Sibirisches Abenteuer

Erlebnisse eines Drehtages

Im wilden Osten Russlands gibt es noch immer viele Geheimnisse zu entdecken. Das ZDF-Team, Moderator Dirk Steffens, Kameramann Oliver Rötz, Tontechniker Thorsten Czart und Redakteur Tobias Schultes, waren einigen von ihnen auf der Spur. Dirk Steffens schildert seine Eindrücke und Erlebnisse während der Drehreise.

Dreh mit Dirk Steffens vor Geysiren Quelle: ZDF


Kamtschatka, 6. September 2009. Petropavlovsk ist keine schöne Stadt, erst recht nicht morgens um sieben. Georgis alter GAZ Laster scheppert über seelenlose Straßen Richtung Flugfeld, vorbei an Plattenbauten in allen vorstellbaren Stadien des Verfalls. Sie sehen aus wie eine Flotte klobiger Wracks, die einer dieser eisigen Nordpazifikstürme irgendwann aufs Land geschleudert hat, wo sie nun langsam verrotten.

Abenteuer in den Lüften

Der Hubschrauber, der auf uns wartet, sieht genauso aus - nur eben mit einem Propeller oben drauf. Er ist groß, unförmig und nur deshalb nicht verrostet, weil er aus Aluminium ist: Der MI-8, ein typisches Relikt der sowjetischen Luftfahrtindustrie, war schon nicht mehr modern, als er 1961 erstmals produziert wurde. Flugfähig sieht das Ding in verbeultem Orange jedenfalls nicht aus.

Hubschrauber, Team steigt ein Quelle: ZDF

Innen aber ist alles noch viel schlimmer. Die Deckenverkleidungen sind an einigen Stellen abgefallen, Schläuche und Kabel baumeln aus den Wänden, und ein ziemlich übellauniges Mitglied des Bodenpersonals schmeißt unsere Kameraausrüstung durch das weit geöffnete Heck achtlos in den Bauch dieses fliegenden Wals. Nichts wird verzurrt, deshalb schnallen auch wir uns nicht an. Das ginge ohnehin nicht, denn wir hocken auf kleinen Bänken, die längs an den Wänden des Laderaums verschraubt sind. Keine Gurte, keine Sitze.

Tundra und Feuerberge


War ein schönes Leben, sage ich mir und lehne mich verzweifelt an ein großes, zerknautschtes Blechfass, das seltsamerweise neben mir an der Wand hängt. Mülltonne, denke ich noch, dann steigen mir die Kerosingase in die Nase. O mein Gott, das wird doch nicht? Doch! Es ist der Tank! Ein poröser Schlauch guckt an der Seite raus, windet sich zwischen meinen Füßen hindurch und verschwindet in einem Loch im Holzfußboden. Zum Aussteigen ist es leider zu spät: Mit trommelfellsprengendem Geknatter hebt der MI-8 vom Boden ab, eisiger Wind rauscht durch die offene Tür und zerrt an uns. Ob so ein gemütliches Fernsehstudio auf dem Mainzer Lerchenberg nicht vielleicht doch die bessere Wahl gewesen wäre?

Natürlich nicht! Schon ein paar Minuten später habe ich alle Bedenken völlig vergessen und bin vollständig fasziniert vom Blick durch die fehlende Hubschraubertür. Es stellt sich einer dieser Augenblicke ein, die auch nach anderthalb Jahrzehnten Filmexpeditionen rund um die Welt noch immer unvergleichlich und unbezahlbar sind und die das Leben für immer bereichern. Schneebedeckte Vulkangipfel, dazwischen die sommergrüne Tundra, Flüsse mäandern Richtung Unendlichkeit, und die weißen Dampfwölkchen, die lustig gekräuselt aus den Schloten einiger Feuerberge in den blauen Himmel aufsteigen, vermitteln ein wunderschönes Bild trügerischer Sicherheit. In Wahrheit gibt es auf unserem Planeten nur wenige Regionen, wo sich die gewalttätige Natur von Mutter Erde so deutlich zeigt wie hier.

Hubschrauber, Tundra und Vulkankegel Quelle: ZDF

Geologische Unruhezone

Kamtschatka liegt auf dem "Ring of Fire", einem geologisch extrem unruhigen Gebiet, wo der Zusammenprall tektonischer Platten die Erde regelmäßig erschüttert und aufreißen lässt. Vulkane sind die sichtbaren Narben dieser Kollisionen, sie entstehen besonders häufig in Gegenden, wo die Erdkruste dünn ist, geschmolzenes Gestein aus dem Erdinneren also leichter an die Oberfläche gelangen kann.

Fast die Hälfte aller Vulkane auf unserem Planeten wütet auf dem Pazifischen Feuerring, 29 davon allein auf Kamtschatka. Oder auch 40 - je nachdem, wie man das kleine Wörtchen "aktiv" definiert, welche Vulkane als "schlafend" kategorisiert werden und welche als "erloschen". Die Geologen sind sich da nicht immer ganz einig, und auch der russische Vulkanforscher Sascha, der neben mir im Takt der Rotoren vibriert, meint auf die Frage nach den aktiven Feuerbergen auf Kamtschatka nur: "Das ist Ansichtssache. Irgendwas zwischen 20 und 50." Aha.

Tal der Geysire Quelle: ZDF

Im Tal der Geysire

Schon der Anflug aufs Tal der Geysire ist unvergesslich. Der Helikopter ist hier das einzige Verkehrsmittel. Gelandet wird auf einer Holzplattform vor einer pittoresken Holzhütte, die als Rangerstation und Unterkunft dient. Unterhalb der Gletscherzungen, die von den Gipfeln der Vulkane bis an die Vegetationsgrenze reichen, spiegelt sich die Sonne in einem quietschgrünen See. Ein wilder Bergfluss rauscht durch eine enge Schlucht, und überall steigt schneeweißer Dampf auf. Schwerer Schwefelgeruch hängt über der ganzen Gegend, die Luft ist feucht und relativ warm.

An diesem Ort muss man sich vor plötzlich ausbrechenden Heißwasserfontänen in Acht nehmen. Offiziell säumen 90 Geysire und noch mehr heiße Quellen das ungefähr sechs Kilometer lange Tal, dazu kommen noch einige tiefe Löcher mit kochendem Schlamm. Aber seit vor zwei Jahren eine Gerölllawine dieses zum Weltkulturerbe gehörende Gebiet völlig verändert hat, sind auch hier kaum wissenschaftlich belegte Zahlen zu bekommen. Wir schleppen unser Equipment vom Hubschrauber runter zu den Geysiren und dann durch einen Bach, der heiß genug ist, um sich darin die Füße zu verbrühen. Sascha weist mich fachmännisch ein und gibt sein wissenschaftliches "OK" zu meiner Moderation. "Geysire sind Geysire, weil sie zwischendurch mal Pause machen", erkläre ich also, denn wenn sie ständig vor sich hinblubberten, wären sie nur heiße Quellen.

Tückische Fontänen

Beim Absenken einer hitzebeständigen Unterwasser-Spezialkamera in das kochende Wasser eines besonders großen Geysires drehen wir die nächste Moderation. Im Eifer des Sprechens denke ich dummerweise nicht daran, dass die Kamera dabei natürlich ebenfalls kochend heiß wird, und als ich sie wieder heraufziehe, verbrenne mir mitten in der Moderationsaufzeichnung so richtig die Finger. "Das war super", amüsiert sich Redakteur Tobias Schultes, als ich fluchend meine verbrühte Hand schüttle. "Müssen wir aber noch mal machen, sonst kann ich das nicht schneiden." Er grinst. Ich grinse. Vielleicht sollte ich das unvorteilhafte Foto von ihm , das ich heimlich während des Hinfluges geschossen habe, in meinen Internetblog stellen?

Dirk Steffens, Geysir Quelle: ZDF

"Und bitte", ruft Kameramann Oliver Rötz, und wir wiederholen die verbrühte Einstellung. Geysir-Experte Sascha versichert noch einmal: "Dieser hier bricht frühestens in einer Stunde wieder aus." Ist also ungefährlich, denke ich, erkläre noch mal das Funktionsprinzip eines Geysirs und überprüfe dann gemeinsam mit den Kollegen das Resultat am Monitor. Plötzlich unterbricht uns ein gewaltiges Knallen und Rauschen. Mit irrem Getöse schießt eine kochende Fontäne zehn, fünfzehn Meter in die Höhe. Alle blicken Sascha vorwurfsvoll an. Aber der lacht nur. Und morgen fliegen wir zu den Nomaden und ihren Rentieren. Wieder mit diesem Hubschrauber. O nein ...

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