Stiefkind der Wissenschaft

Erst spät gerät Nubien in den Fokus der Archäologen

Das Goldland Nubien war lange das Stiefkind der Wissenschaft - trotz der imposanten Zeugnisse aus der Vergangenheit. Erst der Franzose Frédéric Cailliaud dokumentierte 1821 die Pyramiden von Meroe. Seine spektakulären Zeichnungen sorgten zwar für Erstaunen, gerieten aber bald schon in Vergessenheit.

Gezeichnete Pyramide von Frédéric Cailliaud

Im Jahr 1834 erregte der italienische Militärarzt Giuseppe Ferlini weltweites Aufsehen. Auf seiner Suche nach einem Grabschatz machte er in Meroe den Fund seines Lebens. Als er den Friedhof betrat, zog ihn der größte Bau, die letzte Ruhestätte von Königin Amanishakheto, magisch an. Um rasch ins Innere zu gelangen, ließ der Abenteurer das Monument von oben abtragen und beschädigte es dabei schwer.

Am Ziel der Träume

Giuseppe Ferlini Quelle: ZDF

Als er schließlich das Grabmal betrat, sah er sich am Ziel seiner Träume. Im Sand steckte eine bronzene Schüssel mit Objekten aus purem Gold: feinste Goldschmiedearbeiten, die Widderköpfe als Symbol der Gottheit Amun zierten, sowie aufwändig gearbeitete Schmuckstücke, wie sie nur selten gefunden werden. Einzigartig auch die Entdeckung von 62 goldenen Siegelringen, in die religiöse Szenen eingraviert sind. Die Darstellungen geben Aufschluss über den herrschaftlichen Status der Amanishakheto.





Siegelring Quelle: ZDF

Ein Bildnis zeigt Gott Amun und die Königin, zwischen ihnen ein Kind mit der Uräusschlange auf der Stirn. Diese Darstellung bedeutet, dass Amanishakheto als Nachfolgerin auf dem Königsthron göttlicher Abstammung ist. Ihr Vater ist Amun, kein irdischer Vater, sondern der Reichsgott Amun. Das heißt: Das Motiv zeigt die Herrscherin als gottgleiche Königin, berechtigt, die Doppelfederkrone mit zwei aufgerichteten Kobras zu tragen. Ursprünglich war der Kopfputz das Privileg der Pharaonen.

Krönung am Heiligen Berg

Der Jebel Barkal Quelle: ZDF

Wie in Ägypten erfolgte die Krönung der Regentin im zentralen Tempel des Reiches. Amanishakheto reiste also nach Napata zum Heiligen Berg, dem Jebel Barkal. Dem Glauben nach wohnte Amun auf dem gewaltigen Fels, Tag und Nacht bewacht von einer zauberreichen Schlange. Die aufgerichtete Kobra, der königliche Uräus, ist das Wahrzeichen des Jebel Barkal, den seit jeher auch die Herrscher vom Nil verehrten.



An dem verwunschenen Platz arbeiten immer wieder internationale Grabungsteams. Der amerikanische Archäologe Timothy Kendall kennt die wechselvolle Geschichte des Ortes wie kaum ein anderer. Obwohl von den Ruinen des Krönungstempels am Jebel Barkal nicht mehr viel da ist, kann man drei Bauabschnitte unterscheiden. Den ältesten errichteten die Ägypter in der 18. Dynastie. Die Steine sind ägyptisch. Die roten Steine bedeuten: Der Tempel wurde in der 25. Dynastie wieder aufgebaut. Den jüngsten Tempel bauten Natakamani und Amanitore im ersten Jahrhundert nach Christus. Sie kamen also zur Krönung hierher - genauso wie die Pharaonen 1.400 Jahre vor ihnen. Der jüngste Tempel ist direkt vor dem königlichen Uräus.

Tempel bei Jebel Barkal Quelle: ZDF

Rituelle Wiedergeburt

Unterhalb der Felsnadel steht ein kleiner Tempel, tief in den Berg geschlagen. Errichtet wurde er für die Göttin Mut. Die Gemahlin des Amun erfüllte die Rolle der überirdischen Mutter. Das himmlische Paar erteilte an jenem Ort den Königen und Königinnen von Kusch seinen göttlichen Segen. Die Anerkennung des Regenten in seinem Amt erfolgte erst mit der rituellen Wiedergeburt. Dafür musste der Thronfolger durch einen Gang schreiten, der den Geburtskanal der Göttin Mut symbolisierte. So gebot es die Tradition.

Timothy Kendall geht davon aus, dass auch die große Königin Amanishakheto das Heiligtum aufsuchte. Wahrscheinlich am Neujahrstag, wenn die Natur erwachte. Im Jebel Barkal trat sie vor Gottvater Amun, den der oberste Priester verkörperte. Mit dem Ellbogengestus erhielt die Auserwählte die höchste Weihe. Eine Schlüsselszene. Von da an besaß die Kandake die Pflicht, die kosmische Ordnung zu erhalten und jegliches Chaos vom Reich abzuwehren.

Auserwählte Mittlerin

Dann trank sie die Milch ihrer Mutter Mut, die ihr übermenschliche Kräfte verlieh. Die neu geborene Tochter Amuns durfte nun den Titel "Qore", göttlicher Horus, tragen - als auserwählte Mittlerin zwischen Diesseits und Jenseits. Und sie besaß Ankh - das ewige Leben.

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