"So eine Erzählung denkt man sich nicht aus"

Interview mit dem Geologen und Atlantisforscher Floyd McCoy

Floyd McCoy ist Geologe und Ozeanograph an der Universität Hawaii. Seit 32 Jahren beschäftigt er sich mit den Folgen des Vulkanausbruchs auf Santorin vor über 3500 Jahren. 1948 überlebte er einen Tsunami auf Hawaii.

Geologe Floyd McCoy
Geologe Floyd McCoy Quelle: ZDF

ZDFonline: Man sieht Sie im Film an entlegenen Ecken verschiedener Inseln Gesteinsproben nehmen. Wie lange mussten Sie suchen und wann erkannten Sie eine Verbindung zum Ausbruch des Thera-Vulkans und dem Untergang der minoischen Kultur?

Floyd McCoy: Seit 32 Jahren untersuche ich die Folgen des Vulkanausbruchs und sammle Gesteinsproben. Den Zusammenhang zum Untergang der minoischen Kultur haben schon Wissenschaftler vor mir hergestellt. Ich bin nur dieser Annahme gefolgt und habe die Folgen auf die minoische Kultur versucht wissenschaftlich zu beweisen - sowie deren Untergang.

ZDFonline: Wie sind aus den Minoern der Bronzezeit in Platons Erzählung Atlanter geworden?

McCoy: Ich kann das nicht wirklich erklären. Platons Erzählung ist ein Mythos, zu dem verschiedene Elemente passen und der sich - vielleicht - auf eine große Naturkatastrophe bezieht. Und so eine Erzählung denkt man sich nicht aus oder erfindet sie. Sie muss auf eine gewaltige Katastrophe zurückgegangen sein, dass sie im Gedächtnis der Menschen über Jahrtausende blieb.

ZDFonline: Zu Lebzeiten von Platon verschwand durch ein Erdbeben die griechische Stadt Helike von der Landkarte. Könnte dies die Vorlage für sein Atlantis gewesen sein?

McCoy: Absolut richtig, wenn man davon absieht, dass Platons Erzählung den Folgen von Vulkanausbrüchen entsprechen und weniger dem Abrutschen von Land unter den Meeresspiegel (wie bei Helike). Man darf nicht vergessen, dass Platon sich auf eine Überlieferung bezieht, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde und die von Solon stammt, der sie aus Ägypten mitgebracht hatte. Platon beschreibt kein zeitgenössisches Ereignis.

Tektonische Platten im östlichen Mittelmeer
Tektonische Platten im östlichen Mittelmeer Quelle: ZDF

ZDFonline: Der Ausbruch des Thera hatte Auswirkungen auf den Mittelmeerraum. Welche Region war besonders betroffen. Gibt es andere Überlieferungen als die Platons?

McCoy: Die Region der südlichen Ägäis war schwer betroffen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in anderen Kulturen des Mittelmeerraums, besonders in Ägypten, auch Überlieferungen davon weitergegeben wurden. Aber zunächst müssen wir herausfinden, wann genau im alten Ägypten dieses Ereignis Spuren hinterließ und wie diese dann mit Ereignissen in der Ägäis zusammen passen.

ZDFonline: Wann dürfen wir damit rechen, dass man einen Stein findet, auf dem "Hier war Atlantis" steht.

McCoy: Niemals. Nehmen Sie die Steine, die ich im Film in der Hand halte! Die Spuren, oder die Geschichte, sind mit Hilfe der Archäologie, der Geologie, der Geophysik, des Vulkans, der Umgebung zu verstehen. Wir müssen nur lesen, was die Steine aussagen.

ZDFonline: Könnte sich heute oder in Zukunft ein ähnliches Szenario wie das von Platons Atlantis abspielen und wie sicher ist das Mittelmeer/die Ägäis?

McCoy: Absolut! Vulkane sind gefährlich. Das kann heute schon wieder passieren. Die Naurkatastrophe wird kommen, vielleicht nicht in Santorin in nächster Zeit. Aber es kann Überraschungen geben (denken Sie an Fukushima, wenn das auch nicht auf einen Vulkan zurückging). In der Nähe von Santorin gibt es zum Beispiel einen unterseeischen Vulkan namens Columbo, der ist hoch gefährlich. Griechische Wissenschaftler beobachten diesen wie auch alle anderen Vulkane genau.

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