Spaltung des Islam

Die schiitische Minderheit

Im Frühjahr 1090 war Hasan-e Sabbah in geheimer Mission unterwegs in Persien. Nach längerem Aufenthalt in Ägypten kehrte er in das Land seiner Väter zurück.

Der etwa 40-Jährige reiste inkognito. Größere Städte musste er meiden und nur selten suchte er die Gesellschaft Fremder.Die Häscher des Sultans waren hinter ihm her. Der Regent sah in Hasan einen gefährlichen Agitator und wollte ihn verhaften lassen. In der alten Hauptstadt - nahe dem heutigen Teheran - konnte er sich also nicht blicken lassen. Er beschloss, 130 Kilometer weiter nach Nordwesten zu wandern - bis nach Qazwin.

Glaube an die Imame

In Qazwin würde Hasan Gleichgesinnte finden. Dennoch musste er vorsichtig handeln. Das war nicht immer so. Denn einst gehörte er zum geachteten Establishment seines Landes. Wie die Mehrheit der Schiiten glaubte auch er an die zwölf Imame, die direkt von Mohammed abstammen. Die "Zwölfer-Schiiten" sehen im 12. Imam den Erlöser der Welt. "Es kam mir nie in den Sinn, die Wahrheit woanders zu suchen", schrieb er.

Doch irgendwann lernte er einen "dai'i! kennen, einen der geistlichen Führer der Ismailis - eine schiitische Minderheit, die sich mit dem siebten Imam Ismail abspaltete und ständig verfolgt wurde. Hasan wurde Ismaili und absolvierte eine Ausbildung als Theologe. Gebrandmarkt als "griechische Philosophie" stand die Doktrin der Ismailis damals bei der Mehrheit der Moslems in üblem Ruf und galt als gottlos. Hasan musste also im Untergrund operieren. Nach Jahren in der Fremde wollte er in Persien neue Anhänger für die Sache der Ismailis gewinnen.

Stellvertrteter des Propheten

Zu Zeiten Hasans, mehr als 400 Jahre nach Mohammed, war der Islam in zwei große Gruppen "Sunniten und Schiiten" sowie unzählige Untergruppen gespalten. Die erste Krise des Islam begann schon 632 als Mohammed starb: Er hatte keine klaren Instruktionen über einen Nachfolger hinterlassen. So wählten einflussreiche arabische Stämme gemäß ihrer Tradition den Besten aus ihrem Kreis als Kalifen, als Stellvertreter des Propheten. Doch bereits nach kurzer Zeit starben die ersten drei Amtsträger durch Mordanschläge.

656 folgte Ali, Mohammeds Vetter und Schwiegersohn. Als vierter Kalif residierte er in Kufa, im heutigen Irak. Nur fünf Jahre später brachten Meuterer auch ihn in der Moschee des Ortes um. Die Männer der Schia, der Partei Alis, hatten von Anbeginn behauptet, der Prophet selbst habe seinem Verwandten die Führungsrolle zugesprochen. Daher forderten sie, nur direkte Nachkommen Mohammeds dürften auch nach Alis Tod die Gläubigen führen. Der Konflikt spaltete den Islam in zwei große Lager, die Schiiten, jene Anhänger Mohammeds und ihre Gegner, die Sunniten.

Gescheiterte Vision

Zunächst übernahm eine sunnitische Dynastie das Ruder. Doch Alis Sohn Husain wollte das Kalifat um jeden Preis für die Schiiten zurückgewinnen. Doch die Sunniten metzelten in einer erbitterten Schlacht Husain und siebzig seiner Getreuen nieder. Seit diesem Ereignis gehörte öffentlich gezeigte Trauer zur schiitischen Identität, als schmerzlicher Ausdruck ihrer gnadenlosen Unterdrückung. Als Zeichen des Mitleids für den Heldentod ihres gefallenen Anführers.

Doch die Schiiten weigerten sich, die Herrschaft der Sunniten anzuerkennen. Vielmehr ernannten sie ihre eigene religiöse Autorität - den Imam. Er legte den Koran aus und erließ Gesetze. Im 12. Imam sieht die Mehrheit der Partei Alis den Erlöser der Welt. Ismail hingegen, den siebten Amtsträger, verehrt eine andere Gruppe als Heilsbringer - die Ismailis. 969 gründen sie Kairo - und eine neue Dynastie, die Fatimiden. Zum ersten Mal nach Ali gelingt es einem schiitischen Clan, politische und religiöse Macht an sich zu reißen und ein einflussreiches Kalifat zu errichten. Seine Imame verkünden die ismailische Lehre. Architektur, Wissenschaft und Kunst gelangen zu neuem Ruhm. Im 12. Jahrhundert aber gewinnen die Sunniten wieder die Oberhand. Die Ismailis gehen schweren Zeiten entgegen.

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