Störenfriede im Paradies?

Eingewanderte Tiere verändern die Ökosysteme

Mit der Besiedlung durch den Menschen und in den folgenden Jahrhunderten kamen zahlreiche Säugetiere nach Neuseeland: Haus- und Nutztiere wie Rinder, Schafe, Hunde oder Katzen, aber auch wilde Tiere wie Hirsche, Ratten oder Marder. Viele der Fremdlinge bedrohten die heimische Fauna. Innerhalb weniger Jahrhunderte wurde eine Lebenswelt zerstört, die sich über Jahrmillionen entwickelt hatte.

Ein Rudel Hirsche im Gehege
Ein Rudel Hirsche im Gehege Quelle: WDR

Eine dieser Bedrohungen für Neuseelands Tierwelt ist das Australische Possum, auch Fuchskusu genannt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts brachte man es für die Pelztierzucht nach Neuseeland. Einige Tiere konnten entfliehen und vermehrten sich. Ohne Raubfeinde konnte sich das Possum ungestört ausbreiten und bedrängt nun die bodenlebenden Kiwis. Es vertreibt sie aus ihren Löchern und gefährdet so ihre Brut.

Pelzige Plage

Seine Niedlichkeit täuscht - das Possum verwüstet ganze Landstriche, nichts ist vor ihm sicher. Die Schäden beschränken sich aber nicht auf die Inselvegetation. Während die Tiere in ihrer australischen Heimat fast ausschließlich Blätter fressen, haben sie nach der Einwanderung in Neuseeland ihr Verhalten verändert und ihren Speiseplan erweitert. Inzwischen plündern sie Vogelnester und haben sogar gelernt, aktiv Jagd auf die Vögel zu machen. So sind sie zu einer Bedrohung für viele Arten geworden.

Um der Plage Herr zu werden, haben Wissenschaftler nun ein Verhütungsmittel für das Possum entwickelt. Sie wissen aber noch nicht, wie man dieses an 50 Millionen Tiere verteilen könnte. So vermehren sich die Possums einfach weiter, genauso wie viele andere eingeschleppte Arten. Die Probleme, die dadurch entstehen, sind die Folgen eines Handelns ohne Verständnis für ökologische Zusammenhänge. Ein weiteres Beispiel: Marder sollten die zuvor eingeschleppte Kaninchenplage eindämmen. Vögel waren aber für die schlanken Räuber eine leichtere Beute.

Tierische Einwanderer

Die Katastrophe für die Tiere begann schon vor rund 700 Jahren, als der Mensch zum ersten Mal das Land betrat. Lange vor den Europäern hatte das Volk der Maori die gewaltige Distanz überwunden und das Traumland am Ende der Welt entdeckt. In ihrem Gefolge fanden sich Hunde und Ratten, die aus Dankbarkeit den Göttern dargebracht wurden. Ratten gibt es also schon sehr lange auf Neuseeland. Über zwanzig Vogelarten sind ihnen bereits zum Opfer gefallen, und immer noch wüten die Nagetiere weiter.

Eine Gruppe Maori bei der Ankunft auf der Insel
Maori Ankunft am Strand Quelle: ZDF

Die europäischen Missionare und Siedler brachten im 19. Jahrhundert ihre Nutztiere mit über den weiten Ozean: Schafe, Rinder und Pferde. Aber auch das Vergnügen spielte eine Rolle: Jagdwild brachte Abwechslung in das Leben der Siedler. Gleichzeitig konnten die Traditionen der Heimat in der Ferne weiter gepflegt werden. Die Hirsche fanden in Neuseelands Wäldern ihr Paradies: Nahrung im Überfluss und keine Konkurrenz. Nachdem weite Gebiete regelrecht kahlgefressen wurden, wichen die Hirsche in die Berge aus und verwüsteten dort die Vegetation. Das eingeführte Jagdwild entwickelte sich zu einer ernsten Bedrohung, und aus dem Jagdvergnügen wurde bittere Notwendigkeit.

Jagdfieber

In den 1970er-Jahren feuerte man aus allen Rohren, um der Plage Herr zu werden. Sogar vom Hubschrauber aus wurde Jagd auf das Rotwild gemacht. 80 Prozent der Bestände wurden abgeschossen. Für die Jäger war das ein lohnendes Geschäft, denn die Nachfrage aus Europa nach Wildfleisch übertraf sämtliche Erwartungen. Schnell erkannte man das Potenzial. Viele Hirsche wurden nun mit Netzgewehren lebend für die Zucht gefangen.

Ein Rudel Hirsche auf einer Bergkuppe vor einem Gletscher
Rudel Hirsche Quelle: WDR


Die Rechnung für die Farmer ging auf. Der Zuchterfolg machte das Bejagen der Wildbestände allmählich uninteressant. Doch rasch zeigte sich die Kehrseite: Längst sind die Bestandszahlen wieder gestiegen, die Herden entwickeln sich erneut zu einer Welle der Bedrohung. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben Einwanderer eine Lebenswelt in Gefahr gebracht, die sich über Jahrmillionen entwickelte.

Des Teufels Papagei

Die meisten Tiere Neuseelands stehen den Eindringlingen wehrlos gegenüber. Doch es gibt eine Ausnahme: den Bergpapagei Kea. Mit Hilfe seiner Intelligenz und Lernfähigkeit hat der Vogel dem Menschen den Kampf angesagt. Eine unbändige Neugier treibt diese Tiere dazu, alles Fremde eingehend zu untersuchen. Sie schaffen es sogar, geparkte Autos zu demolieren - eine ziemlich unangenehme Facette des Forscherdrangs der Vögel.

Ein anderes Verhalten der Keas hat dramatischere Folgen: Der Papagei entdeckte, sehr zum Leidwesen der Farmer, die riesigen Schafherden Neuseelands als Nahrungsquelle. Bei lebendigem Leib pickt er die dicke Fettschicht an, die sich auf dem Rücken der Schafe befindet. Doch es ist ein ungleicher Kampf, den die Einheimischen mit den Einwanderern führen. Die ausgedehnten Weidegründe sind Zeuge einer Entwicklung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist.

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