Stolze Unabhängigkeit

Anspruch auf uneingeschränkte Herrschaft

Der Westgotenkönig praktiziert als erster Herrscher, was einmal zum Grundsatz des mittelalterlichen Europas wird: "In seinem Reich ist der König der Kaiser."

Auch das Prägen von Goldmünzen war bisher nur den römischen Kaisern vorbehalten. Mit ihrer eigenen Währung kündeten die Westgoten nun stolz von ihrer Unabhängigkeit. Auf ihnen steht: "König Leovigild, der berühmte, fromme und siegreiche". Mit diesen Münzen prägte sich gleichsam eine Nation aus, die erste in Europa.

Von Kirchen blieben aus der Zeit der Westgoten in Spanien nur wenige Reste erhalten. Dazu gehört die Basilika von Reccopolis, die Stadt des Reccared, benannt nach dem Sohn des Königs. Im Jahre 578 legte Leovigild den Grundstein. 1500 Jahre lang blieb sie versunken, von Erde überdeckt. Das Troja der Völkerwanderungszeit ist zur Lebensaufgabe des Archäologen Lauro Olmo geworden. Seit drei Jahrzehnten lässt er Jahr für Jahr ein neues Areal ausgraben. Er ist fasziniert davon, dass Reccopolis wohl eine weltoffene, tolerante Stadt war, in der Christen und Juden, Romanen und Westgoten friedlich zusammenlebten.

Handelsplatz und Finanzzentrum

Bei ihren Ausgrabungen fanden die Archäologen heraus, dass die Stadt eine komplette Neugründung war. Das ist einzigartig für die Zeit der Völkerwanderung. Mit einem gewaltigen Stadttor demonstrierten die Westgoten die Macht ihrer neuen Monarchie. Davor lag das Handelszentrum mit Markt und Geschäften.

Mit jedem Quadratmeter, der ausgegraben wird, gewinnen die Archäologen neue Erkenntnisse: Aus schlichten Scherben können sie auf die Handelsbeziehungen der Stadt schließen. So wurden Töpfe aus dem Frankenreich gefunden und aus Nordafrika, Henkel von Amphoren aus dem östlichen Mittelmeer. Reccopolis war demnach ein wichtiger Handelsplatz und ein reiches Finanzzentrum der Westgoten. In den letzten Jahren wurden auch die Fundamente des Königspalastes freigelegt. 133 Meter war er lang. Für die Architektur, sagt Olmo, gab es keinerlei Vorbild.

Seit Generationen unter südlicher Sonne

Die westgotischen Einwanderer kamen einst als Fremde, mit fremden Sitten und Gebräuchen. Doch sie sprachen wie die Romanen lateinisch. Denn seit Generationen siedelten die Goten bereits unter südlicher Sonne und passten sich den Bewohnern der römischen Provinzen an. Auch in Spanien? Von ihren Königen ist manches überliefert. Von den einfachen Menschen aber weiß man oft nicht mehr, als ihre Gräber in der neuen Heimat verraten.

Das Grab Nr. 257 ist die letzte Ruhestätte einer Westgotin. Wie die Römerinnen trug sie kleine, goldene Ohrringe - wie die Spanierinnen eine prächtige Gürtelschnalle. Ihre Tracht schmückte sie mit einer großen Spange aus Silberblech, einem Erbstück uralter gotischer Tradition aus den Donauländern. Einige hundert westgotische Gräber wurden bei dem Dorf El Carpio de Tajo in der Nähe Toledos entdeckt. Jedes Grab ist genau datiert und die Erweiterung der Nekropole von Generation zu Generation erforscht. Forscher fanden heraus, dass sich trotz gesetzlichen Verboten Westgoten und einheimische Romanen schon seit Beginn des 6. Jahrhunderts mischten.

Harmonische Assimilierung

Schmuck der Westgoten ist nur bis zum Ende des 6. Jahrhunderts in den Gräbern nachzuweisen. Dann übernahmen die Einwanderer Mode und Geschmeide der Einheimischen. Aus einem Grab der zweiten Generation stammt eine Gürtelschnalle: eine typisch spanische Goldschmiedearbeit. Die Grabbeigaben sind Indizien für eine harmonische Assimilierung der Westgoten in Spanien. So fanden die Westgoten nach langer Wanderschaft eine Heimat.

200 Jahre lebten sie in Ruhe. Dann eroberten arabisch-maurische Truppen Spanien. Die Westgoten richteten sich unter den neuen Herrschern ein, aber viele ihrer Adligen flohen in den Norden des Landes. Auch wenn ihre Herrschaft nach 204 Jahren für immer beendet war: Die Westgoten hatten das Erbe des Römischen Imperiums angetreten und mit ihrem Königreich, ihren Gesetzen und Rittern einen der wichtigen Übergange von der Antike zum Mittelalter geschaffen. 711 fiel Toledo in die Hände islamischer Herrscher. Sie bestimmen nun für lange Zeit die Geschicke des Landes, nicht zum Nachteil Spaniens und Europas.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet