Schatzkammer der Evolution

Grube Messel: Unesco-Weltnaturerbe statt Mülldeponie

Die Grube Messel ist eine der bedeutendsten Fossilienlagerstätten der Welt, mit außergewöhnlichen Funden aus der Eozän-Periode vor fast 50 Millionen Jahren. Als einziger Standort in Deutschland zählt die aus einem Vulkansee entstandene Grube bei Darmstadt zum Weltnaturerbe. Dabei wäre sie beinahe zur Müllkippe verkommen.

Grube Messel
Grube Messel Quelle: ap

Vor 49 Millionen Jahren herrscht auf der Erde ein sehr feuchtes Klima vor. Es gibt kein Eis an den Polen. Regenwälder bedecken den Planeten.

Treibhaus-Welt in Europa

Das tropische Wetter und mit seinen ausgedehnten Wäldern bildet perfekte Lebensbedingungen für Primaten. Die ungewöhnliche Treibhaus-Welt des Eozäns in Mitteleuropa ist heute kaum vorstellbar. Auch Messel ist Teil eines tropischen Regenwaldes und liegt dort, wo heute Sizilien ist. Aufgrund der Verschiebung der Kontinentalplatten von Afrika und Europa wandert die Ölschieferlagestätte dann im Laufe der Jahrmillionen nach Norden, bis zu ihrer momentanen Position.

Halbaffen teilen sich den Lebensraum mit den ersten Pferden, und vielen anderen Säugetieren, die wir heute noch kennen. Schlangen, Krokodile und handgroße Insekten bevölkern die Gegend um Messel. Millionen Vögel ernähren sich von riesigen Insektenschwärmen. Aber auch Tiere, die heute ausgestorben sind und kein Erbe hinterlassen haben. Dass Messel heute ein Paradies für Paläontologen ist, verdankt es seiner Entstehungsgeschichte.

Naturkatastrophe als Glücksfall

Vor etwa 47 Millionen Jahren lassen zahlreiche Erdstöße das Gebiet um Messel erbeben. Von tief unten steigt heißes Magma auf. Als es auf Grundwasser stößt, kommt es zu einer gewaltigen Wasserdampfexplosion. Ein steiler Krater formt sich. Nach Ende des Vulkanausbruchs füllt eindringendes Grundwasser das entstandene Loch. Ein tiefer Maarsee entsteht, auf dessen 300 Meter tiefen Grund sich tote Tiere und Pflanzen ablagern.

Der See selbst verlandet nach nur knapp eineinhalb Millionen Jahren. Was bleibt sind Ablagerungen aus Ölschiefer. Dieser entsteht nur an Gewässern, deren Wasserschichten nur selten bis nie vollständig durchmischt werden. Es wird kein Sauerstoff nach unten gewirbelt und Kadaver können ungestört zu Boden sinken und dort im Laufe der Jahrmillionen als Ganzes versteinern. Der sauerstoffarme Faulschlamm ist die Voraussetzung für die außergewöhnlich gut erhaltenen Lebewesen - mit "Haut und Haaren" und manchmal auch Verdauungsresten. Viele Insekten tragen sogar noch ihre ursprünglichen Farben.

Konservierte Stars

Nach versteinerten Knochen von Dinosauriern sucht man vergeblich, die Riesenechsen waren längst ausgestorben, als Messel entstand. Die Grube ist in erster Linie durch Funde von vollständigen Wirbeltierskeletten bekannt geworden, doch ebenso gibt es hervorragend erhaltene Pflanzenfossilien. Mit über 20.000 katalogisierten Einzelstücken stellen sie den Großteil der Makrofossilien dar. Insekten gehören zu den am häufigsten in den Sedimenten gefundenen Fossilien. 60 Prozent aller Funde in Messel sind Käfer. Fische machen den Hauptteil der Wirbeltierfunde aus.

Obwohl die Fundstätte vor 47 Millionen Jahren ein Kratersee war, gibt es nur ein paar wenige Amphibienfossilien, weit häufiger und artenreicher hingegen sind Reptilienfunde. Unter den Landwirbeltieren bilden Vögel die häufigste Gruppe. Die "Stars im Ölschiefer" sind jedoch die Säugetiere, darunter Ameisenbären, Fledermäuse, Urpferdchen mit Fötus-Überresten sowie die äußerst seltenen Primatenfunde - darunter aktuell Superstar Ida, die, schon 1983 von einem unbekannten Fossilienjäger entdeckt, erst im Mai 2009 der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Grabungen in Messel
Grabungen in Messel Quelle: ap

Vom Bergwerk zum Denkmal

Im 18. Jahrhundert werden in der Nähe des Dorfes Messel Ölschiefer und Braunkohleschichten entdeckt. Die industrielle Nutzung beginnt 1871, vier Jahre später kommt das erste Krokodil ans Tageslicht. 1961 gelingt Professor Kühne erstmals Messel-Fossilien auf Kunstharz umzubetten. Noch in den 1960er Jahren finden erste wissenschaftliche Grabungen durch das hessische Landesmuseum Darmstadt statt. Der industrielle Abbau von Schiefer wird im Jahre 1971 endgültig eingestellt. Der Weg ist nun frei für Fossiliensammler. Gleichzeitig werden erste Pläne bekannt, die Grube in eine Mülldeponie umzuwandeln. Wissenschaftler warnen vor dem Verzicht auf die Fundstätte. 1974 erfolgt die Sperrung der Grube für Amateure. Doch über Umwege und mit Duldung durch professionelle Grabungsteams finden weiterhin private Grabungen statt.

Der zunehmende Druck durch den geplanten Umbau zur Deponie löst unter Wissenschaftlern in den Achtzigern eine regelrechte Torschlusspanik aus. Die notgedrungene Intensivierung der Grabungen führen zu einer hohen Anzahl von wichtigen Fossilienfunden. So erblickt auch Ida 1983 das Tageslicht. Erst 1990 kommt nach fast zwei Jahrzehnten des Streits und der Ungewissheit das endgültige Aus für die Deponie-Pläne - aus ökonomischen Gründen. 1992 schließt das Land Hessen einen Vertrag mit der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft über den weiteren Betrieb der Grube. Die Anerkennung als bisher einzigem Naturerbe der Menschheit in Deutschland erfolgt schließlich 1995 durch die Aufnahme in die "World Heritage List" der UNESCO.

Aussichtsplattform Messel
Aussichtsplattform Messel Quelle: ap

Messel im Blick

Dem neugierigen Besucher erschließt sich das auf den ersten Blick recht öde erscheinende Gelände derzeit am Besten mit Hilfe von Reiseführern und anderer Sekundärliteratur - oder durch die Teilnahme an den Erlebnistouren. Die jetzige Infostätte für Besucher mutet noch sehr provisorisch an. Doch 2010 soll das neue Besucherzentrum eröffnet werden. Das Land Hessen stellt für Bau, Konzeption und Ausstattung knapp zehn Millionen Euro zur Verfügung. Eine Summe, die in Zeiten der Finanzkrise und klammer Länderhaushalte nicht immer einfach zu rechtfertigen war. Da kommt Fossilienstar Ida doch gerade recht. Die Bekanntgabe des spektakulären Fundes rückt die Schatzkammer der Evolution wieder ins Rampenlicht der Weltöffenlichkeit.

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