Stadtmauer und Akropolis

Das Stadtbild im 2. Jahrtausend v. Chr.

Wie sah eine syrische Stadt in der Mittleren und Späten Bronzezeit aus, wie waren Zustand, Organisation und die inneren Strukturen in Qatna? Archäologische Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte zeigen, wie sich in Syrien am Beginn der Mittleren Bronzezeit eine eher standardisierte urbanistische Stadtanlage durchsetzte.

Stadtanlage Qatna (Computeranimation)
Stadtanlage Qatna (Computeranimation)

Die Siedlungen bestanden aus einer Zitadelle mit den wichtigsten öffentlichen Gebäuden und einer Unterstadt. Sie lagen inmitten mächtiger Erdwälle, aufgeschüttet mit einer gewaltigen Menge an Erde und kalkhaltigem Gestein, die ihrerseits wieder von vorliegenden Gräben umgeben waren. Zudem wurde die Zitadelle normalerweise an ihrem Fuß durch einen inneren Mauerring geschützt.

Schützende Wälle

Auch in Qatna - der Name ist seit dem 20. Jahrhundert v. Chr. belegt - entstand eine neue Stadt über dem viel kleineren urbanen Zentrum aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. Vier mächtige Erdwälle mit bis zu 20 Meter Höhe schützten die Siedlung und schlossen eine ausgedehnte quadratische Fläche von 110 Hektar ein. Diese mächtigen, an ihrer Basis zwischen 60 und 80 Meter tiefen Strukturen besaßen eine hauptsächlich defensive Funktion, da ihre gewaltigen Dimensionen die Belagerer einschüchtern sollten, die Angriffe von Bogenschützen unwirksam machten und die Verwendung von Kriegsmaschinen (Sturmböcke, Türme und Tunnel) verhinderten.

Der Bau der Festungswälle veränderte nicht nur das Stadtbild stark, sondern auch die Landschaft, die von einem kleinen See in der Nähe der Siedlung beherrscht wurde. Wahrscheinlich war dieser See in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. künstlich angelegt worden, indem das Wasser der Karstquellen und der Wasserläufe in der Gegend gesammelt wurde. Durch den westlichen und südlichen Erdwall wurde er in einen langen und schmalen Graben geteilt, der die Nord-, Süd- und Westseite der Bastionen umgab. Im durch die Erdwälle begrenzten Inneren entstand ein kleines Becken, dessen Existenz ab der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. nachgewiesen ist.

Bewachte Tore

Die Befestigungsanlagen wiesen mindestens vier Haupttore auf, die aus zwei aneinandergereihten Räumen bestanden. Zu den Haupttoren kamen möglicherweise noch Nebentore hinzu, von denen Spuren in Form von kleineren Durchgängen durch die Erdwälle erkennbar sind. Eine im späteren "Unterstadtpalast" gefundene Keilschrifttafel des 14. Jahrhunderts v. Chr. scheint einen Hinweis darauf zu geben, dass die großen Tore von Gebäuden geschützt wurden, in denen unterschiedlich große Wachmannschaften stationiert waren. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um Festungen, die ähnlich wie in Ebla auf der Kuppe der Erdwälle standen und den akkadischen Namen bit abullim ("Haus des großen Tores") trugen. Der Text erwähnt ein Kontingent von beinahe 500 Soldaten zum Schutz der fünf bit abullim in Qatna.

Eine Interpretation der Anlage berücksichtigt nicht nur die militärische Rolle der Wälle, sondern auch die symbolische Bedeutung sowie die Zurschaustellung der Macht, die diese Befestigungen sicherlich potentiellen Feinden und der Bevölkerung des Umlandes vermittelt haben müssen. Mit anderen Worten ausgedrückt, waren derart mächtige und von Weitem sichtbare Bauwerke wie die Erdwälle von Qatna, Ebla oder Karkemisch in Nordysrien Teil einer "Landschaft der Macht", die für Macht, Unzerstörbarkeit und Überfluss stand. Auf diese Art kommunizierten die herrschenden Eliten mit ihren Untergebenen und gleichzeitig waren die Erdwälle Teil eines "Dialoges" zwischen den syrischen Machtzentren.

Der größte Palast seiner Zeit

Mit dieser politischen und ideologischen Lesung ergibt sich auch die Möglichkeit, die außerordentliche Monumentalität einiger Gebäude der Stadt innerhalb der Wälle, besonders der öffentlichen Gebäude auf der Zitadelle, zu erklären. Zum Beispiel ist belegt, dass der Königspalast von Qatna mit seinen Ausmaßen von über 16.000 Quadratmeter der größte Palast des ganzen syrisch-palästinischen Gebiets der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. war.

Die den Königspalast kennzeichnende, unverhältnismäßige Vergrößerung des Zeremonie- und Präsentationsraumes ließ wenig Platz für die Geschäfte der königlichen Verwaltung. Zumindest teilweise wurden diese in Nebenpaläste verlegt, die zusammen mit dem Hauptpalast eine Zitadelle der Macht bildeten, von der aus der Herrscher und seine obersten Beamten die Stadt und das Königreich regierten. Um den Königspalast herum bildete sich ein Ring von höfischen Dienstgebäuden, die aus der "südlichen Residenz" und dem "Unterstadtpalast" bestanden.

Zeremonielle und politische Bedeutung

Eine derartige Stadtplanung ist auch für die Mittlere Bronzezeit in Ebla und für die Späte Bronzezeit in Ugarit bekannt. Typisch für Mesopotamien ist ein Zentrum mit einem einzigen großen höfischen Bau, das neben der Funktion als Residenz auch eine zeremonielle sowie politische Bedeutung besaß und die Kontrolle der Wirtschaft übernahm. Diesen Entwurf ersetzte man im 2. Jahrtausend v. Chr. in Syrien durch ein dezentralisiertes Modell, bei dem einige Funktionen der Macht in mehrere Gebäude auf der großen Akropolis um den Königspalast ausgelagert wurden.

In der Mittleren und Späten Bronzezeit entwickelte man auch neue Produktionsarten. Darauf deutet die Aufgabe des Platzes für die Lagerung und Verarbeitung des Getreides, der sich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. am höchsten Punkt der Akropolis befand. Mit dem Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. wurde dieser Platz von gut ausgestatteten Werkstätten für die Massenproduktion von Keramik abgelöst. Diese Produktionsorte gehörten vermutlich zu einem öffentlichen, heute nur sehr schlecht erhaltenen Gebäude.

Strukturierung der Fläche

Luftaufnahme Qatna-Areal

Die archäologischen Ausgrabungen erlaubten außerdem einen Einblick in das städtische Verkehrssystem. Eine Hauptstraße führte durch das Nordtor in die Stadt, verlief entlang der Westfassade des "Unterstadtpalastes" und führte die Nordflanke der Zitadelle hinauf. An ihrem Fuß war die Zitadelle durch eine Umfassungsmauer geschützt, von der Reste an der Nordseite gefunden wurden.

Die Straße führte dann zur Ostseite des großen Königspalastes und von hier weiter nach Süden, bis sie die große Keramikmanufaktur erreichte und sich dort in zwei Straßen teilte: Eine lief weiter Richtung Westen entlang der Westseite der Zitadelle, die andere wahrscheinlich zum Südtor. Es ist anzunehmen, dass eine zweite Hauptstraßenachse die Stadt von Osten nach Westen durchzog und damit das West- mit dem Osttor verband. Möglicherweise schlängelte sich ein dritter Weg parallel an der Umfassungsmauer der Zitadelle entlang.

Urbaner "Behälter"

Man darf jedoch nicht glauben, dass die gesamte Fläche der von riesigen Erdwällen begrenzten Stadt Qatna dicht besiedelt war. Besonders in der Unterstadt müssen weite Flächen ohne Bebauung existiert haben, zum Beispiel die Wasserfläche, die von einer Quelle am Fuße der nördlichen Steilhänge der Zitadelle mit Wasser versorgt wurde. In der Unterstadt befanden sich wohl auch zwischen den Wohnhäusern leere Flächen, Gärten und Gemüsegärten, vielleicht aber auch bestellte Äcker.

Qatna scheint im 2. Jahrtausend v. Chr. wie ein großer urbaner "Behälter" gewesen zu sein, der hauptsächlich die funktionalen Bauten für die politische und ökonomische Macht beherbergte - das bedeutet Paläste, Verwaltungs- sowie kultische und militärische Zentren, Wohnbauten der Beamten und Wohnviertel, die vermutlich für das Personal der zivilen und religiösen Stadtverwaltung bestimmt waren. Der Großteil der Bevölkerung muss dagegen im Umland auf ländliche Dörfer außerhalb der Festungswerke verteilt gewesen sein. Hierauf scheint auch die Nennung Dutzender Dörfer in den administrativen Texten aus den Archiven von Qatna hinzuweisen.

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