Selbstmord oder technischer Defekt?

Noch immer ist unklar, warum Saint-Exupéry so tief flog

Seit seinem Verschwinden wurde immer wieder die Vermutung geäußert, Antoine de Saint-Exupéry könnte sich selbst das Leben genommen haben. Eine weitere Möglichkeit stellt die Überlegung dar, der Absturz könne einen technischen Defekt der Maschine zur Ursache haben.

Antoine de Saint-Exupéry im Cockpit eines Flugzeugs Quelle: ZDF

Gestützt wird die Selbstmord-Annahme von einigen Äußerungen Saint-Exupérys in Briefen und in Gesprächen mit Freunden. Am Tag seines Verschwindens ließ Antoine de Saint-Exupéry zwei Briefe auf seinem Tisch liegen. In ihnen finden sich die folgenden Sätze: "Sollte ich abgeschossen werden, werde ich rein gar nichts bedauern. Vor dem künftigen Termitenhaufen graut mir. Und ich hasse ihre Robotertugend. Ich war dazu geschaffen, Gärtner zu sein. Ich umarme Sie." "Viermal wäre es fast aus mit mir gewesen. Das ist mir so schwindelerregend gleichgültig."

"Ich werde nichts bedauern müssen"

Saint-Exupéry hatte sich seit Langem darauf vorbereitet, bei einem seiner Einsätze den Tod finden zu können.Waren seine Flüge von Beginn an lebensgefährlich gewesen, so schien es ihm nun wahrscheinlich, den Krieg nicht mehr zu überleben, was er auch Freunden gegenüber andeutete. "Und wenn ich sterbe, das versichere ich dir, werde ich nichts bedauern müssen", hatte er 1942 gegenüber einem Freund, dem Journalisten Jean-Gérard Fleury geäußert, als er sich in New York von ihm verabschiedete.

Doch kann man deshalb annehmen, der Autor habe sich am 31. Juli 1944 das Leben genommen? Gewiss sprechen die Äußerungen Saint-Exupérys die Sprache eines Kriegsverdrossenen. Es sind Äußerungen eines enttäuschten Idealisten, der das große Ganze wichtiger nimmt als die eigenen Geschicke. Allerdings hatte der Schriftsteller noch immer das Ziel eines befreiten Frankreichs vor Augen. Im Kampf um dieses Ziel war er bereit, sein Leben zu opfern.

Ideell stark besetztes Ziel

In der psychologischen Suizidforschung gilt es als unwahrscheinlich, dass sich ein Mensch das Leben nimmt, wenn er zugleich ein Ziel verfolgt, das ideell stark besetzt ist. Wohlgemerkt schreibt Saint-Exupéry nicht, dass ihm der Ausgang des Krieges inzwischen gleichgültig geworden sei oder er seine Einsätze als sinnlos empfunden habe. Er hatte es vielmehr gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten durchgesetzt, zur Befreiung Frankreichs auf seine Weise beitragen zu können. Ein Mensch, der sich so stark an sein Ziel bindet, weiß, dass er für die Seinen wertlos wird, wenn er sich das Leben nimmt.

Ein weiteres Indiz, das gegen die Selbstmordtheorie spricht, ist die Mitteilsamkeit Saint-Exupérys. Wäre es nicht anzunehmen, dass jemand, der sich so ausführlich in Wort und Schrift über seine Motive und Handlungen äußert, wie Saint-Exupéry dies getan hat, einen eindeutigen Abschiedsbrief hinterlassen hätte, wenn er vorgehabt hätte, sich das Leben zu nehmen? Da weder ein Abschiedsbrief noch eine Zeugenaussage existieren, die einen konkreten Hinweis auf einen Selbstmordversuch geben könnten, gibt es keinen Beweis, der die Behauptung, Saint-Exupéry habe sich in einer Kurzschlusshandlung umgebracht, stützen könnte.

Spekulative Behauptung

Nicht ausschließen können wir hingegen eine gewisse Schicksalsergebenheit Saint-Exupérys für den Fall eines Abschusses. Dieses Akzeptieren eines etwaigen Abschusses geht aus den Aufzeichnungen klar hervor. Die Selbstmordtheorie lässt sich jedoch weder verifizieren noch falsifizieren. Sie stellt somit eine spekulative Behauptung oder Mutmaßung mit sehr geringfügigen Anhaltspunkten für ihre Richtigkeit dar.

Vereisende Versorgungsschläuche

Eine weitere Möglichkeit, das Rätsel um das Verschwinden Antoine de Saint-Exupérys zu lösen, stellt die Überlegung dar, der Absturz könne auf einen technischen Defekt der Maschine zurückzuführen sein. Das Fliegen in großen Höhen war im Jahr 1944 erst wenige Jahre jung. Ab einer Flughöhe von 3500 Metern ist der Mensch in der Regel auf künstliche Sauerstoffzufuhr angewiesen.

Da die damaligen Maschinen nicht mit druckregulierten Kabinen, wie wir sie heute aus Verkehrsflugzeugen kennen, ausgestattet waren, musste der Pilot wie ein Taucher über eine Maske atmen, die an eine Flasche mit komprimiertem Sauerstoff angeschlossen war. In jenen Anfängen des Höhenflugs kam es jedoch häufiger vor, dass die Versorgungsschläuche, die zur Atemmaske des Piloten führten, vereisten. Da Sauerstoff ein geruchloses Gas ist, ist das Aussetzen der Sauerstoffzufuhr nur schwer zu bemerken. Saint-Exupéry selbst beschreibt in Flug nach Arras mehrmals, wie die Sauerstoffversorgung in großer Höhe aussetzte.

Im Jahr 1944 galt die von Antoine de Saint-Exupéry geflogene P-38 Lightning des Herstellers Lockheed als modernstes im Kriegseinsatz befindliches Flugzeug. Doch auch diese Maschine wies regelmäßig Mängel im Sauerstoffsystem auf. So berichtet Saint-Exupérys Vorgesetzter Jean Leleu von einem Ausfall des Sauerstoffsystems am 29. Juni 1944.36 Da Saint-Exupéry eine unbewaffnete Maschine flog, die für Aufklärungsflüge mit einem Kamera- statt mit einem Waffensystem ausgestattet war, konnte er feindlichen Flugzeugen nur dadurch entkommen, dass er in Höhen aufstieg, die von deutschen Jagdfliegern nicht erreicht werden konnten.

Anfällige Elektrik

Fiel die Sauerstoffzufuhr aus, war der Pilot einer zur Aufklärungsmaschine umgerüsteten P-38 Lightning ein mögliches Opfer für etwaige Angreifer, da er sich auf wenige tausend Meter Flughöhe hinabbegeben musste. Saint-Exupéry selbst schreibt von mehreren technischen Defekten, die seine Einsätze im Juni und Juli 1944 immer wieder verzögerten. Einmal ist es ein Motorschaden, der während des Fluges unbemerkt bleibt und glimpflich verläuft. Ein andermal ist die "Elektrik durcheinandergekommen, und alles ist durchgebrannt: Starter, Funk und so weiter".

So ist es durchaus möglich, dass Saint-Exupéry auf seinem letzten Flug am 31. Juli 1944 mit einem technischen Defekt seiner P-38 Lightning zu kämpfen hatte. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass er nur aufgrund eines solchen Defekts abgestürzt ist. Dies können wir aus zwei Gründen behaupten: Zum einen war Saint-Exupéry ein ausgesprochen erfahrener Pilot, der auch mit defekten Maschinen immer wieder lange Strecken zurückgelegt hatte und sich zumindest außer Reichweite der deutschen Linien hätte retten können.

Unkontrollierter Absturz

Zum anderen lässt sich als einer der wenigen Anhaltspunkte für die Absturzursache an den Wrackteilen der P-38 feststellen, dass sie mit sehr hoher Geschwindigkeit auf die Wasseroberfläche geprallt sein muss. Ein solcher, vermutlich senkrechter Aufprall macht einen technischen Defekt als einzige Ursache für den Absturz unwahrscheinlich. Denn ein senkrechtes Aufschlagen auf die Wasseroberfläche kommt meist dann vor, wenn ein Flugzeug in größerer Höhe abgeschossen wird und völlig unkontrolliert abstürzt. Bei einem Ausfall der Triebwerke etwa könnte ein Pilot versuchen zu wassern, wodurch die Überlebenschance steigen und das Flugzeug in flachem Winkel auf die Oberfläche aufsetzen würde.

Da das Wrack von Saint-Exupérys P-38 Lightning bis auf wenige Teile vollkommen zerstört wurde, lässt sich bislang nicht feststellen, ob ein technischer Defekt vorlag, bevor die Maschine abstürzte.Wir können jedoch davon ausgehen, dass ein technischer Defekt zumindest nicht als alleinige Erklärung für den Tod des Schriftstellers geeignet scheint. Möglich ist allerdings, dass die Flugfähigkeit der P-38 aufgrund eines technischen Defekts eingeschränkt war und sie somit ein leichtes Ziel für einen feindlichen Jagdflieger bot.

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