"Stockholm" mit falschem Kurs

Offizier wähnt "Andrea Doria" nördlich der eigenen Route

In Manhattan sticht am Morgen des 25. Juli 1956 die "Stockholm" in See. Der schlichte Passagierfrachter, wesentlich kleiner als die "Andrea Doria", fährt unter schwedischer Flagge - an jenem Tag auf Ostkurs in Richtung Göteborg.

Kapitän Gunnar Nordenson führt das Kommando. Ein Seebär mit 36 Jahren Berufspraxis. Sein dritter Offizier heißt Johan-Ernst Carstens-Johanssen.

Technologie in Kinderschuhen

Der 26-Jährige gilt als verlässlicher Seemann mit großem Ehrgeiz. Für den Abend des 25. Juli hat er klare Anweisungen. Carstens soll zu vorbeifahrenden Schiffen mindestens eine Meile Abstand halten und bei Nebel sofort rufen. Der Kapitän selbst zieht sich zurück. Mit ihrem spitzen, stahlverstärkten Eisbrecherbug gilt die "Stockholm" auf den Transatlantikfahrten als verlässliches Transportmittel. Das neuartige Radar an Bord kann Hindernisse in meilenweiter Entfernung orten. Eine Technologie, die jedoch noch in den Kinderschuhen steckt.
Als der Passagierfrachter New York verlässt, nimmt er den kürzesten Weg aufs offene Meer, vorbei am Nantucket Island-Feuerschiff. Auf einer der meist befahrenen Wasserstraßen der Welt ein wichtiger Orientierungspunkt. Jedes Schiff von und nach Amerika muss die Landmarke passieren. In Anlehnung an den sehr belebten New Yorker Platz, ist sie daher unter Schiffsexperten auch als "Times Square des Atlantik" bekannt.

Ewiger Streitpunkt

An dem fraglichen Abend lauert die Gefahr aber nicht nur auf der verkehrsreichen Strecke. Weitaus tückischer ist der Nebel, der rund um Nantucket Island die Sicht erschwert haben soll. Ein ewiger Streitpunkt bei der Aufklärung der Katastrophe. Meteorologen von der Wetterzentrale bei Karlsruhe haben die Klimadaten vom 25. Juli 1956 rekonstruiert. Das Ergebnis lässt kaum Zweifel.

Die Crew der "Andrea Doria" kämpft schon seit Stunden mit schlechter Sicht. Sie ist gewappnet. Kurz nach 22 Uhr wird auch Carstens aufmerksam. Er stellt fest, dass die "Stockholm" zwei Seemeilen vom Kurs abgewichen ist, und zwar nach Norden. Um Punkt 22.45 Uhr erhält die "Andrea Doria" ein Radarsignal. Es zeigt ein Schiff bei 17 Seemeilen vier Grad Steuerbord. Für die Crew um Kapitän Calamai ist klar, dass ihnen ein Schiff auf einer Parallelstrecke entgegenkommt und auf einer geraden Route in einer Entfernung von 1,2 bis 1,3 Seemeilen an ihnen vorbeifahren würde - also in sicherem Abstand.

Fataler Irrtum

Etwa zur selben Zeit entdeckt auf dem Radar der "Stockholm" der 3. Offizier Carstens die "Andrea Doria". Er plant, Backbord an Backbord an ihr vorbeizuziehen, so wie es die Regel auf See vorschreibt. Das heißt: Die "Andrea Doria" müsste die "Stockholm" auf nördlicher Route passieren. Doch Carstens unterliegt einem fatalen Irrtum. Denn nicht die "Andrea Doria", sondern der schwedische Passagierfrachter "Stockholm" fährt den nördlichen Kurs.

Wie konnte der junge Offizier die Situation so falsch einschätzen? Womöglich versäumte er, seine eigene Kursabweichung von zwei Seemeilen nach Norden in die Berechnung einzubeziehen. Kapitän Calamai ahnt nicht, dass Carstens dabei ist, eine schwer wiegende Entscheidung zu treffen. Bei dem schlechten Wetter wäre es die erste Pflicht des Wachhabenden gewesen, den Vorgesetzten auf die Brücke zu holen. Doch er handelt im Alleingang.

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