Soldaten aus Ton

Die Terrakotta-Krieger von Xi'an

Sobald Ying Zheng den Thron bestiegen hatte, begannen gemäß der Tradition die Arbeiten am Grabmal des Herrschers. Mehr als 20 Jahre später steht das Werk kurz vor der Vollendung. Doch aus dem Palast kommt neue Order: Das Totenreich des Kaisers soll größer werden als alles, was bisher von Menschenhand geschaffen wurde.

700.000 Arbeitssklaven errichten das Grab des Ersten Kaisers. Gegen Staub, Hitze und Entkräftung kämpfen sie von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang ums Überleben. Dennoch soll die Vollendung des Bauwerks 30 Jahre dauern.

Unsterblicher Kaiser und seine Armee

Zum Ruhm seiner siegreichen Heere befiehlt Kaiser Qin den Bau der Terrakotta-Armee. Sie soll den Eingang zur Grabkammer "bewachen". Als Symbol der Einheit sollen sich in ihren Gesichtern auch alle Bevölkerungsgruppen des neuen Imperiums widerspiegeln. Die besten Künstler des Reiches arbeiten in den Werkstätten. Einige formen Hände, andere Haare, wieder andere Rangabzeichen. Dank der genialen Arbeitsorganisation erreicht die Produktion der Figuren riesige Stückzahlen.

Sensible Streitmacht

Nach der "Endmontage" erhalten die Krieger sogar noch eine lebensechte Bemalung. Es entsteht eine gewaltige Armee aus Ton, mit Streitwagen und Schlachtrössern, Fußvolk, Offizieren, Bogenschützen - lebensgroß, angetreten in Reih' und Glied. Experten schätzen ihre Zahl auf über 7000. Jede Figur ist einzigartig. Kein Gesicht gleicht dem anderen.


Von den künstlerischen Bemalungen ist 2000 Jahre später auf den ersten Blick nicht mehr viel zu sehen. Denn die gewaltige Streitmacht aus Ton und Lack reagiert sensibel auf Tageslicht. Die Farbe platzt ab. Zunächst gelang es nicht, den Zerfall aufzuhalten. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege bot den chinesischen Kollegen Unterstützung an.



207 vor Christus, nur drei Jahre nach dem Tod des Ersten Kaisers, legen Rebellen das Imperium in Schutt und Asche. Selbst vor den Grabanlagen des einstigen Herrschers machen sie nicht Halt: In blinder Wut vernichten sie die Symbole der Knechtschaft, unter der sie Jahrzehnte lang gelitten haben. Mehr als 2000 Jahre lang bleiben die Trümmer unter der Erde verborgen, bis Bauern 1974 beim Ausschachten eines Brunnens einige Bruchstücke ans Tageslicht bringen.

Archäologische Weltsensation



Aus dem Zufallsfund wird eine archäologische Weltsensation. Die Zerstörungswut ihrer Vorfahren stellt die Restauratoren heute vor eine nahezu unlösbare Aufgabe. Die Vollendung des riesigen Puzzles wird wohl Generationen in Anspruch nehmen. In den meisten Fällen müssen die Krieger aus bis zu 500 Scherben zusammengesetzt werden. Seit ihrer Entdeckung wurden eintausend Figuren wiederhergestellt. Wie viele Fragmente noch im Erdreich verborgen sind, kann niemand mit Sicherheit sagen.

Die Gruben der Terrakotta-Armee liegen etwa 1,5 Kilometer östlich des Kaisergrabes. Das Areal umfasst ein Gebiet von 2,5 Quadratkilometern, auf dem mehr als 140 Gruben vermutet werden. Im inneren Bezirk standen einst riesige Paläste und das Mausoleum. Bis heute ist niemand je ins Innerste des kaiserlichen Totenreichs eingedrungen. Ein chinesisches Forschungsteam machte bei Grabungen vor kurzem einen grausigen Fund. In einer Grube nahe des Mausoleums entdeckte es keine Scherben aus Ton, sondern Menschenknochen von mehr als hundert Toten.

Perfekte Kopien lebender Vorbilder

Bei weiteren Grabungen stießen die Archäologen auf eine Kammer, die ihnen schlichtweg den Atem verschlug. Sie legten einen Korridor frei, der eine komplette Flusslandschaft enthält. Kraniche, Schwäne und Gänse säumen einen künstlichen Bachlauf. Die lebensgroßen Plastiken aus Bronze sind perfekte Kopien der lebenden Vorbilder. Das Jenseits als Spiegelbild des Diesseits: Kein anderer Herrscher hat diese traditionelle chinesische Vorstellung mit ähnlicher Akribie umgesetzt wie Qin Shi Huangdi.

Bei der Rekonstruktion der Grabkammer halten sich die Wissenschaftler an den Bericht des Sima Qian. Demnach führt ein einziger Tunnel zum kaiserlichen Palast. Im Gewölbe funkeln Sterne, Walöllampen spenden ewiges Licht. Der Kaiser liegt umgeben von Flüssen und Seen aus Quecksilber im Zentrum seines Reiches. Alles dient nur einem einzigen Zweck: dem Anspruch universeller Macht - über den Tod hinaus.

Die Heerscharen aus Terrakotta sollten diesen Anspruch untermauern. Doch nur drei Jahre nach dem Tod des Ersten Kaisers lagen sie wie das Reich in Trümmern. Seinen sehnlichsten Wunsch erfüllte die Ton-Armee ihm dennoch: Sie hat ihn unsterblich gemacht.

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