"So ganz sind wir die Dinos nie losgeworden"

Interview mit Dr. Nizar Ibrahim, Paläontologe und Fachberater von "Dino-Planet"

Nizar Ibrahim gehörte zum wissenschaftlichen Team, das die Macher der Terra X-BBC-Koproduktion "Der Dino-Planet" beraten hat. Der junge deutsch-marokkanische Wissenschaftler hat bereits während seiner Doktorarbeit in der Sahara Teile eines noch unbekannten Flugsauriers ausgegraben und arbeitet heute im Labor des renommierten Paläontologen Paul Sereno an der Universität Chicago.

ZDF: Wie viel wissenschaftliche Genauigkeit steckt in “Der Dino-Planet”?

Nizar Ibrahim: Die Macher der Reihe haben sich sehr bemüht, Wissenschaftler in ihre Arbeit einzubeziehen und haben versucht, die Story um Fossilfunde herum zu gestalten: Die Anatomie der Tiere, ihr Verhalten und selbst die Handlungen sind oft durch Fossilfunde belegt. Ohne Zeitmaschine wird niemand wirklich hundertprozentig genau wissen, wie es damals war. Aber „Der Dino-Planet“ ist mit ziemlicher Sicherheit die bisher wissenschaftlich genaueste Repräsentation vom Leben in der Welt des Mesozoikums und eine ganz neue Art von Dokumentarfilm.

Microraptor war ein hervorragender Gleitflieger (China vor 120 Millionen Jahren).
Microraptor war ein hervorragender Gleitflieger Quelle: ZDF und BBC Computer-Generated Image

"Eine ganz neue Generation von Dinos"

ZDF: Warum kennen wir praktisch keinen der Dinosaurier in “Der Dino-Planet”?

Nizar Ibrahim: In „Der Dino-Planet“ haben wir versucht, die weniger bekannten, aber absolut spektakulären Dinosaurier aus Asien, Afrika und Südamerika zu präsentieren. Außerdem wurden in den letzten Jahren so viele neue Dinosaurier entdeckt, dass es keinen Grund gab, in „Der Dino-Planet“ die Klassiker Tyrannosaurus rex und Triceratops zu zeigen. Stattdessen treffen die Zuschauer eine ganz neue Generation von Dinosauriern.

ZDF: Man zeigt sehr viele Kämpfe und weniger Balz oder Brutpflege, warum?

Nizar Ibrahim:  Brutpflege wird in “Der Dino-Planet” zwar gezeigt, spielt aber nicht so eine große Rolle wie die Beutejagd. Wie die meisten Tierfilme zeigt “Der Dino-Planet” natürlich vor allem die aufregenden und actiongeladenen Momente eines Dinosaurierlebens. Das ist aber normal. Ein Dokumentarfilm über die Serengeti, der den Alltag eines Löwenrudels zeigt, würde im Grunde genommen nur schlafende und sich sonnende Löwen zeigen – nicht unbedingt das, was die Zuschauer sehen wollen. Deshalb werden natürlich viele Jagdszenen und das Aufeinandertreffen von Löwenrudeln gezeigt. Da ist in “Der Dino-Planet” nicht viel anders. Wenn man sich die messerscharfen Klauen, Steakmesserzähne und kräftigen Hinterläufe von Raubsauriern ansieht, oder gepanzerte Pflanzenfresser, die aussehen wie lebende Panzer, ist es aber auch ziemlich offensichtlich, dass es da zeitweise ein extremes Wettrüsten zwischen Jägern und Gejagten gab. Das Leben in der Kreidezeit war also tatsächlich ziemlich hart, und das Aufeinandertreffen von Raubsauriern und ihren Beutetieren ist wahrscheinlich genauso dramatisch abgelaufen, wie es in “Der Dino-Planet” gezeigt wird. Balzverhalten ist schwer zu rekonstruieren, aber es ist wahrscheinlich, dass Dinosaurier da auch sehr vogelähnlich waren und ihre prächtigen Kämme, Federn und Nackenschilde zur Schau gestellt haben.

ZDF: In vielen Szenen brüllen die Dinos. Was weiß man über ihre Stimmen?

Nizar Ibrahim:  Man weiß nicht viel über die Laute, die Dinosaurier von sich gegeben haben. Es scheint wahrscheinlich, dass manche Hadrosaurier (Entenschnabel Dinosaurier) mit Ihren zum Teil röhrenförmigen Knochenkämmen über längere Entfernungen kommunizieren konnten. Krokodile und Vögel, die nahen Verwandten der Dinosaurier, produzieren Laute auf unterschiedliche Art und Weise. Wie genau es bei den Dinosauriern war, wissen wir im Moment nicht. Es ist aber unwahrscheinlich, dass es in der Kreidezeit sehr leise war!

ZDF: Woher wissen wir, welche Haut- bzw. Federfarben Dinosaurier hatten?

Nizar Ibrahim: Über die Farbe der Dinosaurier wissen wir nicht besonders viel. Allerdings wurden vor kurzer Zeit Melanosomen (Teile von Pigmentzellen) in den fossilisierten (versteinerten) Federn von Dinosauriern gefunden. Die Größe und Form dieser Melanosomen verrät viel über die Färbung und hat es den Forschern ermöglicht, das Aussehen des Federkleids zu bestimmen.

Bei den meisten Dinosauriern müssen wir uns aber nach wie vor mit Vergleichen mit Vögeln, den nächsten Verwandten der Dinosaurier, begnügen. Viele Dinosaurier hatten Kämme, Knochenschilde und andere interessante Formen von Knochenstrukturen auf Ihren Köpfen. Es ist wahrscheinlich, dass diese Strukturen auffällig gefärbt waren und zur Schau gestellt wurden.

Nizar Ibrahim beim Ausgraben eines Dinosaurier-Oberarmknochens in der Sahara
Nizar Ibrahim beim Ausgraben eines Dino-Oberarmknochens in der Sahara Quelle: Robert Loveridge

Man kann außerdem Vergleiche mit anderen heutigen Tieren machen. Große Pflanzenfresser, wie der Argentinosaurus, waren vielleicht, wie Elefanten, nicht besonders auffällig gefärbt aber auch nicht getarnt. Bei Ihrer Größe brauchten sie kaum eine Tarnfarbe. Kleinere Tiere wiederum haben vermutlich eher von einer Tarnfarbe profitiert. Auch die Umgebung, in der ein Dinosaurier gelebt hat - wie z.B. Wüste oder Flussdelta -  kann Hinweise geben: Es ist unwahrscheinlich, dass ein kleiner Pflanzenfresser in einer Wüstenregion grell grün gefärbt war, da er dann für Räuber leicht zu orten gewesen wäre.

ZDF: Würden wir Menschen heute hier sein, wenn die Dinosaurier nicht ausgestorben wären?

Nizar Ibrahim: Nein, das können wir ausschließen. Das Verschwinden der meisten Dinosauriern am Ende der Kreidezeit mit Ausnahme der Vögel hat es den Säugetieren erst ermöglicht, größere Formen hervorzubringen und eine dominantere Rolle zu spielen. Wären T. rex und Co. nicht verschwunden, hätten sich Menschen nicht entwickeln können. Für viele Millionen Jahre haben Säugetiere im Schatten der Dinosaurier gelebt. Auch später haben Vögel, die genaugenommen Dinosaurier sind, die Säuger noch oft das Fürchten gelehrt und es gibt heute mehr Vogelarten als Säugetierarten. So ganz sind wir die Dinos also nie losgeworden, aber das Verschwinden der großen Formen hat es unseren Vorfahren ermöglicht, völlig neue Bahnen in der Evolution einzuschlagen.

Dino im deutschen Bundeswappen

ZDF: Waren Dinosaurier ein Erfolgsmodell oder eine Fehlkonstruktion der Evolution?

Nizar Ibrahim: Dinosaurier gehören zu den Erfolgsmodellen der Evolution und sind eine der erfolgreichsten Wirbeltiergruppen aller Zeiten. Sie haben sich über Jahrmillionen an drastische Veränderungen in ihrer Umwelt angepasst: gewaltige Vulkanausbrüche, auseinanderbrechende Kontinente, globale Klimaschwankungen, Meeresspiegeländerungen. Der Begriff „Dinosaurier“ ist in Deutschland nach wie vor oft negativ belastet. In Wahrheit sollte das Wort „Dinosaurier“ ganz im Gegenteil jemanden beschreiben, der sich unglaublich gut anpassen kann!

ZDF: Was haben Vögel und Dinosaurier gemeinsam?

Nizar Ibrahim:  Genau genommen sind Vögel Dinosaurier. Viele Fleisch fressende Dinosaurier (Theropoda) haben ein Gabelbein (die bei den Vögeln verwachsenen Schlüsselbeine), ein Luftsacksystem wie Vögel, leichte, von Hohlräumen durchzogene Knochen wie Vögel, und Federn. Dazu kommt, dass wir von einigen Fossilien sogar wissen, dass sie wie Vögel geschlafen und gebrütet haben. Da diese und andere Merkmale also schon bei Raubsauriern vorhanden waren, gehören Vögel zu den Dinosauriern. Das heißt, die Dinosaurier sind nicht wirklich ausgestorben. Wir Deutschen haben sogar einen Dinosaurier als Bundeswappen! Der Adler ist ein Raubvogel (auf Englisch auch als raptor bezeichnet), also ein echter Dino.

ZDF: Wie kann man aus Knochenfunden auf das Verhalten schließen?

Nizar Ibrahim: Bissspuren an den Schädeln von großen Fleischfressern zeigen uns, dass sich diese manchmal gegenseitig gebissen haben. Die Tatsache, dass viele von diesen Verletzungen verheilt sind zeigt uns, dass die Tiere diese Kämpfe oft überlebt haben. Manchmal finden wir auch außergewöhnliche Fossilien, die man als „versteinertes Verhalten“ beschreiben kann. So wurden in Asien Fossilien von Tieren gefunden, die in Vogelposition, mit dem Kopf unter dem Vorderlauf, geschlafen haben oder die gerade Ihre Eier bebrütet haben. Die Knochenstruktur und Proportionen der Gliedmaßen wiederum geben Aufschluss darüber, wie schnell Tiere gewachsen sind, und wie schnell sie sich ungefähr bewegt haben. Auch Dinosaurierfährten geben uns wichtige Hinweise.

ZDF: Welches war der erste beschriebene Dinosaurier?

Nizar Ibrahim: Megalosaurus war der erste Dinosaurier, der wissenschaftlich beschrieben wurde und einen Namen bekam, das war 1824.

ZDF: Wie hoch war der höchste Dinosaurier?

Nizar Ibrahim:  Das Skelett des Giraffatitan (auch als Brachiosaurus bekannt), das im Naturkundemuseum in Berlin ausgestellt ist, ist mit fast 13 Metern Höhe das höchste aufgestellte Dinosaurierskelett der Welt.  Ein Verwandter des Giraffatitan, Sauroposeidon, war vermutlich sogar um die 16 -17 Meter hoch. Von ihm sind allerdings nur einige riesige Halswirbeln bekannt.

ZDF: Gab es vielleicht Dinosaurier, die noch größer waren als der Argentinosaurus aus “Der Dino-Planet”?

Nizar Ibrahim:  Das ist sehr wahrscheinlich. Wenn man bedenkt, wie viel es noch zu entdecken gibt und wie wenige Tiere zu Fossilien werden, ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir den allergrößten Dinosaurier schon gefunden haben. Es gibt jetzt schon Berichte über vereinzelte Knochen, die möglicherweise zu Tieren gehörten, die noch größer als der Argentinosaurus waren.

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