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Sendschreiben mit Folgen

Winckelmann stellt das Königshaus an den Pranger

Monatelang beobachtet Johann Joachim Winckelmann die Ausgrabungsaktivitäten am Golf von Neapel. Die Zustände sind für den Altertumsforscher unerträglich. Er möchte das dilettantische Vorgehen Alcubierres öffentlich machen und entscheidet sich für einen Frontalangriff.

Winckelmann verfasst Sendschreiben
Winckelmann verfasst Sendschreiben Quelle: ZDF

Ende 1762 veröffentlicht er das erste "Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen". Über ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn der Grabungen erfährt Europa zum ersten Mal Details aus den verschütteten Städten am Vesuv. Der wissenschaftliche Report ist zugleich eine Anklageschrift. Winckelmann lässt seiner Entrüstung freien Lauf. Er prangert die Gier des Königshauses und den dilettantischen Umgang mit den Kunstwerken an.

Winckelmann verfasst Sendschreiben
Winckelmann verfasst Sendschreiben Quelle: ZDF

Der erste archäologische Bericht

Auch gibt er dem Publikum eine Ahnung der Intrigen und der Geheimnistuerei, die sich um die Ausgrabungen spinnen. Einzig die Arbeit Carl Webers lobt Winckelmann: "diesem verständigen Mann hat man alle guten Anstalten, die nachher gemacht sind, zu danken." Winckelmann beschreibt und ordnet die Funde wie niemand zuvor - sein Sendschreiben gilt als der erste archäologische Bericht der Geschichte.

Das Echo auf Winckelmanns "Sendschreiben" ist enorm. Am Vesuv setzt ein regelrechter Archäologie-Tourismus ein. Der Besuch der Ausgrabungsstätten wird für die reisende Elite Europas zum Programmpunkt ihrer "Grand Tour". Ein bevorzugtes Ziel ist das bis heute verschüttete Theater von Herculaneum - wo die Ausgrabung der Vesuvstädte begann. Mit Fackeln ausgerüstet stiegen die Besucher im 18. Jahrhundert in die engen Stollen hinab. Ein Rundgang durch die in Lava gegossene Geschichte. Johann Wolfgang von Goethe schreibt nach einem Besuch: "Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres."

Gemälde "Archäologie-Tourismus"
Gemälde "Archäologie-Tourismus" Quelle: ZDF

Hingabe an antike Ideale

Winckelmanns Werk bringt dem Sohn eines Schusters Wohlstand und Anerkennung. Vor allem im deutschsprachigen Raum beflügeln Winckelmanns Arbeiten die Begeisterung für die Grabungen am Golf von Neapel und die "Kunst des Altertums". Mit seinen Betrachtungen fesselt er die Geisteswelt des 18. Jahrhundert und bekommt bald Angebote für Anstellungen in Berlin, Dresden, Wien und Rom. Seine Schriften sind bahnbrechend für den Geschmackswandel vom überladenen Barock zum Klassizismus; die gebildete Welt wird von einer Hingabe an antike Ideale überrollt. In Europa bricht ein neues Zeitalter an: Baumeister wie Karl Friedrich Schinkel bedienen sich der klaren Formensprache, es entsteht eine neue Ästhetik. Die klassische Antike wird zur Leitidee.

Das neapolitanische Königshaus ist nach dem Erscheinen von Winckelmanns Sendschreiben blamiert. Nun blickt eine Weltöffentlichkeit nach Pompeji und Herculaneum. Rocco de Alcubierre bleibt formell der Leiter der Ausgrabungen bis zu seinem Tod im Jahr 1780. Doch nach Winckelmanns Kritik ist sein Name bis heute mit der Zerstörung einzigartiger Antiquitäten verbunden.

Leiche von Winckelmann
Winckelmann tot Quelle: ZDF

Verhängnisvolle Bekanntschaft

Johann Joachim Winckelmann konnte nur einen Bruchteil der Schätze sehen, die am Vesuv freigelegt wurden. Als er sich im Juni 1768 in einem Hotel in Triest einquartiert macht er eine verhängnisvolle Bekanntschaft. Sein Zimmernachbar, ein vorbestrafter Koch, versucht ihn mit einem Seil zu erdrosseln. Da Winckelmann sich verzweifelt wehrt, streckt der Attentäter ihn mit mehreren Messerstichen nieder. Mit dem Strick um den Hals stirbt Winckelmann am 8. Juni 1768. Die Gründe für den Mord konnten nie restlos geklärt werden.

Die Nachricht von seinem jähen Ende erschüttert die gesamte gebildete Welt. Ausgerechnet ihm, dem Freund und Verkünder des Schönen in der Kunst, war das Schreckliche zugestoßen. Gotthold Ephraim Lessing schreibt, dass er Winckelmann mit Vergnügen ein paar Jahre seines Lebens geschenkt hätte, und Goethe widmet ihm sein Werk "Winckelmann und sein Jahrhundert". Johann Joachim Winckelmann hat Prinzipen aufgestellt, nach denen sich Wissenschaftler noch immer richten.

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