Schlüssel zum astronomischen Wissen

Interview mit dem Astronom Rahlf Hansen

Rahlf Hansen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Planetarium Hamburg. Ihm ist es gelungen, die Codes der Angleichung von Sonnen- und Mondjahr auf der Himmelsscheibe von Nebra zu erklären. Er deutet das Bild als Illustration einer Schaltregel, die in späterer Zeit in Keilschrifttexten aus Babylon (8. Jh. v. Ch.) festgehalten wurde.

Plejaden mit Mondsichel
Plejaden mit Mondsichel

ZDF: Die Himmelsscheibe von Nebra erweist sich als ein astronomisches Bild. Welches astronomische Wissen bildet die Himmelsscheibe ursprünglich ab?

Rahlf Hansen: Jeder erkennt auf der Himmelsscheibe von Nebra sofort Sonne, Mond und Sterne. Aber sie bilden keinen realistischen Himmelsanblick ab, sondern eine mehrfach verschlüsseltes Memogramm - eine Erinnerungshilfe in einer schriftlosen Kultur. Die Rosette stellt die Plejaden, auch Siebengestirn genannt, im Sternbild des Stiers da. Sie werden In vielen Kulturen als Kalendersterne benutzt. Prof. Schlosser, dessen Deutungen ich zustimme und darauf aufbaue, erkennt in der Kombination von Vollmond und Plejaden sowie Sichelmond und Plejaden zwei wichtige Termine im Sonnenjahr zu Herbst und Frühling. Die restlichen Sterne stellen nach ihm einen abstrakten Himmel ohne konkrete Sternbilder dar. Auf diese Erkenntnisse baute ich meine Deutung auf.

ZDF: Die Himmelsscheibe ist eine Kalenderhilfe?

Hansen: Ja, um die Rhythmen von Sonnenlauf und Mondlauf in Übereinstimmung zu bringen. Das Problem ist, dass ein Mondjahr mit 12 Mondmonaten zu rund 29,5 Tagen 11 Tage kürzer ist als ein Sonnenjahr mit 365 Tagen. Wir kennen dies aus dem islamischen Kulturkreis. Der Ramadan liegt in jedem Jahr etwa 11 Tage früher und verschiebt sich so in rund 32 Sonnenjahren einmal durch alle Jahreszeiten. Der Vorteil des islamischen Mondkalenders ist, dass die Dicke des Mondes - mit etwas Erfahrung - den genauen Tag im Mondmonat anzeigt. Mit der schmalen Mondsichel abends im Westen beginnt dieser Mondmonat.

Bei unserem Sonnen-Kalender hat der Monat mit dem Mond nichts zu tun. Dafür verliert der Mondkalender mit der Zeit den Bezug zu den Jahreszeiten. Früher, als es noch keine Handys und Taschenkalender gab, hat man aber gerne sowohl den Mond als auch die Sonne im Kalender berücksichtigt und am Himmel die Termine mit Hilfe des Mondes und der Sterne abgelesen.

ZDF: Wie konnten die Menschen damals ihren Kalender berechnen?

Hansen: Um den Mondlauf mit dem Sonnenlauf zu harmonisieren, benötigt man knapp alle drei Jahre einen zusätzlichen 13. Schaltmonat. Damit kann man sich immer noch nach dem Mond richten, die Monate bleiben aber - mit leichten Schwankungen, wie bei unserem Osterfest - in ihrer Jahreszeit.

Da in der Bronzezeit Zinn für die Bronze über enorme Entfernungen gehandelt wurde, können mit den Händlern auch Ideen gewandert sein. Ich gehe davon aus, dass ein Ideentransfer aus Babylon eine praktische Schaltregel nach Mitteleuropa gebracht hat. Die babylonische Schaltregel nutzt die Plejaden und kombiniert sie mit dem Mond. Diese Kombination ist sehr fortschrittlich und raffiniert und taucht unabhängig von Babylon sonst nirgends auf: Man betrachtet die Dicke des Mondes, der jeden Monat an den Plejaden vorbei zieht, im vermeintlichen Frühlingsmonat. Ist der Kalender intakt, dann sollte es eine sehr schmale Mondsichel sein.

Ist der Mond bei den Plejaden jedoch so dick wie auf der Scheibe, dann muss ein Schaltmonat eingefügt werden. Diese Regel ist in den 32 Sternen auch ein zweites Mal auf der Himmelsscheibe verschlüsselt. Die ursprüngliche Himmelsscheibe war also die Anleitung wie ein Mond-Sonnen-Kalender zu führen sei und wann man die notwendigen Schaltungen vornehmen sollte.

Randbögen der Himmelsscheibe
Randbögen der Himmelsscheibe (Phase II)

ZDF: Welche Bedeutung besitzen die auf der Scheibe dokumentierten nachträglichen Veränderungen?

Hansen: Die erste Änderung konnte von Prof. Schlosser schlüssig astronomisch interpretiert werden. Die Randbögen geben den Winkel am Horizont an, in dem die Sonne im Jahreslauf auf- und untergeht. Damit wird deutlich, was auch schon in der "Urscheibe" angedeutet war, dass der Rand der Scheibe den Horizont abbildet. Mit den Randbögen kann man auch die Himmelsrichtungen auf der Scheibe festlegen. Sie liegen wie auf einer modernen Sternkarte. Damit verbindet sich das Weltbild eines kuppelförmigen Himmels, der sich über die Erde wölbt. Der Grieche Thales von Milet hat dieses Weltbild vertreten - jedoch erst 1000 Jahre später!

ZDF: Wie fügt sich die nächste Veränderung, die Einfügung der Himmelsbarke, in das Bild?

Schiff auf Himmelsscheibe (Phase IV)
Schiff auf Himmelsscheibe (Phase IV)

Hansen: Die nächste Ergänzung wird von den meisten Archäologen als Barke interpretiert. Meine Frau und ich haben verschiedene astronomische Thesen durchgespielt und letztlich keine wirklich bestechende Antwort gefunden. Auch in der Literatur fanden wir keine astronomische Deutung der Barke, die uns überzeugte. Dagegen deckt sich jedoch die Ansicht, dass dies ein Schiff sei, mit der zeitnahen Verbreitung von Schiffsdarstellungen in der nordischen Bronzezeit. Schiffe scheinen die Sonne zu transportieren. Damit wäre die Barke kein astronomisches Motiv, sondern ein kultisches.

ZDF: Die dritte Veränderung war die Randlochung...

Hansen: Interessanter Weise beinhaltete die "Urscheibe" das komplexeste Wissen und das nahm mit jeder Veränderung ab. Die Randlöcher sind, aller Wahrscheinlichkeit nach, dazu genutzt worden, um die Scheibe z.B. auf Leder "aufzunähen". Vielleicht, um sie dann als Standarte öffentlich zu zeigen. Als letztes wurde ein Randbogen abgetrennt und die Scheibe "vergraben". Einen Gegenstand vor dem "Begräbnis" zu beschädigen und ihn so dem profanen Gebrauch zu entziehen, war ein damals geläufiger Brauch.

ZDF: Gibt es aus Ihrer Sicht eine Erklärung für die " Beisetzung" der Himmelsscheibe um 1600 vor Christus?

Hansen: Mögliche Gründe gibt es in der Entwicklung des astronomischen Wissens. Die Himmelsscheibe von Nebra beinhaltet nicht nur eine Anleitung für die Führung eines Mond-Sonne-Kalenders, sondern auch eine Erwartung, wie häufig vermutlich geschaltet werden wird. Diese Erwartung kann man mit denen nach der Schaltregel tatsächlich getätigten Schaltungen vergleichen und die Erwartung korrigieren und so den Kalender verbessern. Meine Frau und ich haben weitere Objekte aus der mitteleuropäischen Bronzezeit betrachtet und dazu Thesen aufgestellt. Es war die Arbeit von Dr.Sommerfeld, die uns schließlich auf eine Spur brachte.

ZDF: Die Spur führte Sie nach Trundholm im heutigen Dänemark ?

Hansen: Der Sonnenwagen von Trundholm kann als ein erfolgreicher Versuch betrachtet werden, Mondfinsternisse vorher zu sagen. Der daraus abgeleitetet Finsterniszyklus findet sich auch an anderer Stelle wieder, zum Beispiel auf dem Berliner Goldhut, im dortigen Museum. Das führte zu einer weiteren Verbesserung des Kalenders, die Prof. Menghin auf diesem Goldhut nachweisen konnte.
Die Himmelscheibe und ebenso der Goldhut hatte einen Nutzen für eine gewisse Zeit. Dann wurde das Wissen ergänzt und fortgeschrieben, so dass die alten Objekte schließlich durch neue ersetzt werden konnten und entbehrlich wurden. Sie wurden aber nicht einfach weg geworfen, sondern "bestattet" oder den Göttern geopfert.

ZDF: Welche Bedeutung besitzt der Fund von Nebra für die Astronomie?

Hansen: Die Himmelsscheibe gibt uns mit ihrem ursprünglich klaren Bild einen Schlüssel in die Hand, um etwas über das astronomische Wissen vor 3600 Jahren in Mitteleuropa zu erfahren. Mit diesem Schlüssel kann man auch andere Objekte deuten und sogar eine Entwicklung der damaligen Astronomie feststellen. Dieses Wissen überrascht uns heute und zeigt, dass man auch ohne Schrift zu erstaunlichen Erkenntnissen kommen kann. Außerdem gibt sie Hinweise auf einen Wissensaustausch über gewaltige Entfernungen und zeigt uns die Bronzezeit als eine sehr viel mehr globalisierte Welt, als man es bisher vielleicht annahm.

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