Wasser war sein Element

Spinosaurus aegyptiacus ist ein Unikum unter den Dinos

Seinem Erst-Entdecker bereitete er Kopfzerbrechen. Lauter Skelett-Teile, die sich mit den Jahren zu einem irgendwie unproportionierten Urzeit-Riesen fügen ließen. Eindeutig ein Dino, aber für den deutschen Paläontologen Karl Heinrich Ernst Freiherr Stromer von Reichenbach (1871 – 1952) ein sehr rätselhafter. Von anderen großen Raubsauriern wie Carcharodontosaurus oder Bahariasaurus, deren kreidezeitliche Reste Stromer ebenfalls bei der ägyptischen Oase Bahariyya fand, unterschied sich der Spinosaurus grundlegend.

Die Fossilien, die Stromer in Ägypten entdeckte, vermittelten ihm ein zunächst verwirrendes Bild der nordafrikanischen Lebenswelt vor 95 Millionen Jahren. Einerseits fand er als Erster in der Sahara verschiedene an Land lebende Dinosaurier, andererseits aber auch viele Reste von Fischen und anderen Wasser- und Sumpftieren wie etwa riesige krokodilartige Panzerechsen und auch Schildkröten. Dabei fiel Stromer auf, dass offenbar viele Räuber die Gebiete unsicher gemacht haben, aber kaum große Pflanzenfresser entdeckt werden konnten. Wovon haben sich die Fleischfresser ernährt, insbesondere der sehr ungewöhnliche Spinosaurus?

"Stromers Rätsel"

Diese Frage, die Stromer nicht abschließend beantworten konnte, ist als „Stromers Rätsel“ in die Geschichte der Paläontologie eingegangen. Erst 100 Jahre später fand der deutsche Paläontologe Nizar Ibrahim die Lösung: Er entdeckte Fragmente eines neuen Spinosaurus-Skeletts. Die genaue Analyse dieser Knochenreste ergab nicht nur, dass dieses Tier riesengroß war, sondern auch deutliche Hinweise auf für Dinos einmalige Anpassungen an das Leben im und am Wasser. Damit war klar: Der Spinosaurus stand nicht in Konkurrenz zu den anderen Raubsauriern. Er ging im Wasser auf Beutefang. Seine Mahlzeiten bestanden vor allem aus Fisch.

Spinosaurus mit Fisch (Animation)
Spinosaurus mit typischem Fischfresser-Maul (Animation) Quelle: ZDF/NatGeo/Jellyfish Pictures

Am auffälligsten ist das lange Maul mit den spitzen Zähnen – ein typisches Fischfresser-Maul, wie es ähnlich Gaviale oder manche Flussdelphine besitzen. An der Spitze saßen Sensoren, die Bewegungen schwimmender Wasserbewohner wahrnahmen, wie es auch bei heutigen Krokodilen der Fall ist. Die Nasenlöcher waren weit Richtung Stirn zurückverlegt. So konnte der Spinosaurus mit eingetauchtem Maul lange auf Beute lauern und gleichzeitig atmen. Seine Knochen waren ausgesprochen dicht und schwer, wie es heute Flusspferde und Seekühe zeigen; Pachyostose heißt das Phänomen, das den Auftrieb mindert und den Tieren erlaubt, sich energiesparend unter Wasser zu bewegen.

Eigenartige Proportionen

Die Proportionen von Spinosaurus waren sehr eigenartig. Einerseits wirkte er auf den ersten Blick wie ein zweibeiniger Dino. Doch anders als beispielsweise bei T-Rex waren seine Hinterbeine relativ klein, der Rumpf eher zigarrenförmig und die Arme groß und kräftig, bewehrt mit gewaltigen Krallen. Der Schwerpunkt lag weit vorne, so dass Nizar Ibrahim eine vierfüßige Fortbewegung an Land und im Wasser eine schwimmende, von Ruderfüßen und Schwanz vorangetriebene Fortbewegung vermutet. Die Fußknochen waren für Dinos untypisch flach und wahrscheinlich mit Schwimmhäuten versehen, wie es ähnlich bei Alligatoren und anderen heutigen Panzerechsen vorkommt. Um seine scharfen Krallen zu schonen, dürfte er an Land seine Hände etwas eingedreht aufgesetzt haben, wie es in ähnlicher Weise Ameisenbären tun.

Spinosaurus Skelett
Spinosaurus Skelett mit gewaltigem Rückensegel Quelle: ZDF

Das auffälligste Merkmal des Spinosaurus ist jedoch sein gewaltiges Rückensegel. Über dessen Funktion können die Wissenschaftler nur spekulieren. Naheliegend wäre die Funktion eines Sonnensegels, das dem im kühlen Nass auf Beute harrenden Lauerjäger Wärme zuführte. Doch dazu hätte ein dichtes Netz von Blutgefäßen die Sonnenenergie aufnehmen und zum Körper leiten müssen. In diesem Fall müssten entsprechende Vertiefungen an den Dornfortsätzen zu finden sein. Doch an dem bisher gefundenen Material zeichnen sich keine Spuren von starken Adern ab.

Ein neues Rätsel

Nizar Ibrahim vermutet daher, dass dieses typische Rückensegel keine Anpassung an das Leben im Wasser ist. Er hält eine Signalfunktion für wahrscheinlich. Vielleicht hat sich damit Spinosaurus größer machen wollen, um die gigantischen Krokodile zu beeindrucken. Vielleicht haben die Tiere aber auch eine weithin sichtbare Markierung ihres Reviers setzen wollen, um Konkurrenten auf Abstand zu halten. Stromers Rätsel ist zwar gelöst, doch ein neues Rätsel hat sich etabliert – das Rätsel des Rückensegels.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet