Schöne neue Neuro-Welt?

Potenziale und Grenzen der Neuromedizin

Einen Herzschrittmacher einzupflanzen ist längst Routine - anders bei Hirnschrittmachern. Denn das Gehirn ist die biologische Grundlage für unsere Persönlichkeit. Sollte man deshalb die Finger davon lassen? Wie weit darf man gehen, um den Menschen zu optimieren? Mit der Beantwortung dieser Fragen tun sich Medizin-Ethiker derzeit noch schwer.

Samstag, 17. März 2057: Alain Degas, Arzt in einer Pariser Klinik, hat bis sechs Uhr seinen Geburtstag in einem Nachtclub gefeiert. In einer Stunde beginnt seine Schicht. Dass er weder müde ist, noch Alkohol im Blut hat, verdankt er einem Chip im rechten Oberarm. Der Chip reguliert die Ausschüttung von Hormonen, Neurotransmittern und anderen Stoffen, die Körper- und Hirnfunktionen optimieren.

Bei vielen Menschen schrillen bei diesem Zukunftsszenario alle Alarmglocken. Es werden Erinnerungen wach an Aldous Huxleys "Schöne neue Welt". Durch Drogen und psychische Manipulation ruhig gestellt, verlieren hier die Menschen die Fähigkeit zum kritischen Denken.

Hirndoping zur Leistungssteigerung

Doch die Gleichung Hirndoping gleich Gehirnwäsche geht nicht so einfach auf, wie es auf den ersten Blick scheint, meint der Tübinger Neuro-Mediziner und Philosoph Matthis Synofzik. Er hält nichts von der aufgeregten Debatte und den üblichen Horroszenarien: "Wenn Leute sagen, sie optimieren ihr Gefühl durch ein Glas Rotwein jeden Tag - da sagt auch keiner was. Die Frage ist nicht, ob wir unser Gehirn optimieren sollten, sondern in welcher Weise, mit welchem Nutzen - und welche Schadensrisiken wir dafür in Kauf nehmen wollen."

Andere hingegen lehnen Neuro-Enhancement - wie die Medikamentenbehandlung zur Steigerung der geistigen und psychischen Leistungen genannt wird - ab, weil es weder der "normalen" Natur des Menschen entspricht noch eine Krankheitstherapie ist. Wenn ein Mensch gesund und "normal" leistungsfähig ist, so die Argumentation, dann sollte man ihm keinen Chip einsetzen, der ihn noch leistungsfähiger macht.

Ethik soll Entscheidungskriterien liefern

Doch was ist eigentlich "normal"? Welches Verhalten ist krank? Und wie lässt sich Normalität messen? Gar nicht, meint Synofzik. Was normal ist, werde von jeder Person, in jeder Zeit und in jeder Kultur anders definiert. Ähnliches gilt für den Begriff Krankheit. Gerade im Bereich der seelischen Störungen gibt es einen weiten Bereich, der sich einer klaren Norm oder einer genauen Diagnose entzieht. "Mit diesen ganzen Konzepten kommen wir kaum weiter, weil wir darüber keinen Konsens haben", sagt der Arzt.

Als Aufgabe der Medizin-Ethik sieht er es deshalb nicht zu bestimmen, was normal und was nicht normal ist. Vielmehr sollte die Ethik klare Kriterien finden, die dem Einzelnen helfen, sich für oder gegen einen medizinischen Eingriff zu entscheiden. Diese Kriterien seien im Grunde die selben wie für andere bioethische Probleme: Bietet die Behandlung dem Menschen einen Nutzen? Überwiegt der Nutzen den Schaden? Ist sie wohl überlegt und gewollt?

Auch der subjektive Nutzen zählt

Auch der Bioethik-Experte Jens Clausen betont, dass in der Enhancement-Debatte das subjektive Krankheitsempfinden berücksichtigt und der Nutzen gegenüber dem Schaden abgewogen werden muss. Er bringt jedoch noch einen weiteren Gesichtspunkt ins Spiel: die Gefahr eines "mechanistischen" Menschenbildes. Wenn es möglich ist, den Menschen zu "tunen", dann könnte es sein, dass wir ihn ohne Sonderausstattung mit all seinen Schwächen und kleinen Macken überhaupt nicht mehr akzeptieren. "Es könnte auch sein, dass Menschen sich dann wie Maschinen behandeln und den Respekt voreinander verlieren."

Und noch eine Frage beschäftigt die Medizin-Ethiker: Wenn Maschinenteile den Menschen ergänzen, wen kann man dann verantwortlich machen, wenn die Technik einen Aussetzer hat? Jens Clausen: "Wenn man die Prothese als integralen Bestandteil des Menschen ansieht, dann wäre der Mensch selber dafür verantwortlich, was mit der Prothese passiert." Er hätte sich mit der Entscheidung für die Technik auch entschieden, mögliche Komplikationen in Kauf zu nehmen. Denkbar wäre aber auch, dass der Hersteller verantwortlich und damit auch haftbar gemacht wird.

Die Frage der Verantwortung

Genauso schwierig wie die Frage nach der Verantwortlichkeit ist die Frage zu beantworten, wie viel Technik ein Mensch in sich haben kann, damit er noch ein menschliches Wesen ist. "Wenn sich beides aufeinander zu bewegt und integriert, dann verschwimmen auch die Grenzen", sagt Jens Clausen. "Dann ist die Frage, wo der Mensch aufhört und wo die Maschine anfängt."

Für den Arzt Matthis Synofzik verbietet es sich, hier von außen Wertungen vorzunehmen: "Wir haben immer schon Mensch und Technik integriert. Wie arrogant wäre es dann zu sagen 'ich weiß nicht, ob das noch menschlich ist'. Wenn es einen Patienten gibt, der 30 Hirnsonden braucht, dann machen wir das. Dann ist mir egal, ob bestimmte Ethiker das noch als Mensch bezeichnen."

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