Varusschlacht und Gotensaga (2/4)

Vom "Schoß der Völker" über die Ostsee

Um Christi Geburt beginnt die Odyssee des legendären Volkes der Goten. Zur gleichen Zeit sind Römer und Cherusker in einem tödlichen Clinch. Die Goten erschüttern das Römische Reich und schreiben Weltgeschichte.

"Nach Kunde der Alten und Geschichten, die man sich erzählt," überlieferte der gotische Historiker Jordanes die "Saga der Goten": "Draußen, im germanischen Ozean, liegt eine große Insel namens Skandza. Von dieser Insel also sollen die Goten mit ihrem König Berig ausgefahren sein." Aus Skandza, sprich Skandinavien, sind die Goten über die Ostsee gekommen: Es ist die Urwanderung der Goten. "Sobald sie ihre Schiffe verließen und an Land stiegen, gaben sie demselben sogleich ihren Namen. Denn noch heute heißt, wie man sich erzählt, dort ein Land Gothiskandza, die Küste der Goten."

"Ewig finsterer Norden"

Schon um Christi Geburt hörte man im fernen Rom vom Volk der Goten, am "Ende der Welt", an der polnischen Ostseeküste. Mit nur drei Booten seien sie über das Meer gefahren, um dem "ewig finsteren und unwirtlichen Norden" zu entfliehen. Skandinavien nannte Jordanes die "vagina nationum", den "Schoß der Völker". Von dort seien die Goten über die Ostssee ausgewandert, um die Küste des heutigen Polen und die Weichselregion zu besiedeln. "Gothiskandza" wurde zur "zweiten Heimat" der Goten.

Die Goten-Saga ist ein großer Mythos. Die Herkunft aus dem hohen Norden gab den Goten in der Antike Prestige und Identität. Einen klangvollen Namen haben sie bis heute. In Etappen zogen die Goten die Weichsel aufwärts. Anfänglich machten sich nur einzelne Familienverbände auf. Generation für Generation ließ sich nur 30 bis 50 Kilometer weiter südlich nieder. Noch gab es keinen Massenexodus, wie gut 200 Jahre zuvor bei den Kimbern und Teutonen, als gleich zehntausende Menschen auf den großen Treck gingen. Noch suchten die Goten nur ein wenig flussaufwärts nach neuen, besseren Siedlungsplätzen.

Antike Nekropole

Bei Maslomesc in Südpolen stießen Archäologen auf die Spuren der Goten, sie machten eine sensationellen Fund: ein Bootsgrab. Zunächst war es nur für Fachleute erkennbar, später wurde die Form des Bootes im Erdreich sichtbar gemacht. In dem Boot wurde eine Gotin sitzend bestattet, wie auf einer Ruderbank. In Grodek am Bug wird ein ganzer Goten-Friedhof freigelegt. Es ist die größte antike Nekropole Polens.

Einige hundert Skelette liegen hier eng beieinander. Im Unterschied zu anderen Germanen wurden die Männer der Goten ohne Schwerter und Dolche beigesetzt. Ihre Götter duldeten wohl kein Waffengeklirr im Jenseits. Die Goten, die hier begraben wurden, waren ursprünglich ein ganz unbedeutender Stamm. Erst durch die Völkerwanderung ging ihr Name in die große Geschichte ein.

Verheißungen der römischen Kultur

Oft helfen die Gräber weiter, wenn die historischen Quellen schweigen: Der reichhaltige Schmuck in den polnischen Gräbern zeugt von den weitreichenden Handelsbeziehungen der Goten, sie reichten vom hohen Norden bis in ferne Länder unter südlicher Sonne. Als Glücksbringer wurde den Toten der Panzer einer Schildkröte mit ins Grab gelegt. Aus Nordafrika und Palästina stammen bunte Glasperlen. Sie wurden zu wertvollem Schmuck verarbeitet, für eine Gotin an der Weichsel.

Die Goten ihrerseits fertigten in großen Mengen Kämme aus Hirschhorn, die sie bis ins Römische Reich exportierten. Im Gegenzug erhielten sie kostbare Essenzen aus dem Vorderen Orient. Sie wurden in den Parfumbehältern nachgewiesen. Die Verheißungen der römischen Kultur werden dazu beigetragen haben, dass sie das Weichselgebiet verließen und gen Süden zogen. Um das Jahr 175 nach Christus begann im heutigen Polen der lange Marsch der Goten. Die Wanderung der Goten entlang der Weichsel in Richtung Donau und Schwarzes Meer wird einmal zum Umsturz der antiken Welt beitragen. Aber noch befanden sie sich weit außerhalb des römischen Horizonts.

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