Schlüssel für Großtaten und Abgründe

Die preußischen Jahre zwischen 1640 und 1740

Wie kam es zur preußischen Erfolgsstory? Wie wurde König Friedrich II. ein "Großer"? Als Preußen noch Brandenburg heißt und im Jahre 1640 der Kurfürst Friedrich Wilhelm I., den man später "der Große Kurfürst" nennen wird, ans Regierungsruder gelangt, hat diese "unfruchtbarste Streusandbüchse des Reiches" eine ziemlich unbedeutende Geschichte unter der 200-jährigen Herrschaft der Familie Hohenzollern hinter sich.

Statue von Friedrich dem Großen Quelle: ZDF

Der Boden des Landes ist wenig ertragreich, Rohstoffe sind hier nicht zu finden, das Geld ist knapp, weil auch die Steuer zahlenden Untertanen knapp sind und weil zu dieser Zeit das Wort "Steuergerechtigkeit" noch bedeutet, dass der Adel von allen Steuerpflichten befreit ist und nur Kriegsdienst leisten muss. Nach dem Dreißigjährigen Krieg ist das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nur noch auf dem Papier existent. "Kaiser" ist bloß noch ein Ehrentitel. Jedes Fürstentum muss und will nun sein eigenes Süppchen kochen. Brandenburg zählt territorial immerhin zu den größten unter ihnen, neben Sachsen, Bayern und Österreich.

Vorerst letzter Zusammenhalt

Gesamtpolitisch betrachtet geht es mit der "Europäischen Gemeinschaft" in diesen Tagen übrigens deutlich bergab: Nur noch einmal, nämlich im Jahre 1683, wird es gelingen, sich in gemeinsamer europäischer Solidarität zusammenzuraufen, um in einer konzertierten Aktion die Türken vor Wien zu verjagen. Die Angst vor dem Einbruch der Muselmanen nach Mitteleuropa schweißt ein letztes Mal Protestanten, Katholiken, gesamtdeutsche Truppen, den polnischen König sowie die Kassenwarte des Papstes zusammen, um in der Schlacht am Kahlenberg die 200.000-Mann-Macht des Pascha Kara Mustafa zu brechen.

Europäische Solidarität im Sinne gemeinschaftlicher Ziele werden wir erst wieder 270 Jahre später erleben, als sich nach dem Trauma des Zweiten Weltkriegs die ersten europäischen Staaten auf gemeinsame wirtschaftspolitische Ziele einigen und in atemberaubender Kürze innerhalb von nur sechzig Jahren die Konstruktion unserer Europäischen Union mit 27 (!) Mitgliedsstaaten gelingt - eine politische Großtat im Turbotempo.

Konflikte in Übersee

Wie weit hingegen Anfang des 18. Jahrhunderts die zunehmende Isolierung der europäischen Staaten untereinander gediehen ist, zeigen zwei interessante Fakten. Zum einen: Der Konflikt zwischen England und Frankreich spielt sich längst woanders ab, nämlich in Übersee, genauer in Indien und Kanada. Es geht jetzt um mehr als um die Sicherung heimischer Territorien. Es geht um weltweite Dominanz. Die Kampfarenen weiten und technisieren sich - eine Frühform der Globalisierung.

Zum anderen: Jeder hat so seine eigenen Probleme, um die er sich alleine kümmern muss. Völlig unbeeinflusst voneinander können auf europäischem Boden zwei große Kriege parallel stattfinden. Südwestlich der bereits erwähnte Spanische Erbfolgekrieg (1701-1713), nordöstlich der große Nordische Krieg (1700-1721). In diesem Konflikt kämpft Zar Peter der Große gegen den schwedischen König Karl XII., um Russland mit der neuen Hauptstadt St. Petersburg einen Zugang zur Ostsee zu schaffen.

Zar Peter will lernen

Das ist die wichtigste Voraussetzung, um das Land aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Denn der agile Zar, auf dessen Siegel steht: "Ich bin ein Lernender, und Lehrer suche ich", will kulturell und politisch zu Europa aufschließen und Russland modernisieren. Nach der Niederlage der Schweden, die er mit viel taktischer Raffinesse 1709 durch die russischen Weiten bis hinab ins ukrainische Poltawa gelockt und dort besiegt hat, wird ihm dies auch gelingen, trotz aller Widerstände gegen die Neuerungen. Aber das ist jetzt noch Zukunftsmusik.

Im Jahr 1640 schläft der russische Bär noch, und für einen Kurfürsten wie den von Brandenburg zählt nur eins: sein eigenes Fürstentum. Und das möchte er vergrößern. Dabei hat Friedrich Wilhelm I. viele gute Ideen: Zunächst einmal braucht er Menschen. Steuer zahlende, arbeitende Menschen. Die Gelegenheit ist Schmied seines Glücks: Aus dem katholischen Frankreich Ludwigs fliehen Tausende protestantische Hugenotten, zumeist fleißige Handwerker und clevere Kaufleute. Der Kurfürst wird gut 20.000 von ihnen mit offenen Armen empfangen.

Friedrich Wilhelms Schaukelpolitik

Dann tut er politisch etwas, was prima in die Zeit passt: Er unterstützt politisch und militärisch mal diesen, mal jenen Machthaber, zeitweise sogar Frankreich. Diese Subsidienpolitik, auch spöttisch Schaukelpolitik genannt, spült Geld in die Staatskasse. Friedrich Wilhelm kann seine Armee mächtig vergrößern: von kläglichen 3000 Mann bei Regierungsantritt auf 30.000 (!) bei seinem Tod 1688. Und statt dem unbegabten Adel die Ämter der expandierenden Verwaltung nur der gewünschten Ehre wegen zuzuschanzen, wird eine effektive Beamtenschaft installiert. Jetzt schlägt die Geburtsstunde des deutschen Beamtentums: Als Adelsersatz entsteht mit der neuen Kaste ein starker Arm der Staatsmacht.

Diese preußische Einrichtung wirkt geschichtlich lange fort und ist später auch oft karikiert worden. Wir erinnern uns, dass das am witzigsten der Schriftsteller Heinrich Mann gemacht hat in seinem Roman "Der Untertan": Der deutsche Beamte soll weder schöpferisch sein noch eigenständig denken, sondern gehorsam, staatstragend, unbestechlich, sparsam und korrekt die ihm zugeteilten Aufgaben loyal abarbeiten. Dabei gleicht seine Identität der eines Radfahrers: nach unten treten und nach oben buckeln.

Erste Umsatzsteuer Europas

Und dann eine ganz neue, pfiffige Idee: Da die Grundsteuer, die der Adel ja ohnehin nicht zahlt, nicht ausreicht, wird eine Verbrauchssteuer eingeführt, die erste Umsatzsteuer Europas. Die abschließende Krönung Brandenburgs, das sich seit damals nach seiner ostpreußischen, aus polnischer Lehnsherrschaft befreiten Neuerwerbung "Königreich Preußen" nennt, erfolgt 1701. Der Preis Friedrichs I. für die Option auf die Königswürde ist ein Hilfsversprechen im Spanischen Erbfolgekrieg: Wie der Sohn darf sich der Enkel des Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelm I., König nennen.

Schon die Zeitgenossen haben ihn "Soldatenkönig" getauft. Und so sieht sich König Friedrich Wilhelm I. auch selbst am liebsten. Er ist der erste Monarch, der ständig in einer Soldatenuniform herumläuft, und er setzt auf soldatische Tugenden: Unterordnung, Gehorsam und Pflichterfüllung. Der Kultur, der Kunst und Philosophie ist er kaum gewogen. Es muss dem Staat schon etwas einbringen: Die "Wirtschaftslehre" wird durch ihn zur Universitätswissenschaft. Er führt die allgemeine Schulpflicht ein, aber Pädagogik ist nicht so sein Fach: Seinen Sohn, den späteren Friedrich den Großen, traumatisiert er als 18-Jährigen, als dieser versucht, mit Hilfe eines Freundes dem militärischen Drill bei Hofe zu entfliehen. Vor den Augen des Sohnes lässt er dessen getreuen Katte enthaupten.

Militärstaat Preußen

Auch wirtschaftlich ist die Vorliebe des Soldatenkönigs für Strenge und Gehorsam eindrücklich belegbar: Zwei Drittel des Staatshaushalts fließen 1740 in die Armee. Preußen ist ein Militärstaat. Dem König gelingt es sogar, dem Adel einzureden, dass sich die höchsten Tugenden des Menschen im "Werkzeug Soldat " abbilden. Der Dienst an der Waffe wird zu einer letztgültigen Frage der Ehre. Wie nachhaltig diese Einstellung bei der weiteren Entwicklung der Nationalstaaten gewirkt hat, zeigt die Betrachtung der "ritterlichen" Ehrenkodizes, die dann Anfang des 20. Jahrhunderts das Verhalten der gesamten europäischen Offizierskaste geprägt haben.

Überhaupt: Wenig hat so intensiv auf die weitere deutsche Geschichte eingewirkt wie diese hundert preußischen Jahre zwischen 1640 und 1740. Hier liegt der Schlüssel für vieles, was dann kam. Für die großartigen Leistungen, aber auch für die schrecklichen Abgründe.

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