Die Erben des Imperiums (4/4)

Westgoten in Spanien

Im 5. Jahrhundert nach Christus begann der große Zug der Völker: Franken zogen nach Frankreich, Angelsachsen nach Britannien, Goten nach Spanien und Italien. Aus ihren Reichen entstand Europa und das christliche Abendland.

Im Jahr 507 nach Christus hatten die Westgoten die Pyrenäen erreicht. Wieder einmal waren sie auf der Flucht. Schon ihre Vorfahren waren als Flüchtlinge von der Donau nach Südfrankreich gewandert. Jeder, der sich den Westgoten auf ihrer Wanderung anschloss, war ohne Ansehen von Herkunft und Abstammung als Gote willkommen. So wurden sie im Laufe ihrer Geschichte zu einem Volk vieler Völker.

Über 40.000 Menschen zogen über die Pyrenäen nach Spanien. Auf der Iberischen Halbinsel suchten sie eine neue Heimat. Es war die sechste während ihrer langen Wanderschaft, überliefert die Saga der Goten. Anfang des 6. Jahrhunderts mussten die Westgoten ihr Königreich in Südfrankreich aufgeben. Von den übermächtigen Franken verdrängt, zogen sie in die einstigen römischen Provinzen Spaniens, die sie zu ihrem neuen Königreich machten. Toledo - einst das römische Toletum - wurde 550 zur "Urbs regia", zur Stadt ihrer Könige. Fast zwei Jahrhunderte lang war Toledo Residenz der westgotischen Könige.

Stadt der westgotischen Könige

Aber nur Eingeweihte kennen die wenigen Spuren, die sie an Mauern von Kirchen und Häusern hinterließen. Zum Beispiel Reliefsteine aus einer abgerissenen Kirche. Die westgotischen Kreuze wurden als Schmuck beim späteren Neubau eines Palastes wiederverwendet. Über 400 westgotische Kapitelle, Säulen und Reliefs hat Archäologin Carmen Jiménez in einer Datei erfasst. Es sind bisher die einzigen Zeugnisse der Westgoten in Toledo.

In der Kirche San Salvador ist eine der ganz wenigen figürlichen Darstellungen der Westgoten erhalten. Die Darstellungen zeugen vom Glauben der Westgoten: "Christus erweckt Lazarus zum Leben." Weitere Spuren ihrer Herrschaft vermutet Carmen Jiménez noch unter den Fundamenten der Häuser und Kirchen Toledos. Eigene Bauwerke der Westgoten konnten in Toledo bisher nicht nachgewiesen werden. Sie haben sich wohl in das gemachte Nest der Römer gesetzt.

Neues Selbstverständnis

Aber die Einwanderer besiedelten nicht nur die Städte, sondern auch das weite Land Spaniens. Viele lebten als einfache Bauern, andere wurden zu Großgrundbesitzern und übernahmen römische Staatsländereien. Die Geschichte der Goten in Spanien ist vor allem mit König Leovigild verbunden. Er besiegte die Soldaten Roms und führte gegen die Sueben Krieg. Bald gehorchte ihm der größte Teil Spaniens. Zügig richtete er ein Reich nach gotischer Art ein.

Die Krone von Guarrazar, aus einem der kostbarsten Schätze der Völkerwanderung, schmückte im 7. Jahrhundert einen Altar. Sie war ein Geschenk des Königs an die Kirche und eine deutliche neue Botschaft: "Nach Gott ist der König der höchste Herr seiner Untertanen und der Souverän in seinem Land." Diesen Grundsatz, der für ein neues Selbstverständnis stand, führten die westgotischen Könige in Spanien ein. Ein Jahrtausend - bis zur französischen Revolution - wird dieser Grundsatz in Europa Geltung haben.

Eigentümliche Pelztracht

Die Einheimischen sahen in den Goten mit ihren zotteligen Pelzen anfänglich nur "Barbaren". Von Leovigild ist überliefert, dass er für immer die eigentümliche Pelztracht ablegte, die wegen ihres unerträglichen Gestanks bei den feinen römischen Nasen berüchtigt war. Statt dessen legte er sich einen purpurnen Mantel um. Eine Provokation: Denn allein dem römischen Kaiser stand es zu, solch ein kostbares Gewand als Zeichen seiner Macht zu tragen. Selbstbewusst nahm Leovigild dieses Recht auch für sich in Anspruch. Die gotischen Könige erkannten zwar den Kaiser im fernen Konstantinopel an, aber die Macht in ihrem eigenen Reich beanspruchten sie für sich.

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