Sherlock Holmes der Archäologie

John Marshall bringt die Funde am Indus in einen Zusammenhang

John Hubert Marshall sollte für die Archäologie Großes vollbringen. Noch ahnt der junge britische Forscher das nicht, als er sich Anfang 1902 per Schiff von Southampton aus auf den Weg macht, um in Britisch-Indien antike Fundstücke zu analysieren. Für seine Aufgabe ist der ehrgeizigen Absolvent der Elite-Universität Cambridge bestens gerüstet: Er hat bereits archäologische Grabungserfahrungen in Griechenland gesammelt.

John Marshall Quelle: ZDF

Geboren im nordenglischen Chester, aufgewachsen im Londoner Vorort Dulwich, ist er das jüngste von fünfzehn Geschwistern. Marshall stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. An der Aufgabe, die jetzt vor ihm liegt, könnte er sich übernehmen: Generaldirektor der Antikenverwaltung in Britisch-Indien. Kein geringerer, als der indische Vizekönig Lord George Nathaniel Curzon hat ihm diesen Posten verschafft. In Kalkutta hält der prunksüchtige Adlige Hof wie ein orientalischer Fürst, sieht sich als Erbverwalter ruhmreicher Maharadschas und Moguln. Der erst 26-jährige Marshall soll helfen, das Erbe in ein glanzvolles Licht zu setzen.

Spielszene Marshall mit Vize-König Curzon Quelle: ZDF

Unerschöpfliches Kulturerbe

Indien ist die wichtigste und ertragreichste Kolonie der britischen Krone. Marshalls Mission beginnt zu einer Zeit, in der Archäologie keine Dilettanten mehr zulässt. Studierte Forscher nehmen sich der Altertümer an. Was nach Exotik und Abenteuer klingt, bedeutet für Marshall vor allem eins: Karriere. Indiens Kulturerbe ist ziemlich verfallen, aber unerschöpflich. Tausende Paläste und Tempel - alte Reiche, Kulturen und Religionen. Der neue Generaldirektor begreift nach und nach, welche Herkules-Aufgabe vor ihm liegt. Marshall ist für die Ermittlerarbeit gut gerüstet: Mit unstillbarer Neugier und analytischem Verstand widmet er sich zunächst dem östlichen Indus-Ufer.

Verlassener Palast in Indien Quelle: ZDF

John Marshall herrscht zu Beginn des 20. Jahrhunderts über das Erbe eines ganzen Subkontinents. Er begreift schnell, dass er einen Stab von Mitarbeitern braucht, die ihn wie Agenten mit Informationen füttern. Dabei kommt ihm sein methodisches Geschick zu Gute, und die Bereitschaft, jedes noch so kleine Beweisstück zu überprüfen. Und das wird ihn in die Geschichte der Archäologie eingehen lassen.





Törichte Lage

Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts entsendet Marshall seine Mitarbeiter ins völlig abgelegene Harappa. Der Ort liegt südlich von Lahore, im heutigen Pakistan. Schon die Lage erscheint töricht. Die Ausläufer des Indus sind gefährlich. Sie wechseln unvorhergesehen ihr Bett, treten über die Ufer oder trocknen aus. Die Grundmauern Harappas reichen nahe an das ehemalige Flussbett heran. Dem genormten Baumaterial messen Marshalls Männer damals noch keinerlei Bedeutung bei

Sonnenuntergang Harappa Quelle: ZDF

Schon 1857 stießen britische Eisenbahner per Zufall auf Harappa. Gedankenlos nutzten sie die Ziegel als Gleisbett für 160 Kilometer Schienen. Die Ruinenstadt wurde vom Fortschritt überrollt, noch ehe sie ihr Geheimnis preisgeben konnte. Die Funde wirken auf den ersten Blick enttäuschend. Werkzeuge aus Feuerstein und Bronze zeugen zunächst nur von einer primitiven Lebensform. Doch dann finden sie rätselhafte Plaketten mit Zeichen.

Einsamer Zufallsfund

Rätselhafte Plakette Quelle: ZDF

John Marshalls Hauptquartier befindet sich in Simla, am Fuße des Himalayas im Norden Indiens. Aus allen Weltteilen erreichen Marshall Nachrichten spektakulärer Entdeckungen, mit denen er nicht annähernd mithalten kann. Als Marshall Funde aus den aktuellen Grabungen in Harappa in sein Büro bringen lässt, kommt ihm ein Objekt bekannt vor. Vor seiner Abreise nach Indien hatte sich Marshall im Britischen Museum in London im Dezember 1901 umgesehen. Ein einsamer Zufallsfund brannte sich in seinem Gehirn fest. Ein kleines Siegel aus schwarzem Stein mit einer Tierabbildung und Schriftzeichen - ein Fund, den er damals nicht einordnen konnte.



Sechshundert Kilometer südlich von Harappa entfernt, in der Provinz Sindh, im heutigen Pakistan, erkundet ein anderes Marshall-Team das Terrain. Mohenjo-Daro - ein unwirtlicher Platz. Im Sommer steigen die Temperaturen bis auf 50 Grad. Rakhaldas Banerji ist ein gelehriger Schüler Marshalls und einer seiner besten. Für den stolzen Bengalen aus Kalkutta ist die Forschungsarbeit im gefährlichen und räuberischen Sindh eine Zumutung - aber auch die Chance, Geschichte zu schreiben.

Schlange in Mohenjo-Daro Quelle: ZDF

Weiteres Teil im Puzzle

Der junge, ehrgeizige Assistent, den Marshall in seinen Stab berufen hat, schert sich wenig um Regeln und Sicherheitsvorgaben. Als er ungestüm in das Innere eines Gefäßes greift, und seine Hand wieder blutend wieder hervorkommt, rechnet jeder mit einem Schlangenbiss. Sein Fund, wiederum ein Siegel, ist ein weiteres Teil im großen Puzzle. Unverzüglich macht er sich daran, ihn ins Hauptquartier nach Simla zu schicken.

Marshall hat keine Vorstellung, was das Siegel bedeuten könnte. Die Funde sind stumm, genau wie Pyramiden oder Tempel. Um eine Kultur zu erforschen, benötigen Wissenschaftler nicht nur Bilder und Symbole - sondern am besten eine Schrift. Bis heute sind die Zeichen nicht entziffert. Doch bei Marshall wächst der Verdacht: Seinen Männern ist etwas ins Netz gegangen. Die Nachricht aus Harappa, das seltsame Siegel im Britischen Museum - und nun ein Paket aus Mohenjo Daro.

Ein Geniestreich

John Marshall fügt die Indizien logisch zusammen - ein Geniestreich. Für ihn hängen die Funde von Mohenjo-Daro und Harappa zusammen. Er geht nun von einer Zivilisation aus. Mit dem dem Indus als Lebensgrundlage beider Städte. Der Fluss bescherte den Bewohnern reiche Ernten und sicherte ihnen das Überleben.

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