Signale der Gletscher

Land mit gegensätzlichen Gesichtern

Patagonien ist die Heimat von außergewöhnlichen Kreaturen im ewigen Kampf um die spärlichen Ressourcen. Umtost vom Atlantik im Osten und vom Pazifik im Westen, ist Patagonien eine der rauesten Gegenden der Welt. In den Anden bedecken legendäre Gletscher die Hänge bis in die Täler. Gehören sie vielleicht bald der Vergangenheit an? Und welche Gefahren lauern unter den Eismassen?

Gletscher in Patagonien

Der entlegene Landstrich ist für seine Bewohner eine immerwährende Herausforderung. Und in der Kälte Patagoniens gibt es noch viele Rätsel zu entschlüsseln. Das Leben stemmt sich diesen zerstörerischen Kräften mit Zähigkeit und Anpassung entgegen.

Die Wölfe der Meere

So auch die Robben von der Halbinsel Valdés. Sie werden von Orcas gejagt, die für ihre Beute sogar bis an Land schwimmen. Diese einzigartige Methode beherrschen Orcas einer einzigen Familie, sieben Wale. Solche Strategien erfordern ein hohes Maß an sozialer Kompetenz. Orcas haben ein ausgefeiltes Kommunikationssystem. Zudem tragen sie erworbenes Wissen von Generation zu Generation weiter.

Orca schnappt Robbe Text 1

Warum aber ziehen die Robben ihre Jungen ausgerechnet mitten im Jagdrevier der Orcas auf? Trotz der allgegenwärtigen Gefahr ist die Region für die Robben günstig. Die Jungtiere trainieren bei Ebbe in den Wasserbecken das Schwimmen und erwerben so Schlüsselfähigkeiten für die spätere Jagd im Meer. Draußen im Ozean offenbart sich der Reichtum, der Robben und Wale gleichermaßen hierher lockt: Gewaltige Fischschwärme lohnen das Risiko, den Lebensraum mit den Killerwalen zu teilen. Und auch die Robben sind lernfähig und haben effektive Fluchtstrategien entwickelt. So ist nur jede dritte Orcaattacke erfolgreich.

Der patagonische Drache

Von Meeren umtost ist Patagonien ein Land mit gegensätzlichen Gesichtern. Der stete Westwind drückt feuchte Luft an die Flanke der Anden. Die Wolken bleiben an der längsten Bergkette der Erde hängen. Die Folge sind Sandwüsten, weite Steppen und karge felsige Einöden östlich des Gebirgszugs. In den südlichen Ausläufern der Anden zeigt sich ein anderes Bild. Hier offenbart Patagonien sein eisiges Antlitz. Nur wenige Spezialisten können im ewigen Eis existieren, wie der patagonische Drache.

Diese bizarren Wesen leben in Gletscherspalten. Nahrung finden die Insekten in eisigen Einschlüssen: organisches Material, das der Gletscher auf seinem Weg ins Tal der Natur abgerungen hat. Die Tiere haben einen körpereigenen Frostschutz entwickelt: Eine Zuckerlösung verhindert, dass sie zu Eis erstarren. Der Gletscher Perito Moreno ist die Heimat des Patagonischen Drachens. Doch wie lange noch? Der Lebensraum scheint zu schwinden.

Kronzeuge im Klimaprozess

Längst schon ist der Perito Moreno zu einem Symbol für die globale Erwärmung geworden. Den spektakulären Eisabbrüchen steht ein anderes Phänomen gegenüber. In den letzten Jahren hat sich die Gletscherzunge immer weiter in den See hinausgeschoben. Der Perito Moreno scheint gegen den weltweiten Trend nicht zu schrumpfen sondern zu wachsen. Gespeist wird der Gletscher in den Gipfeln der Anden. Das Eis bildet sich in einer Region, die zu den drei niederschlagsreichsten der Welt gehört. Der dauernde Nachschub an Schnee übt einen immensen Druck aus. Wird er zu groß, schmilzt der Schnee kurzzeitig an manchen Stellen. Gefriert das Wasser wieder, wirkt das Eis wie Kitt zwischen den Kristallen.

Gletschertzunge Text 1 Quelle: ZDF

Durch die Schwerkraft rutscht das Eis stetig ins Tal. So ist der Vorstoß der Gletscherzunge ein Maß für die Niederschlagsmenge in den Bergen. Entscheidend für das Verhalten des Perito Moreno sind also weniger die globalen Klimaänderungen als lokale Wetterphänomene und das steile Relief, auf dem er entlangschlittert. Über die letzten 100 Jahre ist der Perito Moreno ungefähr gleich groß geblieben: Wachstum und Schmelzen halten sich in etwa die Waage. Das Eisfeld in Südpatagonien, zu dem auch der Perito Moreno gehört, bleibt insgesamt aber vom Klimawandel nicht verschont. Innerhalb von 20 Jahren sind etwa vier Prozent der Eisfläche der globalen Erwärmung zum Opfer gefallen. Ein Prozess, der sich beschleunigt.

Explosiver Untergrund

TW Magmablase Quelle: ZDF


Patagonien könnte durch den Klimawandel eine besonders dramatische Entwicklung bevorstehen. Denn schmilzt zu viel Gletschereis, wird der Druck auf das Erdinnere geringer. Eine Magmablase unter dem patagonischen Eisfeld könnte sich dann leicht ihren Weg nach oben bahnen. Die Folge wäre ein gewaltiger Vulkanausbruch. Patagonien ist von Vulkanen durchzogen. Immense Eruptionswolken treiben immer wieder Asche bis hinauf in die Stratosphäre. Vor knapp 20 Jahren ereignete sich am Vulkan Cerro Hudson eine Katastrophe. Die Eruption war eine der stärksten des Jahrhunderts. Der Ascheregen ebnete ganze Siedlungen ein.

Explosionen, die viel Asche und Gestein herausschleudern, sind typisch für Südamerika. Eine unruhige Region, die immer wieder auch von Erdbeben erschüttert wird. Die Ursache liegt in der Entstehungsgeschichte der Anden. Die Kontinentalplatte, auf der Südamerika liegt, kollidiert mit der so genannten Nazcaplatte im Pazifik. Diese schiebt sich stetig weiter unter Südamerika. Einst faltete sie die Anden auf. Magmablasen entstanden, in denen sich stetig enormer Druck aufbaut. Ein gewaltiges Explosionspotenzial. Das Leben musste sich dieser feurigen Realität stellen. Baumstämme inmitten einer Einöde zeugen von einem Überlebenskampf, dem hier einst alles Leben zum Opfer fiel.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet