Spanische Invasion

Blutzoll als letzter Ausweg der Rettung vor dem Feind

Durch den Fernhandel drang die Kunde von den Goldschätzen Perus über Panama nach Europa und weckte die Begehrlichkeit der Spanier. Mit einer Lizenz des Königs machte sich schon bald eine Expedition auf, das Land auszuspähen. Und was die Gesandten sahen, übertraf ihre kühnsten Erwartungen. Für das Reich der Inka war das der Anfang vom Ende.

Scharf geschliffener Tumi Quelle: ZDF

Mit 150 Reitern erkundete Francisco Pizarro zunächst die Küstenregion. Dann drang er unaufhaltsam immer weiter ins Landesinnere vor - bis in die Hauptstadt Cuzco. Die Einheimischen empfingen die Eindringlinge freundlich, glaubten sie doch, ihr weißhäutiger Schöpfergott sei von seiner weiten Seereise zu seinem Volk zurückgekehrt. Doch Pizarro und seine Männer gingen mit äußerster Brutalität vor. Sie verbreiteten große Angst unter den Herrschern, brachten Furcht erregende Tiere mit. Zum Beispiel Pferde, die in Südamerika völlig unbekannt waren. Sie raubten, mordeten und folterten gnadenlos - allein aus Gier nach dem Gold.

Das Schicksal schlägt zu

Überall im Reich des Condors verbreitete sich die Nachricht von der Invasion der Europäer. Auch der Statthalter von Tucume fürchtete um seine Sicherheit und die seiner Untertanen. Er wusste, dass die Eroberer vor nichts zurück schrecken würden und dass das Lambayeque-Tal mit seiner Nähe zur Küste auf Dauer keinen Schutz bieteten würde. Das Schicksal schlug schneller zu als erwartet. Ständig kamen Boten in die Pyramidenstadt. Die speziell ausgebildeten Läufer hatten nur eine Aufgabe: wichtige Neuigkeiten über das weit verzweigte Wegenetz von einer Residenz zur nächsten zu übermitteln.

Der Kurier meldete, dass Pizarro und seine Mannen den obersten Inka Atahualpa hingerichtet und seine Armee überwältigt hatten. Der Gouverneur war bestürzt. Vor allem, weil einige Vasallen in der Gunst der Stunde zu den Spaniern übergelaufen waren. Als Antwort auf die Bedrohung bereiteten die Priester von Tucume eine Opferzeremonie vor. Archäologen vermuten, dass sie im Gründungstempel unterhalb der Huaca Larga abgehalten wurde. Alle Bewohner nahmen daran teil - in der Hoffnung, das Wohlwollen der Götter zu gewinnen.

Ankunft des Statthalters (Spielszene) Quelle: ZDF

Beschwörung der Götter

Das Muschelhorn kündigte die Ankunft des Statthalters an, der mit seinem Hofstaat und Angehörigen des Adels die Ehrenplätze bezog. Im Ritual übernahm der Herrscher die Schlüsselfunktion. Die ganze Nacht beschwor die Gemeinschaft die Götter der Berge, des Donners und des Blitzes. Der Zinnober, den der fromme Mann auf den heiligen Stein blies, sollte böse Einflüsse abhalten. 500 Jahre später fanden die Ausgräber Reste der pulvrigen Farbpartikel.

Doch dann signalisierte der Priester, die Unsterblichen verlangten nach einem Blutopfer. Der These zufolge konnte nur der Inka die Entscheidung über Leben und Tod treffen. 119 Menschen, herausgegriffen aus der Bevölkerung von Tucume, ergaben sich demütig ihrem Schicksal - Männer, Frauen und Kinder. Angesichts des nahen Todes wäre es natürlich, dass sich die Opfer heftig wehrten. Aber man konnte an den Skeletten keine Anzeichen dafür finden. Darüber hinaus gab es weder an Handgelenken noch Armen Spuren von Fesselungen durch Seile oder Schnüre.

Verhüllte Leichen der geopferten Menschen (Spielszene) Quelle: ZDF

Ruhigstellung durch Drogen

Es gab einfach keine Spur von Gegenwehr. Auch dafür halten die Fachleute eine plausible Erklärung bereit. Des Rätsels Lösung lautet schlicht: Ruhigstellung durch Drogen mit Amala. Überbleibsel der Samen lagen zuhauf im Erdreich. Die Substanz gehört zu den stark toxischen Pflanzen, die bei altindianischen Kulthandlungen häufig zum Einsatz kamen. Wenn das Rauschgift im Körper seine Wirkung entfaltet, lähmt es sämtliche Muskelpartien. Das Bewusstsein bleibt zwar ungetrübt. Doch der Betroffene kann keine Reaktionen mehr zeigen.

Die Tatwaffe war ein scharf geschliffener Tumi, die zeremonielle Handaxt mit gebogener Schneide. Das Vorgehen der Priester können die Wissenschaftler präzise nachvollziehen. Es folgte einem festgelegten Schema. Mit geübter Hand verrichteten die heiligen Männer das Handwerk im Minutentakt. Ein Blutbad zum Gefallen der Götter. Ein Sekundentod, der den Indios eine lang Qual ersparte. Doch das schaurige Ritual in Tucume hatte seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Die himmlischen Mächte forderten von den Gläubigen weiteren Tribut.

Gaben für die allmächtigen Naturkräfte

Die Rekonstruktion der Wissenschaftler zeichnet ein dramatisches Bild von den letzten Tagen in der bedrohten Pyramidenstadt. Die Priester schnitten den Todgeweihten die Kehle durch und fingen das Blut auf. Als Vertreter der Gottheit gebührte ihnen das Recht, davon zu trinken. So traten sie mit ihr in Kontakt. Dann wurde das Herz entnommen und im Zentrum des Tempels niedergelegt - als kostbarste Gabe der Sterblichen an die allmächtigen Naturkräfte auf Erden. Auserwählte begleiteten die stundenlange Zeremonie mit Tänzen und eindringlichen Gesängen.

Der hohe Blutzoll war das letzte Flehen eines verzweifelten Volkes um Rettung vor dem Feind. Wie viele andere Völker, so glaubten auch die Peruaner an ein Leben nach dem Tod. Daher bestatteten sie die Verstorbenen mit allen Würden, damit sie im Jenseits nichts entbehrten. Auch die 119 Männer, Frauen und Kinder fanden in Einzelgräbern die letzte Ruhe. Im Reich der Ahnen nahmen sie einen besondern Platz ein, denn sie opferten sich für das Wohl des Landes. Fortan empfingen sie von den Hinterbliebenen Speisen und Getränke als Gabe der Verehrung.

Feuer als Reinungsritual

Die Indios zahlten einen hohen Preis. Doch die himmlische Hilfe blieb ihnen versagt. Es gab nur noch einen Ausweg. In einer entschlossenen Aktion zündeten die Bewohner von Tucume die Paläste auf den Pyramiden an. Die Gebäude, in denen der Inka-Fürst und die Adligen von Lambayeque residierten. Doch nicht aus Zerstörungswut, sondern um den Ort zu reinigen, bevor sie mit ihren Habseligkeiten die Stadt verließen. Da die Flüchtlinge ihr Domizil endgültig aufgeben wollten, steckten sie sogar den Gründungstempel - die Stätte des Massenopfers - in Brand. Und die Insignien der Macht. "El Purgatorio", das Fegefeuer - so erklärt sich der Name der verwaisten Metropole, den die spanischen Chronisten an die Nachwelt überlieferten.

Ruine der Pyramide aus Lehmziegeln Quelle: ZDF

Als Tucume aufgegeben wurde, kam auch das Aus für den Pyramidenbau. Eine weltweite Tradition, fast 3000 Jahre alt, fand ein jähes Ende und markierte den Beginn einer neuen Ära unter fremder Herrschaft. Doch die imposanten Pyramiden aus Millionen von Lehmziegeln ragen nach wie vor wie Mahnmale zum Himmel empor - als stolzes Vermächtnis einer blühenden Vergangenheit.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet