Kimbern und Teutonen (1/4)

Hunger und Not

Über ihre Könige und Kriege wissen wir einiges, nichts aber über das Leben der Kimbern, ihr Leid, ihre Hoffnung, ihr Schicksal - wenig über ihre zwanzigjährige Wanderschaft durch ganz Europa.


Hoch im kalten Norden war die Heimat der Kimbern. Man schreibt das Jahr 121 vor Christus. Für die Römer sind die Kimbern "zweibeinige Tiere, die außer der Stimme und den Gliedern nichts Menschliches an sich haben". Sie seien ohne jede Kultur und Zivilisation: nackt, wild, ohne Behausung. Der römische Historiker Tacitus schrieb: Aus der Sicht der Römer lebte der Stamm der Cimbri, der Kimbern, "am Rande der bewohnten Welt" in Jütland. Man schätzt, dass 60.000 bis 80.000 Germanen - Kimbern, Teutonen und Ambronen - in ganz Dänemark siedelten, in hunderten zerstreuter Dörfer.

Hartes Leben

Anhand von Aussgrabungen konnte eine Computerrekonstruktion der Kimbernsiedlung Borremose erstellt werden: Die Gehöfte waren mit einem Graben, Wall und Palisaden befestigt. Archäologen vermuten, es war ein Königssitz. In den über 20 Häusern lebten an die 180 Kimbern. Die germanischen Langhäuser konnten die Archäologen zuverlässig nach den Strukturen im Boden rekonstruieren.

Über 7000 Kilometer werden die Kimbern von Borremose aus in Richtung Süden ziehen. Aber warum sind sie ausgewandert? Wegen einer Flutkatastrophe, wie in Geschichtsbüchern zu lesen ist? Oder waren es vielmehr Kälte und Hunger, die sie aus ihrer Heimat vertrieben? "Dauernder Winter, trübes Wetter lastet auf ihnen, kärglich ernährt sie der Boden," berichtete schon Seneca der Ältere. Das Leben der Kimbern war hart, die Böden karg. Vorratswirtschaft war ihnen unbekannt. Sie lebten von der Hand in den Mund. Selbst in guten Jahren kamen sie kaum über den Winter.

Das Mädchen von Windeby

Was wir von den Kimbern wissen, wissen wir aus den Mooren, den Friedhöfen der Vorzeit. Sie konservierten die Toten, bis man sie beim Torfstechen fand. Eine der Moorleichen ist weltberühmt: das Mädchen von Windeby. Gerade einmal 14 Jahre wurde sie. In der Hand hält sie einen Birkenzweig. Stöcke fixierten ihren Körper im Moor. Fürchtete man, sie sei eine Untote, eine Widergängerin? Kann sie uns vielleicht etwas über das Schicksal der Kimbern sagen - und warum es zum großen Exodus aus Dänemark kam? Weshalb wurde sie nur 14 Jahre alt, wenn sie eines natürlichen Todes starb, wie Wissenschaftler vermuten?

Unter ihrer ledrigen Körperhülle hat man Teile des Skeletts geborgen. Wie sie aussah, weiß man heute genau: Ein Gerichtsmediziner hat ihr Gesicht rekonstruiert. Aber können auch ihre Knochen nach 2000 Jahren etwas über ihr Leben und ihren Tod verraten? Mit einem speziellen Röntgengerät durchleuchtet der Physiker Roland Aniol ein Schienbein. Er sucht in den Knochen nach so genannten Harrislinien: Zeichen für gestörtes Wachstum, Mangelernährung und Hunger. Sein Befund: Das Wachstum ist verzögert gewesen oder ganz zum Stillstand gekommen. Bei dem Mädchen von Windeby sind zwölf solcher Wachstums-Verzögerungszonen zu sehen. Zwölf Hungerwinter durchlitt sie in nur 14 Lebensjahren.

Menschenopfer

Wie dem Mädchen von Windeby wird es damals allen im Norden ergangen sein: Winter für Winter Hunger und Not. Wie haben sie überhaupt überlebt? Biologen fanden im Magen einer Moorleiche außer etwas Hafer und Haselnüssen vor allem Unkrautsamen. Mit Vogelfutter wie Knöterich wurde der leere Magen gefüllt. Selbst englische Forscher, die das Kimbernmüsli nachkochten, fanden es ungenießbar. Es war die letzte Mahlzeit des geheimnisvollen Mannes von Tollund. Der geflochtene Lederstrick ist 1,25 Meter lang. Er endet in einer Schlinge um den Hals des Tollundmannes.

1950 wurde der Tollundmann im Moor gefunden. Dutzende Wissenschaftler untersuchten seither die eindrucksvollste Moorleiche der Welt. Wurde er hingerichtet? Setzte er selbst seinem Leben ein Ende? Oder ist er gar ein Menschenopfer? Gerichtsmediziner stellten fest, dass ihm die Augen und der Mund liebevoll für den "ewigen Schlaf" im Moor geschlossen wurden. Der Tollundmann war ein Menschenopfer. Wohl für die Fruchtbarkeitsgöttin Nerthus, die man um gute Ernten bat. Aus den Moorleichen kann die Wissenschaft heute schließen: Nicht eine Flutkatastrophe, sondern Hunger vertrieb die Kimbern aus Dänemark.

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