Spurensuche in Uruguay

Ein Drehbericht von Martin Papirowski

Um zum Wrack der Admiral Spee vorzudringen, müssen nicht nur technische Hürden gemeistert werden. Denn das Schiff ist kein historisches Monument eines Landes, sondern Privateigentum eines uruguayischen Geschäftsmannes. Zudem wird es vom Militär bewacht. Die Verhandlungen gestalten sich zäh und versprechen wenig Erfolg. Doch als das Projekt zu scheitern droht, kommt plötzlich ein rettender Anruf.

Spee-Dreh in Uruguay
Spee-Dreh in Uruguay Quelle: ZDF

"Man sagt hier, Uruguay sei die Schweiz Südamerikas", begrüßt uns unser Fahrer Josef am Internationalen Flughafen von Montevideo. Wir grübeln über den Vergleich, denn auf den ersten Blick hat das kleine Land am Rio de la Plata mit der Alpenrepublik nun wirklich keine Ähnlichkeit. Flache Ebene, Palmen, keine Berge, bestenfalls Hügel. Und nach zwölf Stunden Flug will sich uns Josefs Vergleich nicht wirklich erschließen - am nächsten Morgen gewinnen wir dann eine erste Idee davon, was er eigentlich meint. Montevideo, die Hauptstadt von Uruguay, ist anders als das, was man klassischerweise von Südamerika erwartet. Hier ist alles etwas stiller, beschaulicher, provinzieller, man spricht leiser, blickt ernster und man scheint auch das zu meinen, was man sagt.

Stunden voller Ängste

Wir sind am Ende einer langen Reise, die uns zu einem der vielleicht größten maritimen Mythen bringen soll. Morgen werden wir dann hautnah dran sein - aber bis dahin liegen noch 24 Stunden vor uns. Stunden voller Ängste, Enthusiasmus, Enttäuschung und Zorn - Tage, an denen Telefonkosten in den dreistelligen Bereich driften, Nichtraucher zu Rauchern werden und ruhige Charaktere zu Dampf schnaubenden Arenastieren. Seit Monaten versuchen wir zum Kern unserer Geschichte, zu den "sterblichen Überresten" des Panzerschiffes "Admiral Spee", vorzudringen. Der Handelsstörer ruht in den schlammigen Fluten des Rio de la Plata, versenkt von einem Kapitän namens Hans Langsdorff, der uns nach fast sechsmonatiger Recherche so sehr berührt, dass man zu glauben meint, ihn zu kennen.

Das Wrack der Spee auf dem Grund
Das Wrack der Spee auf dem Grund Quelle: ZDF

Und genau dort - an den Ort des Geschehens - wollen wir hin, nachsehen, was von der "Spee" übrig geblieben ist, abtauchen in die dunklen, schlammigen Fluten des Rio de la Plata. Doch da gibt es ein Problem, es begann vor drei Monaten und wurde Woche für Woche größer. Die 'Spee', besser ihr Wrack, ist kein Memorial, keine Gedenkstätte, kein historisches Monument Uruguays oder irgendeines anderen Staates. Vielmehr ist sie Privateigentum, "Spekulationsobjekt". wie viele meinen. Das Wrack gehört einem Mann, der mit ihrer Popularität Millionen verdienen will. Er wolle die "Spee" bergen, so lautet sein hehres Ziel, und dafür brauche er Geld - viel Geld. Experten halten dieses Vorhaben für technisch unmöglich oder so teuer, dass es außerhalb jeder Realität steht. Und trotzdem hält der Besitzer an seinem Vorhaben fest.

Plan "B" muss her

Unserer Anfrage an seinen Bergungsleiter Hector Bado, ob es möglich sei, mit seiner Hilfe zum Wrack der "Spee" zu tauchen, wurde zunächst bejahend stattgegeben. Wir wähnten uns schon am Ziel unserer Träume, doch Tage später hielten wir den Kostenvoranschlag in Händen. Eine Summe jenseits unserer Möglichkeiten, völlig überteuert, "unverschämt", wie wir damals in unserer Antwort bemerkten. Was dann begann, war eine nervenaufreibende Serie von Mails, die nichts bewegten. Schließlich Funkstille - ein Plan "B" musste her.

Wir wollten mit einem Schiff der uruguayischen Kriegmarine auslaufen, zur Wrackstelle der "Spee" fahren, hinuntertauchen, unsere Bilder machen und dann zurück fahren. Das war unser Konzept in Kürze. Doch wir hatten den politischen Einfluss unseres Geschäftsmanns unterschätzt. Denn was sich noch bei unserer Landung in Uruguay als unumstößliches Vorhaben darstellte, wischten die Verantwortlichen vom Marineamt Uruguay schon bei unserem ersten Gespräch plötzlich vom Tisch. So begann der erste Tag in Montevideo mit einem Feuerwerk von Telefonaten, Treffen, Mails, Vorstößen und Rückschritten. Als alle Hoffnung dahin war, erhielten wir plötzlich einen Anruf: "Morgen früh um acht laufen wir aus - und sie sind an Bord. Viele Grüße, ihr freundlicher Presseoffizier."

Schweizer Verhältnisse

Uruguay ist die Schweiz Südamerikas. Als wir am nächsten Morgen mit Bus, Equipment und nach elf Stunden todesähnlichem Schlaf vor dem Schlagbaum des Marinehafens stehen, verstehen wir Josef. Es ist halb sieben am Morgen und der Nebel ist so dicht wie auf einer Hochgebirgsalm. Es ist so, als hätten sich die Wolken gesenkt. Auch der Sicherheitsoffizier, der uns checkt, ist so korrekt wie ein Berner Postbote. Wer in diesem Moment an gefaltete Banknoten im Reisepass denkt, will unbedingt die Verlängerungswoche in uruguayischer Sicherheitsverwahrung.

Audaz im Nebel
Audaz im Nebel Quelle: ZDF

"Sie bekommen von uns ein Boot", hatte der Presseoffizier gesagt, irgendetwas Offenes, hatten wir befürchtet. Doch dann kam alles ganz anders. Was sich dann vor uns aus dem Nebel schält, sind zwei Dinge: Kapitän Acosta, ein hoch aufgeschossener Kommandant mit blauen Augen, festem Blick und ebensolchem Händedruck und die "Audaz", ihres Zeichens Minensuchboot. Für uns Kriegsdienstverweigerer ein veritables Kriegsschiff.

Rauer Seegang, klirrende Kälte

Es ist Juli - Winter in Südamerika - und immer noch herrscht Titanicwetter. Normalerweise wäre man im Hafen geblieben, "normalerweise" ist jedoch etwas anderes. Trotz rauem Seegang und klirrender Kälte lichtet die Mannschaft des Minensuchers den Anker. Einen der Gründe dafür, dass wir trotz minimaler Sicht auslaufen, erfahren wir gleich beim Auslauftee. Die "Audaz" wurde in Deutschland gebaut, ein ehemaliges Schiff der Marine Honeckers. Heute ein Geschenk der Bundesrepublik an die Marine in Uruguay. Hans Langsdorff und "seine" 'Spee' kennt dort jeder Offizier an Bord.

Wie ein künstliches Riff

Dass man mit einem deutschen Team unterwegs ist, macht die Männer stolz, wie Kapitän Acosta versichert - und das hat so gar nichts mit falsch verstandenem Nationalismus zu tun. Sie verstehen ihre Unterstützung als freundliche Geste unter Männern. Was Hans Langsdorff für seine Besatzung getan hat, ist in Uruguay längst ein Mythos. Und wer weiß seine Tat mehr zu schätzen als Marinesoldaten? Sichtweite 300 Meter - kein anderes Militärboot verlässt bei diesem Wetter den Hafen - doch wir haben eine Mission. Inzwischen wärmen sich unsere drei Taucher auf. Sie sind Kampftaucher, die Elite der Elite. Und dennoch: Selbst sie haben vor der "Spee" Respekt. Die "'Spee' ist eine Todesfalle", sagt uns einer der drei. "Dutzende von Schleppnetzen überziehen das Wrack. Wer sich als Taucher da verheddert ist verloren." Zehn Tote habe es bislang gegeben. Wahrscheinlich sind es mehr, denn die "Spee" ist Sperrbezirk, Tauchen streng genehmigungspflichtig. Trophäentauchen jedoch ist ein lukratives Geschäft, zumal wenn es sich um eine solche Berühmtheit handelt. Nach knapp einer Stunde haben wir uns bis auf eine Meile an die "Spee" herangearbeitet. Näher will Acosta nicht dran, ein Beiboot wird vorbereitet. Die Fahrrinne an der letzten Ruhestelle der "Spee" ist nur wenige Meter tief. Wie ein künstliches Riff bedroht es die Schiffe auf ihrem Kurs nach Montevideo.

Schlauchboot
Schlauchboot Quelle: ZDF

Als die "Audaz" vor Anker geht, hat sich der Nebel etwas gelichtet. Die Taucher gehen an Bord des etwa acht Meter langen Beibootes, zwei von uns gehen mit ihnen. "Rückkehr nach 30 Minuten", lautet die Ansage. Kapitän Acosta ist besorgt, ich bin es auch. 30 Minuten, gefühlte zwei Stunden. In immer kürzeren Abständen lässt der Kapitän das Nebelhorn blasen. Doch von dem Beiboot keine Spur. Später werden unsere Helden den Augenblick beschreiben, als der Nebel die "Audaz" verschluckte und sie um sich herum nichts als Wasser sahen. Sie werden von dem seltsamen Gefühl berichten, dass sie befiel, als plötzlich aus dem Nebel die Signaltonne der "Admiral Graf Spee" vor ihnen auftauchte. Und von der Vorstellung, dass es unter ihnen liegt: das berühmte Schiff. Es sind spannende, intensive Aufnahmen, die wir an diesem Morgen auf dem Minensuchboot machen. Menschen, die sich sorgen und warten in banger Erwartung. Kameraden, die sich freuen, erleichtert sind und am Ende enttäuscht.

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