Schamanen in der Höhlenwelt

Bildergeschichten und Gegenstände mit spiritueller Symbolkraft

Von Anbeginn drückten die Menschen ihre tiefsten Gefühle in Ritualen aus. Es liegt nahe, dass Schamanen mithilfe der Bildfriese uralte Mythen weitergegeben haben. Das Vermächtnis der Ahnen an die heranwachsende Generation. So fanden Jugendliche in der Eiszeit die Antwort auf Fragen, die noch heute von gleich großer Bedeutung sind. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir? In diesen existentiellen Fragen liegt der Ursprung aller Religionen.

Spielszene Schamane in Trance Quelle: ZDF
Steinbockkopf von Knochenspatel Quelle: ZDF

1995 wurde im Nordwesten Spaniens die Höhle La Garma entdeckt. Im Inneren stoßen Forscher auf den gut erhaltenen Siedlungsplatz einer Sippe von vor 13.000 Jahren. Hinter dem verschütteten Eingangsbereich lassen sich noch die Umrisse einer Behausung erkennen. Überall stoßen die Urzeit-Experten auf große Mengen Knochen. Zumeist stammen sie vom Hirsch und nicht etwa vom Pferd, wie viele Felsbilder vermuten lassen. Auch verzierte Werkzeuge wie ein mit einer detailgetreuen Steinbock-Darstellung verzierter Knochenspatel sind unter den Funden. Auffällig ist der naturalistische Stil der Kleinkunstwerke. Er mutet modern an und ist von heutigen Kunstwerken kaum zu unterscheiden.

Schutz vor bösen Geistern

Reh aus Horn Quelle: ZDF

Die günstigen Lebensumstände ermöglichten den Menschen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Schmuck und kunstvolle Objekte aus jener Zeit belegen: die Eiszeitler kannten eine Rangordnung. Verzierte Werkzeuge, Waffen und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs, besaßen ebenso spirituelle Symbolkraft wie die Wandmalereien. Sie schützten vor bösen Geistern. Kämpfende Wisente in der Brunft sollten einem Jäger vielleicht die Kraft eines Bullen verleihen. Ein fein gearbeitetes Reh aus Horn diente wohl auch als Jagdzauber. Das Kleinod saß als Endstück einer Speerschleuder an der Schnittstelle zwischen Hebelarm und Speer.

Steinreliefs wie die Pferde von Cap Blanc in Südfrankreich zeigen, dass die Eiszeit-Künstler auch wahre Schwergewichte aus dem Fels schlagen konnten. Das Relief bildete einst die Rückwand eines Wohnplatzes. Das zwanzig Meter lange Pferdepanorama war einmal so farbig wie viele Wandbilder der Eiszeit. Die Klarheit der Linien, die Sicherheit bei der Wahl technischer Mittel, zeugen von hoher Professionalität, wie sie eigentlich nur Übung hervorbringt. Da Maler ihr Motiv in Höhlen nicht vor Auge hatten, müssen die Männer die Anatomie und Bewegungsabläufe der Tiere gründlich studiert haben.

Pferde von Cap Blanc Quelle: ZDF

Technik und Motive von Bedeutung

Handdarstellung in Höhle Quelle: ZDF

Lorblanchets Hauptinteresse gilt der Rekonstruktion eiszeitlicher Mal-Techniken: Kohlestaub wird erst im Mund mit Speichel zu Farbe gekaut. Der Forscher konnte nachweisen, dass Farben durch Spucken aufgetragen wurden. Eine Technik, die er bei den australischen Ureinwohnern beobachtet hat. Doch nicht nur die Technik, auch das Motiv ist von Bedeutung, wie zahlreiche Handdarstellungen vermuten lassen. Vielleicht waren die unterschiedlichen Handnegative geheime Botschaften an die Götter. Jahrzehntelang glaubte der Franzose, die Abbildung sei als Objekt der Betrachtung bedeutender gewesen. Inzwischen ist er sicher, dass der Malvorgang selbst das Wichtigste war.

Spirituelle Führer von Naturvölkern haben oft eine enge Beziehung zu einem starken Tier. Ein Hilfsgeist, der ihnen den Kontakt mit den überirdischen Wesen erleichtert. Bannten Schamanen ihre Visionen von Tiergeistern auf den Fels, wie einige Forscher glauben? Weil sie damit Hilfe für ihren Klan herbeizaubern wollten? Möglicherweise wurden einige Motive tatsächlich nach Rauschzuständen gemalt. Aber viele Gegner der These meinen, die meisten Darstellungen seien zu perfekt und exakt komponiert, als dass sie das Ergebnis einer Halluzination sein könnten.

Höhlenmalerei Wisent greift Mann an Quelle: ZDF

Schamane in Trance

In vielen Höhlen gibt es schwer zugängliche Plätze mit Felsbildern. Nur Eingeweihte können davon gewusst haben. In der Krypta der Grotte Lascaux gibt es eine der rätselhaftesten Szenen der Urgeschichte zu bestaunen: Ein Wisent greift ein seltsames Strichmännchen mit Vogelkopf und Krallenhänden an. Das Tier ist verletzt, die Eingeweide hängen heraus. Möglicherweise die Erinnerung an einen getöteten Jäger. Archäologen haben vor Ort dutzende Fettlampen und Speerspitzen ausgegraben. Vielleicht waren dies Opfergaben in einer Art Weihestätte. Für einige Forscher ist der Vogelmann ein Schamane in Trance. Aus der Mythologie sibirischer Naturvölker ist bekannt, dass Visionen vom Fliegen im Kult eine wichtige Rolle spielen. Ohne die Vögel als Hilfsgeister kann ein Schamane keine Seelenreise in die Welt der Götter antreten.

Fußspurenin der Höhle von Lascaux Quelle: ZDF

Die Stier-Rotunde von Lascaux erzählt Bildergeschichten mit mythologischem, religiösem Inhalt. Der Höhlenraum ist dabei wichtiger Bestandteil der Geschichten. Vor allem Jugendliche wurden mit diesen Geschichten in die Religionsgemeinschaft aufgenommen. In mehreren Kavernen blieben Fußspuren überwiegend von Jugendlichen im Lehm erhalten. Wahrscheinlich nahmen ihre Urheber an Initiationsriten teil, auf einem vorgeschriebenen Weg als Teil der Zeremonie. Auch Musik gehörte zur religiösen Handlung. In der Grotte Les Trois Frères schmückt ein Mensch im Wisentfell mit Hufen eine Wand. Spielt dieses seltsame Wesen auf einem Bogen? Es ist eine der vielen Fragen, die noch niemand schlüssig beantworten kann.

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