"Starke Veränderungen im Mittelmeerraum"

Interview mit der Meteorologin Daniela Jacob

Daniela Jacob ist die stellvertretende Leiterin der Abteilung Atmosphäre im Erdsystem des Max-Planck-Instituts für Meteorologie, Hamburg. Für ZDFonline beantwortet sie Fragen rund um Hurrikans, Klimaprognosen und die Verantwortung der Menschen für den Klimawandel.

Daniela Jacob Quelle: ZDF


ZDFonline: Am 8. Oktober 2005 alarmierte Hurrikan "Vince" die Klimaforscher Europas. Er wurde zum Auslöser intensiver Forschungsanstrengungen. Warum?


Daniela Jacob: Durch seine katastrophalen Auswirkungen hat Hurrikan Vince wieder einmal die Verwundbarkeit der Menschen - selbst in den hoch entwickelten USA - gezeigt. Um sich besser vor solchen Ereignissen schützen zu können, wurde in den USA die Forschung zu Hurrikans massiv aufgestockt.


ZDFonline: Sie entwickelten am Max-PIanck-Institut gemeinsam mit dem Klima-Rechenzentrum der Universität Hamburg das regionale Forschungsmodell REMO. Worin liegen die Besonderheiten?


Jacob: Globale Klimamodelle geben in Regionen nur große Informationen zu möglichen Klimaänderungen. Mit REMO können mögliche Klimaänderungen auf einem Gitterraster von 10 bis 50 Kilometern berechnet werden, sodass die Landnutzung und vor allem die Hügeligkeit in der Region besser berücksichtigt werden kann. So können auch regionale Veränderungen berücksichtigt werden.


ZDFonline: Zu welchem Ergebnis führten ihre Forschungen?


Jacob: Mögliche Klimaänderungen hängen stark von der Menge der Treibhausgase ab, die in die Atmosphäre gelangen. Nehmen wir einen mittel starken Anstieg an - also das IPCC -A1B Scenario - so kann sich in ganz Europa die Jahresmitteltemperatur, je nach Jahreszeit und Region, um 2 bis 6 Grad Celsius erwärmen - im Süden stärker als im Norden. Damit verbunden sind starke Änderungen in den Niederschlagsmengen: leichte Zunahme in Skandinavien und möglicherweise starke Abnahmen im Mittelmeerraum, im Sommer regional bis zu 50 Prozent.

Mittelmeerküste Quelle: ZDF


ZDFonline: Warum ist das Mittelmeer ein Klima-Hotspot für Europa?


Jacob: Für den Mittelmeerraum werden starke Veränderungen sowohl in der Temperatur als auch im Niederschlag berechnet, die auch durch leichte Verschiebungen der äquatornahen Zirkulationssysteme hervorgerufen werden.


ZDFonline: Welche Folgen haben die vermuteten Veränderungen für den Mittelmeerraum und seine Bewohner?


Jacob: Die möglichen Folgen für die Bewohner des Mittelmeerraums sind noch nicht ganz klar und werden gerade im Rahmen eines im Mai gestarteten EU-Projekts genauer analysiert. Aber schon heute beobachten wir ja besonders trockene Sommer und Starkniederschläge in einigen Regionen des Mittelmeerraums. Nun muss analysiert werden, wie sich diese Wetterereignisse wohl in der Zukunft weiterentwickeln.


ZDFonline: Wie beeinflusst das Geschehen in Mittelmeerraum unser Wetter?


Jacob: Eine gut bekannte Wetterlage, die sich über das Mittelmeer und Deutschland erstreckt, ist die so genannte Vb-Wetterlage. Hierbei zieht ein kleines Tiefdruckgebiet vom Golf von Genua ostwärts über das Mittelmeer und dann nordöstlich nach Zentraleuropa hinein. Wenn die Wassertemperatur im Mittelmeer sehr hoch ist, kann die Luft im Tief viel Wasser aufnehmen, die dann als Starkniederschläge wieder ausfallen können. Wie zum Beispiel bei der Wettersituation im Sommer 2002, die zu Elbhochwasser geführt hat.


ZDFonline: Welche Rolle spielt der Mensch als klimabeeinflussender Faktor?


Jacob: Menschliche Aktivitäten beeinflussen das Klima durch den Ausstoß von Treibhausgasen und Aerosole, wie zum Beispiel Rußpartikel. Zusätzlich verändert der Mensch die Landoberfläche durch Landnutzung, auch das ist klimawirksam.


ZDFonline: Wie kann der Mensch die Klimaentwicklung beeinflussen?



Jacob: Momentan kann die Menschheit die Klimaentwicklung entscheidend durch den Ausstoß von Treibhausgasen beeinflussen. Hier ist ein möglichst geringer weiterer Anstieg anstrebenswert, zum Beispiel indem wir die Ausstoßmengen reduzieren und effizienter mit Energie umgehen.


ZDFonline: Wie kann sich der Mensch auf den Klimawandel einstellen? Welche Vorkehrungen sollten getroffen werden?


Jacob: Wir leben in einem sich ändernden Klima und dies sollte auch im Bewusstsein der Menschen seinen Platz finden. Neben der absoluten Notwendigkeit, den weiteren Anstieg der Treibhausgase zu minimieren, müssen wir uns gleichzeitig auf Veränderungen vorbereiten, die durch die bereits eingetretene Erwärmung ausgelöst werden. Die notwendigen Anpassungsmaßnahmen sind regional sehr unterschiedlich und müssen den jeweiligen Gegebenheiten im betroffenen Sektor, Wirtschafts- oder Lebensbereich angemessen sein.

Beispiele dafür sind die Agrarwirtschaft, der Tourismus oder auch das Transportwesen. Heiße, trockene Sommer an den deutschen Nord- und Ostseeküsten können gut für den Tourismus sein, aber vielleicht schlecht für die Landschaft. Kürzlich wurde das Excellenz-Cluster, CLiSAP (Integrierte Klimasystem-Analyse und -Vorhersage) für die Universität Hamburg genehmigt. Das freut uns sehr, und wir hoffen, jetzt noch intensiver an den Klimaentwicklungen, insbesondere für die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte forschen zu können.

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