe. Doch mit ihrem Geld allein hätte er sich seinen Lebensstil nicht leisten können. Das Ehepaar Captier besitzt Originaldokumente aus der Feder des Priesters. Etwa vierzig Jahre nach seinem Tod kaufte der Vater von Frau Captier das Pfarrhaus samt Inventar.

Getürkte Buchführung

Verblüffend die Erkenntnis: Der Priester hinterließ eine getürkte Buchführung. Offiziell rechnete er drei Seelenmessen pro Tag mit dem Bistum ab. Tatsächlich kassierte er jedoch für Hunderte. Der schwunghafte Handel mit Gottesdiensten lieferte das Kapital für Saunières imposante Neubauten. Seine illegalen Einkünfte über zwei Jahrzehnte entsprechen dem heutigen Gegenwert von etwa 900.000 Euro.

Nach der Suspendierung feierte der Pastor die Gottesdienste in seiner Privatkapelle. Schätzungen zufolge soll er nicht weniger als hunderttausend Messen verkauft haben. Ein skrupelloser Betrug an vielen gutgläubigen Menschen. Auch am Privatleben des Gauners in der Soutane änderte seine Entlassung nichts. Mit Marie Dernanaud wohnte der Geistliche weiterhin unter einem Dach. Schon zu Lebzeiten überschrieb er der Geliebten das komfortable Haus - aus Furcht, der erschwindelte Besitz könne konfisziert werden.

Simple Erklärungen?

Viele simple Erklärungen - was also bleibt übrig von der großen Verschwörung? Von der Erfolgsstory über einen armen Priester, der ein Pergament fand und reich wurde. Von mysteriösen Schätzen, einem Merowingerkönig und seiner geheim gehaltenen Abstammung. Von der verschwiegenen Beziehung zwischen Jesus und der biblischen Sünderin Maria Magdalena. Von codierten Botschaften und dem exklusiven Club der "Prieuré de Sion".

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet