Showdown auf der Landbrücke

Der Zusammenprall zweier Welten

Die Geburt Panamas hat das Gesicht unseres Planeten radikal verändert: Wo heute Zentralamerika die beiden amerikanischen Kontinente verbindet, kollidierten zwei tektonische Platten und ließen vor etwa drei Millionen Jahren eine Beule entstehen: das heutige Panama, die Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika.

Entstehung einer Vulkaninsel-Kette (Trick)
Entstehung einer Vulkaninsel-Kette (Trick) Quelle: ZDF

Erst langsam beginnt die Wissenschaft die dramatischen Folgen dieses geologischen Auffahrunfalls für das Leben auf der Erde zu verstehen. Seine Vorboten brodelten tief im Ozean: Als eine Reihe gewaltiger unterseeischer Vulkane nach oben drängte, wurden neue Inseln geboren.

Invasion aus gegenläufigen Richtungen

Die aufsteigende Inselkette wurde Teil der mittelamerikanischen Landmasse. Eine Vereinigung bahnte sich an, die zwei völlig unterschiedliche Kontinente zusammenwachsen ließ: Nord- und Südamerika bekamen eine Brücke. Dieses jungfräuliche Land wurde schnell erobert, die Landbrücke wurde Schauplatz einer spektakulären Massenwanderung von Nord- nach Südamerika - und umgekehrt. Die Tierwelten der beiden Kontinente, die sich Millionen Jahre lang unabhängig voneinander entwickelt hatten, trafen in Panama unvorbereitet aufeinander. Unter dem Dach des Regenwaldes, auf 80 Kilometer Breite, kam es zum "Krieg der Welten".

Im Kampf um die wertvollen Ressourcen des kleinen Landes gab es Sieger und Verlierer - aber auch kuriose Allianzen. So profitieren zum Beispiel Nasenbären aus dem Norden bei der Nahrungssuche von Affen aus dem Süden: Diese lassen aus den Baumkronen Nüsse und Früchte auf den Boden fallen, die die Nasenbären nur noch aufspüren müssen. Die Affen warnen die Nasenbären sogar vor ihren Feinden, zum Beispiel dem Jaguar. Sobald sie die Raubkatze von ihrem Hochsitz im Blätterdach aus erspähen, kreischen sie durchdringend - ein Alarmsignal für die bodenlebenden Nasenbären, sich rasch in Sicherheit zu bringen.

Verlierer im Kontinentalduell

Viele Einwanderer aus dem Süden waren für den Konkurrenzkampf schlecht gewappnet und zogen im Laufe der Zeit den Kürzeren. Es stellte sich ein neues Gleichgewicht ein. Die Beutelratte aus Südamerika konnte sich als einer der wenigen Vertreter einer einst überreichen Beuteltierfauna nicht nur in der alten Heimat behaupten, sondern auch in Nordamerika durchsetzen. Auch das Faultier schaffte es, den Invasoren aus dem Norden zu trotzen.

Faultier mit "Algenbewuchs"
Grünes Faultier Quelle: ZDF

Auf den ersten Blick erscheint dies erstaunlich, schließlich sind die Faultiere für ihre sprichwörtliche Langsamkeit bekannt. Doch in seiner Evolution hat sich das Faultier jede Menge Tricks angeeignet, um sich gegenüber Fressfeinden zu tarnen. So verwandelt es sich bei Regenwetter in das einzige "grüne" Säugetier der Welt. Denn in seinem Fell leben Algen, zusammen mit einer Vielzahl anderer Parasiten. Sie geben ihrem Wirt einen unauffälligen Geruch nach Komposthaufen.

Faultier klammert sich an Ast
Faultier Quelle: ZDF

Austausch der Arten

Faultiere haben eine "große" Vergangenheit: Seit über 20 Millionen Jahren waren bodenlebende, bis zu mehrere Tonnen schwere Riesenfaultiere in Südamerika heimisch. Wie unzählige andere Tiere wanderten auch diese genügsamen Pflanzenfresser über die neue Landbrücke und konnten als eine der wenigen Arten aus dem Süden in ganz Nordamerika Fuß fassen - hinauf bis Alaska. Bis ins späte Pleistozän bevölkerten sie die beiden Amerikas. Die Ursache ihres Aussterbens ist noch nicht ganz geklärt. Einige Forscher vermuten, dass der Mensch, der vor etwa 30.000 Jahren in Nordamerika zu siedeln begann, auf die langsamen Kolosse Jagd gemacht und sie schließlich ausgerottet haben könnte.

Trotz einzelner Erfolgsgeschichten fällt die Gesamtbilanz der amerikanischen Tierwanderung eindeutig aus: Die Tiere aus dem Süden waren im Norden hoffnungslos unterlegen. Nur einzelne Arten, die heute in Nordamerika leben, sind südamerikanischen Ursprungs, zum Beispiel das Gürteltier. Und sogar in ihrem Heimatkontinent konnten sich die Tiere nicht behaupten. 60 Prozent der heute dort heimischen Arten stammen ursprünglich aus Nordamerika. Stellvertretend für viele Einwanderer steht die Geschichte der Kamele. Ursprünglich aus Asien in die neue Welt gekommen, dehnten sie ihren Lebensraum immer weiter aus.

Riesiges Einzugsgebiet

Sie wurden in ganz Nordamerika und in den Tropen Mittel- und Südamerikas heimisch. Schließlich gelangten sie bis in den äußersten Süden, nach Feuerland. Mit der Eroberung des neuen Lebensraums entwickelten sich vier verschiedene Arten: Vikunjas, Alpakas, Lamas und Guanakos. Warum aber gelang keiner Tierart ein ähnlicher Triumphzug in die entgegengesetzte Richtung? Ein Grund dafür liegt in der Geschichte der Kontinente selbst: Südamerika war seit 100 Millionen Jahren isoliert von allen anderen Landmassen. Dagegen hatte Nordamerika immer wieder Kontakt zu Asien, Europa und sogar Afrika. Das "Einzugsgebiet" seiner Tierwelt war also um ein Vielfaches größer als das des Inselkontinents im Süden. Und die Tiere Nordamerikas hatten sich im Wettstreit mit Einwanderern bereits bewährt.

Landbrücken zwischen den Kontinenten in der Erdgeschichte
Trick Landbrücken Weltkarte Quelle: ZDF

Zwar starben auch von ihnen etliche aus, doch in der Summe blieben sie durch ihre Anpassungsfähigkeit die Triumphierenden im "Krieg der Welten". Die Spuren dieser bewegten Geschichte finden sich noch heute in Panama. Zurzeit gelangen sie besonders oft ans Tageslicht - bei den Grabungsarbeiten zur Erweiterung des Panamakanals. Dieses gigantische Bauprojekt, das 2014, zur hundertsten Jubiläum der Kanaleröffnung, abgeschlossen sein soll, erweist sich als Glücksfall für die Wissenschaft. Denn die Paläontologen fanden bereits 3000 Tierfossilien - darunter Jahrmillionen alte Überreste längst ausgestorbener, teils kurios anmutender Tierarten: Nashörner aus Asien, elefantengroße Faultiere und winzige Pferde.

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