Suche nach dem Unglückswrack

Funde können helfen, die Schicksalsnacht zu rekonstruieren

Der Unterwasserarchäologe Dr. Andreas Stolpe hat die Geschichte der "Deutschland" sorgfältig recherchiert. Er hält es für möglich, die Umstände jener Schicksalsnacht zweifelsfrei zu rekonstruieren und ist fest entschlossen, das Unglücksschiff zu orten.

Schiff Venus Quelle: ZDF

Im Sommer 2005 heuert Dr. Stolpe ein Bergungsteam an, um in den trüben Gewässern vor Harwich nach der "Deutschland" zu fahnden. Die Wracksucher auf der "Venus" wissen: Der Dampfsegler lief bei Ebbe auf die Sandbank Kentish Knock und ging unter. Das Hindernis in der Themsemündung liegt wenige Meter unter der Wasseroberfläche und erstreckt sich über eine Länge von etwa 18 Kilometern. Bei den schwierigen Sichtverhältnissen den 110 Meter langen Rumpf zu orten, gleicht einem Glücksspiel. Das Schiff kann unter mehreren Metern Sand begraben sein und in der Themsemündung liegen Hunderte von Wracks. Es ist wie ein riesiger Schiffsfriedhof

Wracksucher auf der Venus Quelle: ZDF

Zahlreiche Befunde

Eine erfolgreiche Methode, ausgedehnte Fundfelder unter Wasser abzusuchen, ist der Einsatz des Side-Scan-Sonar. Das Gerät sendet Schallimpulse aus und kann Objekte erfassen, die auf dem Meeresboden liegen. An Bord der "Venus" kontrolliert ein Computer sämtliche Daten, zeichnet die Bilder auf und markiert die Koordinaten der entdeckten Gegenstände. Wie erwartet, präsentiert der Monitor zahlreiche Befunde.

Die beiden Deutschen machen sich daran, die Objekte grob zu klassifizieren und eine Auswahl zu treffen. Jeder ergebnislose Tauchgang wäre auch ein finanzieller Rückschlag. Für Andreas Stolpe und Stefan Scheins kommen nur drei Positionen als Fundort für die "Deutschland" in Frage. An den Stellen auf Kentish Knock liegen Überreste, die mit der Größe des gesuchten Wracks ungefähr übereinstimmen.

Keine leichte Aufgabe

Bei trübem Wetter nimmt die "Venus" Kurs auf die Sandbank Kentish Knock. Andreas Stolpe und die Crew bereiten sich auf den Tauchgang an der ersten Wrackposition vor. Die Männer gehen noch einmal die Kennzeichen der "Deutschland" durch. Der Kamin, das steile Heck und der charakteristische Bug sollen den Tauchern bei der Identifizierung unter Wasser helfen. Keine leichte Aufgabe in dem aufgewühlten Meer. Zum einen die starke Tide, die einen Taucher unter Wasser erfassen und mitreißen kann wie in einem Strömungskanal. Zum anderen liegen da unten Reste aus zwei Weltkriegen: Munition, Blindgänger, Seeminen.

Taucher steigt aus dem Wasser Quelle: ZDF

Die schlechten Sichtverhältnisse machen es dem Suchtrupp nicht leicht, die "Deutschland" wiederzuerkennen. Zudem erschwert das knappe Zeitfenster die Aktion in der Tiefe. Am Fundort entdecken die Taucher stark verkrustete Umrisse eines riesigen Wracks. Seine Maße sprechen für die "Deutschland", zumindest auf den ersten Blick. Auf den Ausgang der Begutachtung wartet das Team auf der "Venus" mit Ungeduld. Schon beim ersten Mal einen Treffer zu landen, wäre ein Glücksfall. Doch der Bug des Wracks entspricht nicht dem der "Deutschland, vermutlich stammt das Wrack aus dem Zweiten Weltkrieg.

Zweiter Versuch

Am nächsten Tag will das Team sein Glück an der zweiten Wrackposition versuchen. Die Daten auf dem Monitor zeigen: Das Team hat die richtige Stelle erreicht. Sofort loten die Wissenschaftler mit einem elektronischen Messgerät die Tiefe aus. Das geortete Wrack liegt in 26 Metern. Die Männer wollen zu dem versunkenen Schiff hinab tauchen, weil auch in diesem Fall Größe und Umriss mit der "Deutschland" übereinstimmen. Zielstrebig checken die Froschmänner den Rumpf nach markanten Bauteilen ab.

Geschirr Deutschland Quelle: ZDF

Was sie sehen, passt zum Steckbrief des verunglückten Dampfseglers. Es dauert nicht lange, bis die Experten auf eine Reihe von Gegenständen stoßen. Einen Briefbeschwerer aus Amethyst, Geschirr mit dem Wappen der Reederei und einen zerbrochenen Kandelaber holen sie vom Meeresgrund. Auch ein Teller deutet stark auf die "Deutschland" hin. Doch ganz sicher ist sich Andreas Stolpe noch nicht, denn ein Knopf mit einer Abbildung eines Gebäudes ist mit der Jahreszahl 1876 versehen, das Schiff ist aber 1875 gesunken.

Eindeutige Hinterlassenschaften

Fundtstück Knopf Quelle: ZDF

Der Knopf mit der irritierenden Gravur kommt ebenso wie die anderen Objekte zur Konservierung ins Salzwasserbad. Darunter auch mehrere Puppenköpfe aus feinstem Porzellan. Das Porzellan ist nach 130 Jahren im Meer erstaunlich gut erhalten. Schon bald erklärt sich den Forschern die Jahreszahl auf dem Knopf. Darauf zu sehen das Gebäude der Weltausstellung, die 1876 in Philadelphia stattfand. Das Stück war also vorproduziert. Die geborgenen Gegenstände sind eindeutig Hinterlassenschaften von Geschäftsleuten, die auf der "Deutschland" nach Amerika unterwegs waren.



Noch einmal machen sich die Taucher vor Kentish Knock auf den Weg in die Tiefe. Die Männer nehmen das Heck der "Deutschland" ins Visier - ebenso wie die weitere Umgebung. Sie hoffen, irgendwo im Schlick die Schiffsschraube aufzuspüren. Oder zumindest Überreste davon. Nach 130 Jahren könnte der Fund endlich die Wahrheit ans Licht bringen.

So bleibt die verschollene Schiffsschraube als letzter Mosaikstein den Beweis für die eigentliche Ursache der Katastrophe schuldig.

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