Sprungbrett nach Europa

Umkämpfte Cyrenaika im Fokus der Griechen

Im fünften Jahrhundert vor Christus arbeitete der Vater der Geschichtsschreibung, Herodot, an seinem berühmtesten Werk, den Historien. Herodot schildert Unglaubliches: Tief in der Wüste soll ein mächtiges Volk leben, mit einer gewaltigen, uneinnehmbaren Hauptstadt: das Volk der Garamanten.

Die Griechen hatten knapp 300 Seemeilen südlich von Athen, Kolonialstädte wie Cyrene gegründet. Herodot selbst lebte zeitweilig in Nordafrika und war Augenzeuge der Ereignisse.

Gerüchte, Sagen, Geschichten

Die griechischen Außenposten waren ein Markt für Güter aller Art - dazu gab es kostenlos Gerüchte, Sagen, Geschichten. Herodot hat sie auf seinen Reisen notiert. Doch was ist davon wahr?


Die Handelswege aus dem dunklen Kontinent endeten in Cyrene. Von dort wurden die Waren verschifft. Die Cyrenaika war strategisch schon immer heiß umkämpft. Als Sprungbrett nach Europa. Nicht nur in der Antike - auch im Zweiten Weltkrieg. Hier tobte der Kampf zwischen den Alliierten und dem deutsch-italienischen Afrikakorps besonders heftig.

Griechenkolonie in Afrika

Sechzig Jahre später hilft die Luftschlacht den Archäologen. Die Zielfotos der Bomberpiloten entlarven neben den feindlichen Stellungen auch die Ruinen von Cyrene. Wie das Amphitheater am Rande der antiken Stadt. In Cyrene legt der italienische Archäologe Mario Luni gemeinsam mit einem libyschen Team die erste Griechenkolonie in Afrika frei.


Stimmt Herodots Behauptung, die Hellenen hätten von den Garamanten gelernt, die in der Wüste prächtige Städte und modernste Kriegstechniken besaßen? Auf den ersten Blick wirkt alles in Cyrene ur-griechisch: Ein zweites Athen in Afrika. Der Apollo-Tempel am Rande der Stadt ist sogar größer als sein attisches Vorbild. Und nirgendwo außerhalb Athens findet man eine solche Ansammlung griechischer Kunstwerke.

Wundersame Skulpturen



Doch Luni glaubt an einen deutlichen kulturellen Austausch zwischen Griechen und libyschen Völkern. Unweit Cyrenes ist er am mysteriösen Grottenheiligtum von Slonta auf einer heißen Fährte - wer waren die Schöpfer dieser heiligen Stätte? Im alten Höhlentempel legt Lunis Team wundersame Skulpturen frei. Keine klassischen Helden- und Göttergestalten. Keine überirdischen Stiere der griechischen Sagen, sondern Figuren und Gesichter, die ursprünglich wirken, Ängste ausdrücken, Demut zeigen - zum Anfassen menschlich. Dass dieser Kultplatz von Nomaden aus der Wüste erbaut sein soll ist jedoch eher unwahrscheinlich.

Die Figuren des Grottenheiligtums erinnern den Archäologen Luni an einen anderen Fund: eine ungewöhnliche Frauengestalt, inmitten der kostbaren Sammlung klassischer Statuen von Cyrene. Eine feine Dame im griechischen Stil, doch keine Frau, keine Göttin würde in Athen oder Delphi mit einem Schleier dargestellt werden. Gesichtsschleier trugen zur Zeit des antiken Griechenlands zumeist die Wüstenvölker. Verschleierte Figuren schmücken einige Grabstätten Cyrenes - Professor Luni hält sie für Todesgöttinnen - in denen sich griechische und libysche Elemente vermischten. Ein kleiner Mosaikstein, der aus dem scheinbar klassisch fest gefügten Weltbild herausfällt: Hatte Herodot also recht?

Die Antwort darauf können die Forscher nur in der Wüste finden, in der das mächtigste der libyschen Völker gelebt haben soll: die Garamanten.

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