Sterne leuchteten ihnen den Weg

Die Polynesier waren Meister der Navigation

Besonders für Seeleute waren die Sterne richtungsweisend. Große europäische Entdecker ließen sich von ihnen über den Ozean leiten. Auf der anderen Seite des Globus, in der Südsee, verstand man sich schon viel früher und präziser auf das Navigieren nach den Sternen: Die Polynesier brauchten keinen Kompass und keine Seekarte. Sie hatten ihre Sternkarte im Kopf - eine Leistung, die uns heute noch staunen lässt.

Ein Seefahrer misst mit dem Zirkel Entfernungen auf einer Seekarte (Spielszene)
Früher konnten Seefahrer nicht präzise in Ost-West-Richtung navigieren. Quelle: ZDF

Auf den Meeren tobte im 15. und 16. Jahrhundert der Machtkampf der Nationen. Ausgesandt von den Herrschern der mächtigen Seefahrernationen Portugal, Spanien und England sollten die Entdeckungsreisenden die jeweiligen Herrschaftsbereiche ausweiten und neue Kolonien in Besitz nehmen. Die Baupläne von Schiffen und Navigationsregeln wurden wie Staatsgeheimnisse gehütet.

Eine Welt ohne Längengrade

Doch die Reise durch unbekannte Gewässer war selbst für die Mutigsten, die sich dafür bereit fanden, ein waghalsiges Unterfangen. Zwar konnte man damals nachts mit einem Sextanten die Höhe des Polarsterns bestimmen und damit die eigene Position in Nord-Süd-Richtung. Aber es gab noch keine Navigationsmethode, mit der die Seeleute ermitteln konnten, wie weit östlich oder westlich sie sich auf offenem Meer befanden.

1707 kam es zu einer Tragödie: Der englische Admiral Cloudesley Shovell verirrte sich mit fünf Schiffen bei den Scilly Islands vor der Südwestküste Englands in Nebel und Sturm. Er wähnte seine Flotte viel weiter ostwärts - ein verhängnisvoller Irrtum. Vier der fünf englischen Kriegsschiffe liefen auf tückischen Felsen auf, 1.450 Seeleute der English Royal Navy mußten sterben.

Die Besiedlung der Südsee

Auf der anderen Seite des Globus war die Kunst der exakten Navigation zur selben Zeit längst kein Geheimnis mehr. Von Westen aus, so vermuten Forscher, eroberten sie bereits vor 4.000 Jahren die gesamte Inselwelt des Pazifiks. Von den Zentren Fidschi, Samoa und Tonga aus drangen sie mit ihren Booten in östlicher Richtung vor. In mehreren Besiedlungswellen gelangten sie bis zur Osterinsel, die über 3.500 Kilometer von der Küste Chiles und über 2.000 Kilometer vom nächsten bewohnten Eiland entfernt im Ozean liegt. Auf der Osterinsel - in der Sprache der Einheimischen Rapa Nui genannt - entwickelte sich über Jahrhunderte eine Kultur, die uns bis heute vor Rätsel stellt. Aber wie kamen die Menschen dorthin? Wie war es möglich, die Insel sogar wiederholt anzusteuern?

moai skulpturen auf der osterinsel
Die Osterinsel mit ihren rätselhaften Megalith-Skulpturen Quelle: reuters

Die Polynesier gelten als die ersten großen Entdecker in der Geschichte der Seefahrt. Ohne Sextant und ohne magnetischen Kompass fanden sie sich auf einem schier endlosen Ozean zurecht, der ein Drittel der Erdoberfläche bedeckt. Kein anderes Volk auf der Erde hatte einen größeren Lebensraum besiedelt. Mit ihren leichten und wendigen Doppelrumpfbooten - Vorläufer der heutigen Katamarane - trotzten sie selbst heftigen Winden und gefährlichen Strömungen.

Beobachtung der Sternbahnen

Aber wie gelang es ihnen, einzelne Inseln inmitten des Ozeans immer wieder zielsicher zu finden? Das Geheimnis der polynesischen Navigationskunst liegt in den Sternen: Von der Erde aus betrachtet ändert sich der Nachthimmel ständig, die Sterne scheinen in Bahnen über den Himmel zu ziehen - der Grund dafür liegt natürlich in der Eigenrotation der Erde. Ein erfahrener Navigator hatte seinen Sternenkompass im Kopf, er kannte mehr als 200 Sterne mit ihren Zugbahnen auswendig.

Navigator vor dem Sternenhimmel der Südsee
Die polynesischen Navigatoren kannten das Firmament in- und auswendig. Quelle: ZDF

Modellhaft kann man sich das auf dem Weg zur Osterinsel so vorstellen: Die vorletzte Etappe führt zunächst nach Süden. Je weiter das Boot in südlicher Richtung segelte, umso höher zog der Stern Atria seine Bahn. Der Navigator wusste: Klettert der niedrigste Bahnpunkt sechs Grad über den Horizont, so muss er die Richtung ändern und das Boot nach Osten steuern, wo die Osterinseln liegen. Bei einem Fehler von nur einem Zehntelgrad würden sie die Osterinsel verfehlen.

Cooks Begleiter

Der erste Europäer, der die polynesische Inselwelt erkundete, war James Cook. Insgesamt drei ausgiebige Expeditionen führten ihn in die Südsee, die erste von 1768 bis 1771. Der englische Offizier gilt als einer der fähigsten Navigatoren seiner Zeit. Doch der Seemannskunst der Polynesier musste selbst er Respekt zollen. Tief beeindruckt vom Wissen seiner Gastgeber blieb Cook einige Monate nahe Tahiti, um die Inseln dort zu vermessen.

Auf Tahiti lernte er Tupaia kennen, einen angesehenen polynesischen Navigator, der Cook überraschte, denn er konnte die Position selbst Hunderte Kilometer entfernter Inseln exakt benennen. Ab Juli 1769 begleitete Tupaia James Cook und dessen Mannschaft auf der "Endeavour". Er half dem Kapitän dabei, sowohl die Meeresregion um Tahiti zu kartografieren als auch den Kontakt zu den Bewohnern der fremden Inseln herzustellen. Mit seiner Hilfe erstellte Cook eine große Seekarte des Südpazifiks, die zu einem Meilenstein in der Geschichte der Seefahrt wurde. Eine Karte, in die das uralte Wissen der Polynesier eingegangen ist.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet