"Sneewittchen" und "Richilde"

Geschichte der Gebrüder Grimm und eines Märchensammlers mit ähnlichem Hintergrund

Die Brüder Grimm wollten, dass Schneewittchen mutterseelenallein durch den großen Wald lief. Die Region um Waldeck kannten die Autoren, sie liegt in der Nähe ihrer Heimatstadt Kassel. Überliefert ist auch, dass ihnen aus jenem Landstrich viele Geschichten zugetragen wurden. Spannendes Erzählgut, das in ihre Märchen einfloss. Doch auch in der Erzählung eines Märchensammlers gibt es Parallelen zum Fall Schneewittchen.

Jacob und Wilhelm Grimm veröffentlichten ihre Version von Schneewittchen 1812- fast 300 Jahre nach dem Tod von Margaretha. Ob die Schriftsteller jemals persönlich nach Waldeck reisten, weiß niemand.

Klatsch aus erster Hand

Im unweit gelegenen Wildungen jedenfalls kurten regelmäßig ihre nächsten Verwandten. So erfuhren die Brüder den neuesten Klatsch aus erster Hand. Das Heilwasser zog eine illustre Gesellschaft an. Tagsüber tranken die Gäste gehorsam aus der Mineralquelle, abends amüsierten sie sich.


Mit von der Partie waren zwei Geschwister von Jacob und Wilhelm. Die bewährte Brunnenkur sollte ihrer kränkelnden Schwester zu neuen Kräften verhelfen. Denn nach dem Tod der Mutter litt die zarte Lotte an Angstzuständen. Daher kommt sie in Begleitung ihres Bruders Emil. Lotte beschreibt den bekannten Maler als lebenslustigen Mann, der sich liebevoll um sie kümmert.

Geschichten aus der Region

Ihr Domizil nehmen sie bei Rosa Wild. Die Freundin der Grimms ist verheiratet mit dem Besitzer der Löwenapotheke. Sie pflegt engen Kontakt zu Märchensammlern, darunter auch Marie Hassenpflug und Pfarrer Ferdinand Siebert aus Treysa. Die Brüder Grimm würdigen beide als wichtige Informanten, stammen sie doch aus alteingesessenen Familien, die seit jeher Geschichten aus der Region bewahrten. In ihren handschriftlichen Anmerkungen betonen die Autoren daher: "Das Märchen Schneewittchen geht auf vielfache Erzählungen aus Hessen zurück".


Warum trägt dann aber die Grimmsche Fassung den fremdartigen Titel "Sneewittchen"? Im hessischen Waldeck sprach man im 16. Jahrhundert auch niederdeutsch, wie ein Wörterbuch aus der Region belegt. So findet man unter "sneewitt" das heutige Wort "schneeweiß". Weiß wie Schnee war das Kind, das die Königin gebar. Das Attribut verweist auf einen Porzellanteint - ein Zeichen für vornehme Abstammung.

Verwirrung um die Haarfarbe



Der Stammbaum präsentiert Margaretha mit blondem Haar. Die Schneewittchen-These des Heimat-Forschers Eckhard Sander gerät ins Wanken. Denn das Haar der Märchenfigur soll 'schwarz wie Ebenholz' gewesen sein. Doch der Widerspruch klärt sich rasch auf. In der Urfassung von 1808 beschreiben die Grimms das Mädchen mit gelben Haaren. Und die Mutter wünscht sich: "Ach, hätt' ich doch ein Kind, so weiß wie diesen Schnee, so rotbackig wie dies rote Blut und so schwarzäugig wie diesen Fensterrahmen."

Mindestens 75 Versionen des Schneewittchen-Themas kursieren seit vielen Jahrhunderten in aller Herren Länder. Durch die mündliche Überlieferung fallen Facetten weg, andere kommen hinzu oder werden verändert. Doch stets erhalten blieb der Kern der Geschichte. Die Fassung der Brüder Grimm aber hat sich weltweit den ersten Platz in den Herzen der Zuhörer und Leser erobert. Kinder und Erwachsene zeigen sich gleichermaßen gefesselt von dem spannenden Stoff.

Schicksal einer Adelsdame



30 Jahre vor den Grimms schilderte der deutsche Märchensammler Musäus in seiner Erzählung "Richilde" das Schicksal einer ausländischen Adelsdame, die in Brabant lebte. An dem Ort also, an dem Margaretha von Waldeck eine neue Heimat fand. Womöglich ließ der Verfasser ihre Lebensgeschichte in "Richilde" anklingen. Immerhin gab es seit dem Mittelalter eine enge Verbindung zwischen dem Fürstenhaus von Brabant und den hessischen Grafen.

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