Spurensuche im Tal der Düssel

Die Entdeckungsgeschichte des Neandertalers

Im Jahr 1856 lösen zwei italienische Steinbrucharbeiter die lehmigen Ablagerungen in der "Kleinen Feldhofer Grotte" im Neandertal. Mit einer Spitzhacke stoßen sie dabei auf eine Schädelkalotte. Heutige Wissenschaftler hätten den Fund mit Samthandschuhen angefasst.

Die unwissenden Steinbrucharbeiter aber werfen das kostbare Stück auf einen abgetragenen Gesteinshaufen. Wäre in diesem Moment nicht Wilhelm Beckershoff, Steinbruchbesitzer und Beobachter der Szene vorbeigeschlendert, wäre der Fund für immer verloren gewesen. Er ist es, der seine Arbeiter auffordert, alle Knochen an der Fundstelle zusammen zu tragen.

Höhlenbär oder fossiler Mensch?

Beckershoff und sein Partner Friedrich Wilhelm Pieper vermuten, auf die Überreste eines Höhlenbären gestoßen zu sein und führen die Skelettteile (einige Rippen, mehrere Bein- und Armknochen, ein Schlüsselbein, ein Schulterblatt, ein Beckenfragment und das Schädeldach) dem Fossiliensammler und Lehrer Johann Carl Fuhlrott vor. Dieser ist Kenner genug, um den Bären als "einstigen Eigentümer" auszuschließen. Für ihn ist klar: die Überreste lassen sich einem Menschen zuordnen, der sich allerdings vom Menschen der Gegenwart stark unterscheidet. Fuhlrott ist begeistert, als Beckershoff und Pieper ihm den Fund übereignen.


Als der Fund am 4. September unter anderem in der Bonner Presse thematisiert wird, erregt er auch das Interesse des dort wohnhaften Anatomieprofessors Hermann Schaaffhausen. Fuhlrott willigt in eine genauere Untersuchung der Knochen von Seiten des Professors ein. Die beiden Gelehrten wird der Fund von diesem Tag an stark beschäftigen. Mit der festen Überzeugung, auf einen fossilen Menschen gestoßen zu sein, treten Fuhlrott und Schaaffhausen gegen das Dogma "L`homme fossile n'existe pas" (Der fossile Mensch existiert nicht) der damaligen Zeit an.

Internationale Unterstützung

Die Veröffentlichungen der beiden Männer lösen einen Wissenschaftsstreit um das Alter des Menschenfundes aus. Die Außenseiter haben im Zuge der Debatte einen schweren Stand, treffen aber auch auf internationale Unterstützung. So vor allem aus England, wo das um diese Zeit erschienene Werk Charles Darwins ("Über die Entstehung der Arten") den Weg zu einer neuen Denkrichtung bereits geebnet hat. 1863 erscheinen dort die Werke der berühmten Geologen Sir Charles Lyell und Thomas Henry Huxley, die dem Knochenfund gegenüber positiv eingestellt sind.


Die bekannteste Theorie der Gegnerseite stammt von dem deutschen Pathologen Rudolf Virchow. 16 Jahre nach dem Fund stellt er die These auf, dass die Abweichungen des Neandertalers von der Gestalt des modernen Menschen durch Krankheiten verursacht seien und eben keine Merkmale für eine urtümliche Menschenart darstellen. Heimlich verschafft er sich Zugang zu dem umstrittenen Knochenfund und stellt seine These des rachitisch verformten Skeletts auf einer Sonntagsvorlesung in Berlin der Öffentlichkeit vor. Seine Interpretation führte dazu, dass die Forschung in Deutschland über Jahrzehnte zum Erliegen kam.

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