Schatztruhe Regenwald

Artenvielfalt auf engstem Raum

In der Enge von Panamas Regenwäldern hat sich ein außergewöhnlicher Artenreichtum entwickelt. Forscher sind heute den Ursachen dieser Vielfalt auf der Spur. Sie entdecken dabei unzählige neue Arten und finden Erstaunliches über die differenzierten Überlebensstrategien der Dschungelbewohner heraus.

Blick über Regenwald auf der Insel Barro Colorado
Blick über Regenwald auf der Insel Barro Colorado Quelle: ZDF/Sabine Armsen

Lange galt der Urwald Panamas als düstere Unterwelt, in der man sich vor unbekannten Tieren mit tödlichen Geheimwaffen fürchtete. Noch heute sterben jedes Jahr ungefähr 25.000 Menschen durch giftige Tiere wie Spinnen, Skorpione oder Schlangen.

Wie entsteht Artenvielfalt?

Nicht nur die Tiere der tropischen Wälder, auch zahlreiche Pflanzen haben hochwirksame Gifte entwickelt. Der Überlebenskampf im Regenwald hat sie besonders wehrhaft gemacht. Im Vergleich zu Gewächsen unserer Breiten bilden sie in größerer Menge und Vielfalt Toxine, wie zum Beispiel Strychnin. Das ist notwendig, denn ihre Feinde sind zahlreich. Entwickeln die Pflanzenfresser Immunität, ist ein neues Toxin erforderlich. Die Tiere wiederum haben raffinierte Tricks entwicklelt, um den Pflanzengiften zu entgehen. So hat sich im Regenwald eine Art evolutionäres Wettrüsten eingestellt, und so entstehen auch ständig neue Arten.

In Panama drängen sich auf vergleichsweise engem Raum besonders viele Tier- und Pflanzenarten. Was ist der Grund dafür? Die Biologen sind einer neuen Theorie auf der Spur: Der hohe Salzgehalt der Luft und des Regenwassers könnte mit für die Artenvielfalt verantwortlich sein. Weil das kleine Land von zwei Ozeanen umschlossen ist, gelangen mit der Gischt sehr viele Meersalzkristalle in die Atmosphäre. Dort wirken sie als Keime für die Bildung von Tröpfchen und schließlich die Entstehung von dicken Wolken. Die salzgesättigte Regenfracht ist ein Segen für Panama, denn dieses Mineral ist essenziell für die Körperfunktionen aller Tiere.

Ein Platz an der Sonne

Das Leben im Dschungel führt einen erbitterten Konkurrenzkampf um Raum, Nährstoffe und Licht. Ins unterste Stockwerk des Regenwaldes dringt nur noch ein Prozent des Sonnenlichts. Abertausende von Samen, die im Erdboden ruhen, lauern auf ihre winzige Chance, nach Jahrzehnten einmal das oberste Stockwerk zu erklimmen. In den Baumkronen erscheint der Regenwald als faszinierende Parallelwelt. Dort oben gedeihen Gärten von Epiphyten - Pflanzen, wie zum Beispiel Orchideen, die andere als Podest für einen Sonnenplatz nutzen. Wasser aus der Luft zu sammeln ist ihre Spezialität. Davon profitieren auch andere: Nasenbären, Frösche oder Vögel laben sich an dem Wasser, das sich in den trichter- oder kelchförmigen Blättern staut. Insekten und andere Kleintiere finden hier Schutz und Nahrung.

Heute weiß man, dass die Baumkronenregion tropischer Regenwälder die Schatzkammer unseres Planeten ist. Trotz ihres Reichtums war sie aufgrund ihrer schweren Erreichbarkeit bis vor wenigen Jahrzehnten noch weitgehend unerforscht. Um sich das besser vorzustellen: Bisher klassifizierten und beschrieben Forscher circa 2,5 Millionen Tierarten. Doch nachdem einige "Wipfelstürmer" herausgefunden hatten, dass es über unserer Welt noch eine weitere gibt, erhöhten sich die Schätzungen der Wissenschaftler auf 10, 20 oder sogar 30 Millionen Arten.

Baumkronen des Regenwaldes im Dämmerlicht
Baumkronen Quelle: ZDF

Tollkühner Flug der Ameisen

Sogar über gut erforschte Tierarten konnten die Forscher oben in den Baumwipfeln noch jede Menge Neues entdecken. So wurden sie neugierig auf die seltsamen Kurven stürzender Ameisen. Anders als ein losgelassener Kiesel, der auf geradem Weg nach unten fällt, erreicht die Ameise binnen Minuten nach ihrem Fall zielsicher den Stamm des Baumes, von dem aus sie gestartet ist. Für baumlebende Ameisen ist das überlebenswichtig, denn sie erkennen "ihren" Baum anhand der Duftspur ihrer Kolonie, die den Weg zurück weist. Auf dem Waldboden wären sie verloren, dort könnten sie ihren Heimatbaum nie mehr wiederfinden.

Der Sprung in die Tiefe ist für die wehrlose Ameise eine wichtige Fluchtmöglichkeit, wenn oben im Geäst Gefahr droht. Seit Jahrzehnten erforscht man Baumkronen-Ameisen, dennoch wurde der gezielte Flug der flügellosen Tiere erst jetzt entdeckt - eine kleine Sensation: Dem unkontrollierten Taumeln folgt ein Gleitflug in stabiler Bauchlage. Dann dreht sich das Tier mit dem Hinterteil Richtung Baumstamm und landet dort zielsicher und elegant. So hat das Wunder der Evolution aus den Ameisen der Baumkronen Aeronauten mit erstaunlichen Fähigkeiten gemacht.

Hochspezialisierte Luftakrobaten

Die wahren Meister der Lüfte aber sind in der Dunkelheit unterwegs: Das kleine Panama beherbergt die größte Vielfalt an Fledermäusen weltweit. Auf einer Insel kleiner als Amrum leben 74 Fledermausarten - fast dreimal so viele wie in ganz Mitteleuropa. Das enge Zusammenleben wird möglich durch deren extreme Spezialisierung. Die bisher bekannten 1.100 Arten haben sich zum Beispiel völlig unterschiedliche Nahrungsquellen erschlossen - so kommen sie sich nicht ins Gehege. Manche ernähren sich ausschließlich von Nektar oder Früchten, andere fressen Insekten, wieder andere kleine Wirbeltiere wie Frösche. Und die Bulldoggfledermaus verfügt über besondere Krallen, mit denen sie sogar Fische packen kann.

Forscherin hält kleine Fledermaus zwischen den Fingern
Kleine Fledermaus Quelle: Inga Geipel

Forscher interessieren sich für das erstaunlich exakte Ortungssystem der Fledermäuse. Auf der Insel Barro Colorado, mitten im Panamakanal, werden die Tiere seit ein paar Jahren intensiv beobachtet. Mithilfe von Ultraschall können Fledermäuse selbst flinke Fische im Wasser präzise ausmachen. Experimente sollen die Echoortung der Fledermäuse besser verstehen helfen. Mit Kameras und Ultraschallmikrofonen lauern die Wissenschaftler den Luftakrobaten nachts auf. Eine Hochgeschwindigkeitskamera registriert kleinste Bewegungen, Sensoren an der Landestelle Geräusche und geringste Druckveränderungen. Eines Tages, so die Hoffnung der Wissenschaftler, könnte man die Forschungsergebnisse auch in eine für den Menschen nutzbare Technologie umsetzen: Roboter sollen mit neuen Systemen ausgerüstet werden, um sich zu orientieren - nach Fledermaus-Manier.

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