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Schottland – Der Mythos der Highlands

Natur und Kultur auf Unabhängigkeitskurs

Dirk Steffens, stehend zwischen Menhiren (aufgerichteten langen Steinen) in Schottland

Doku | Terra X - Schottland – Der Mythos der Highlands

Faszination Erde mit Dirk Steffens: Die schottischen Highlands sind ein Sehnsuchtsort. Dirk Steffens erkundet, worauf sich der Mythos gründet, und enthüllt die wahren Geschichten.

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Deutschland 2015

Schroffe Berge, grüne Schluchten und glasklare Lochs: Die Highlands in Schottland sind ein Sehnsuchtsort. Kaum ein anderes Land lebt so sehr von seinem Mythos und seinen Geschichten. Die Freiheitskämpfe der Schotten gegen die Engländer sind legendär, und Schottlands Natur ist ganz auf Freiheit getrimmt. Auch aus geologischer Sicht ist das Land sehr eigenständig. Das Unabhängigkeitsbestreben der Schotten ist buchstäblich in Stein gemeißelt.

Die Berge Schottlands berichten von einer Vergangenheit voller Spannungen. Dass es die Highlands überhaupt gibt, ist der Beweis dafür, dass England und Schottland in der Erdgeschichte viele Millionen Jahre lang völlig unterschiedliche Wege gegangen sind.

Getrennte Kontinente

Die Felsformation Whin Sill im Panorama
Die Felsen Whin Sill entstand, wo die Kontinente einst aufeinandertrafen.

Entscheidende Hinweise geben versteinerte Überreste von Trilobiten. Diese Urzeitkrebse bevölkerten vor rund 500 Millionen Jahren die Weltmeere und sind in fossiler Form sehr zahlreich in vielen Gebieten der Erde erhalten geblieben. Fossilien bestimmter Trilobiten-Arten fand man allerdings nur im Süden Großbritanniens, andere Arten wiederum nur im Norden der Insel. Weil die „schottischen“ Trilobiten auch auf Grönland und in Nordamerika gefunden wurden und der südenglische Typus auch auf dem europäischen Kontinent, gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Arten damals auf unterschiedlichen Kontinenten lebten: Schottland war Teil des Superkontinents Laurentia, England gehörte zu Gondwana. Erst vor rund 410 Millionen Jahren fanden die Länder zueinander. Beim Crash der beiden Urkontinente schoben sich die Highlands nach oben. Einst waren sie so hoch wie der Mount Everest, heute ragen die Berge der Highlands nur noch bis zu 1300 Meter auf. Das gigantische Massiv war Jahrmillionen der Erosion ausgesetzt. Wind und Wetter haben das Gestein abgetragen und die Bergflanken allmählich ausgewaschen.

Dort wo einst die Kontinente aufeinanderprallten, findet sich heute noch eine natürliche Grenze: Whin Sill trennt als steinerne Barriere Schottland von England. Den natürlichen Wall haben die Römer 122 bis 128 n. Chr. auf Anordnung Kaiser Hadrians durch einen künstlichen erhöht: den Hadrianswall. Der Hadrianswall, eine ursprünglich sechs Meter hohe und bis zu drei Meter dicke Mauer, bildete in der Blütezeit des Römischen Reiches dessen nördlichste Grenze und markierte für die Römer das Ende der zivilisierten Welt. Auf der anderen Seite lebten in ihrer Vorstellung die Barbaren – Krieger mit ungewöhnlichen Tätowierungen, die sie Pikten, die „Bemalten“, nannten. Römische Geschichtsschreiber verbreiteten wahre Horrorgeschichten über die Pikten. Sie schrieben ihnen grausame Kampfmethoden, seltsame Bräuche und sogar Menschenopfer zu.

Begeistert von Schottland

Landschaft in Schottland mit idyllischem See und Burg
Walter Scott feierte in seinen Büchern Schottlands idyllische Landschaften.

Über Jahrhunderte prägten der Freiheitskampf der Schotten und die daraus entstandene Feindschaft die Beziehung zwischen England und Schottland. Das änderte sich im 19. Jahrhundert, als der Schriftsteller Walter Scott in seinen Gedichten und Romanen Schottlands idyllische Landschaften als Gegenbild zum industrialisierten England feierte. Seine Bücher wurden Bestseller, und Schottland wurde zum liebsten Urlaubsziel der Engländer.

Als der englische König Georg IV. 1822 seinen Besuch in Schottland ankündigte, hatte Scott die Idee, sich als Modedesigner zu betätigen: Er ließ verschiedene Karomusterstoffe – Tartans – kreieren, stattete die Oberhäupter der verschiedenen Clans mit jeweils eigenen Tartans aus und ließ sie zu Ehren des Königs aufmarschieren. Dieser war begeistert und hüllte sich selbst in eine schottische Tracht. Die scheinbar so alte Tradition der verschiedenen Clan-Tartans ist somit die Erfindung eines Schriftstellers. So ist vieles, was heute als typisch schottisch gilt, das Resultat von schön geschriebenen Geschichten.

Archäologische Sensation

Ring of Brodgar aus der Vogelperspektive
Der Ring of Brodgar, einer der schönsten Steinkreise der Jungsteinzeit

Auf den Orkneyinseln hoch im Norden haben Archäologen Entdeckungen gemacht, die die Bedeutung Schottlands für ganz Großbritannien neu definieren. Der Ring of Brodgar, ein Steinkreis von etwa 100 Meter Durchmesser, umgeben von Erdwällen, stammt aus der Jungsteinzeit. Von den ursprünglich 60 großen Monolithen, den Menhirs, sind 27 erhalten. Der Ring of Brodgar ist Teil einer viel größeren, wohl durchdachten Anlage. In der Nähe gibt es die Stones of Stenness, und genau zwischen diesen beiden Steinkreisen, auf einer Landbrücke, sind Archäologen auf einen großen Tempel gestoßen. Das Team der Archäologen um Nick Card steht bei den Ausgrabungen noch ganz am Anfang, erst ein Zehntel der Struktur wurde freigelegt. Einige Fakten stehen jedoch schon fest: Die Anlage ist rund 5200 Jahre alt und somit älter als Stonehenge in Südengland. Und sie ist größer und komplexer als alle anderen Anlagen in Nordeuropa. Auf dem Gelände gab es Dutzende massive Gebäude, die von einer hohen und mächtigen Mauer umgeben waren.

Wozu die Anlage diente, ist nicht einfach zu rekonstruieren. Aus zeitlich datierbaren Abfällen schließen die Archäologen, dass die Anlage nicht dauerhaft bewohnt war, sondern vermutlich für rituelle Feste genutzt wurde. Die These der Forscher: Der Tempel versinnbildlicht das Portal zwischen Leben und Tod. Die Menschen sind in einer Prozession vom Land der Lebenden, den Stones of Stenness, durch den Tempel zum Land der Toten, dem Ring of Brodgar, geschritten. Dieser Ort scheint eine kulturelle Strahlkraft gehabt zu haben, die weit über die Region hinaus wirkte. Bei den Ausgrabungen wurden Keramikscherben entdeckt, die älter sind als vergleichbare Fundstücke aus England. Das bedeutet: Die auf den Orkneyinseln entwickelte Keramik eroberte nach und nach den Süden. Standen die Menschen auf Orkney einmal am Anfang einer kulturellen Bewegung? Die bisherigen Vorstellungen vom zivilisierten Süden und barbarischen Norden würde das ziemlich auf den Kopf stellen. Forscher glauben, dass selbst die Idee, derart komplexe Steinkreise zu bauen, auf schottischem Gebiet entstanden sein könnte. Der Stolz der Schotten auf ihr Land ist also gut begründet.

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