Daniel Kish - Der Fledermausmann

Sehen mit den Ohren

Es würde ein ungewöhnlicher Dreh werden, soviel stand von Anfang an fest. Drei Tage wollen wir mit Daniel Kish in München verbringen. Wir haben telefoniert und zahlreiche Mails hin und her geschickt. Doch wie es ist, mit einem Blinden umzugehen, der sehen kann, das werden wir erst jetzt erfahren. Daniel Kish sieht nicht wie die meisten Menschen mit den Augen, er "sieht" mit den Ohren, ähnlich wie eine Fledermaus.

Der Treffpunkt ist fest vereinbart: Hauptbahnhof München. Doch kurz vor der vereinbarten Zeit kommt ein Anruf von Daniel. "Ihr braucht mich nicht abzuholen. Ich fahre mit der Bahn." Mit der Bahn. Ein blinder Amerikaner in einer fremden Stadt, deren Sprache er nicht spricht. Das wäre schon für Sehende eine Herausforderung. "Wirklich, bist Du sicher?" Daniel ist sicher. Wie viel Unterstützung ist nötig, und wo beginnt die Bevormundung? Diese Frage wird uns in den nächsten Tagen begleiten.

Am kommenden Morgen begrüßt Daniel in der Sporthalle des Münchener Blindeninstituts etwa zehn blinde Kinder und ihre Eltern. Etliche haben eine weite Reise auf sich genommen, um an diesem Workshop teilnehmen zu können. Daniel ermuntert die Kinder, ihre Umgebung zu erkunden - zunächst mit dem Blindenstock. Der fünfjährige Felix hält zum ersten Mal den weißen Stab in der Hand. Man sieht die widerstreitenden Gefühle im Gesicht seiner Eltern. Doch schnell steckt Felix‘ Begeisterung an: Der Stock erschließt ihm eine neue Welt.

Echos malen ein Bild

Während Felix davonzieht, übt Daniel mit den vierjährigen Zwillingen Katharina und Maria, auf Geräusche zu achten. "Hallo, ist da wer", ruft er und hält sich dabei einen Topf vor das Gesicht. Die Kinder lauschen, rufen und schnalzen. Daniel bewegt sich in der Turnhalle und im angrenzenden Garten beinahe wie ein Sehender. Im Nahbereich nutzt er seinen Blindenstock, alles was weiter weg ist, erschließt er sich mit seinem Fledermaus-Sinn. Immer wieder schnalzt Daniel Kish mit der Zunge. Er klickt und die Echos, die zu ihm zurückkehren, lassen in seinem Kopf ein Bild entstehen. "Da vorne steht ein Baum", sagt Daniel. "Und bei einem Gebäude klingt die Tür ganz anders als die massive Wand." Doch solche Feinheiten sind etwas für Fortgeschrittene.

Daniel Kish hat seinen Echosinn trainiert, seit er ein Kind ist. Von klein auf wollte er immer alles tun, was die anderen auch machten. "Ich wollte frei sein." Er steigt aufs Pferd, fährt Fahrrad und geht zum College. "Das Sehen wird überbewertet", so sieht es Daniel Kish. "Ihr könnt euch die Welt einfach nicht anders vorstellen", sagt er und will für unsere Kamera im Englischen Garten eine Runde auf dem Rad drehen. Und schon ist sie wieder da - die besorgte Frage: "Bist Du sicher?" Ganz automatisch übernehmen wir Verantwortung. Wir warnen Spaziergänger und passen auf, dass kein Hund und kein Kind Daniel in die Quere kommen. "Vorsicht, auf diesem Weg kommt ihnen gleich ein blinder Radfahrer entgegen." Erstaunen und Interesse sind Daniel und uns sicher. Während Daniel in die Pedale tritt, klickt er permanent und dreht seinen Kopf dabei von rechts nach links. Ein Rennfahrer wird er nicht, aber problemlos erkennt er so, wo der Weg endet und die Wiese beginnt. Eine beeindruckende Leistung! Und doch sind wir froh, als die Fahrradtour beendet ist. Daniel offenbar auch: "Normalerweise fahre ich an ruhigeren Plätzen."

Wie sieht der "Fledermaus-Mann"?

Grafik Gehirn
Forscher interessiert: Was passiert im Gehirn des Blinden? Quelle: ZDF


Nicht nur wir interessieren uns für die besonderen Fähigkeiten von Daniel Kish. Auch die Wissenschaftler der Universität München erforschen seinen Fledermaus-Sinn. Daniel Kish hat sich bereit erklärt, bei einer Untersuchung im Kernspintomografen mitzumachen. Die Hirnforscherin Virginia Flanagin und der Fledermausexperte Lutz Wiegrebe haben sich für ihn einen speziellen Test ausgedacht. Im Hirn-Scanner soll Daniel klicken. Daraufhin bekommt er künstliche Echos vorgespielt - so, als ob er in einem Raum mit Hindernis wäre. Dieses Hindernis kann an fünf verschiedenen Positionen stehen. Schafft Daniel es, das Hindernis zu lokalisieren? Für die Forscher ist das eine einzigartige Chance. "Daniel Kish kann nicht nur besonders gut echoorten, er kann auch außergewöhnlich gut formulieren, was er tut. Fast wie eine Fledermaus, die man fragen kann", sagt Lutz Wiegrebe.

Daniel liegt in der Röhre, klickt und lauscht auf die Echos. "Fünf", sagt er und das bedeutet, dass das Echo von ganz rechts kommt. Eine knappe halbe Stunde geht das so weiter und Daniels Trefferquote liegt bei fast einhundert Prozent. Gespannt beobachten die Forscher, was sich währenddessen in seinem Gehirn tut. Die Auswertung der Ergebnisse überrascht die Wissenschaftler, denn obwohl Daniel Glasaugen trägt, ist das Sehzentrum in seinem Hirn hochaktiv. "Hier liegt das Sehzentrum", erklärt Virginia Flanagin und zeigt auf eine gefärbte Region in Daniels Hirn-Scan, "wir sehen dass es arbeitet, obwohl Daniel nur Echos hört."

Doch was ist mit seinem Hörzentrum? Was passiert, wenn Daniel Musik hört? Auch das haben die Forscher untersucht und tatsächlich reagiert Daniel dann wie jeder andere Mensch auch: Sein Hörzentrum wird aktiv. Als Daniel wieder aus der Röhre heraus kommt, ist er sichtlich geschafft. Für ihn bedeutete es äußerste Konzentration, doch der Versuch hat sich gelohnt. Daniels Fledermaus-Sinn zeigt den Forschern, wie anpassungsfähig das menschliche Gehirn ist - vorausgesetzt, es wird entsprechend trainiert.

Zukunft für blinde Kinder

Daniel Kish mit blindem Mädchen
Daniel Kish arbeitet mit einem blinden Mädchen.

Daniel Kish möchte sein Können weitergeben. Deshalb reist er unermüdlich um die Welt, hält Vorträge und gibt Workshops für blinde Kinder und ihre Eltern. "Wenn ich einem blinden Kind zu mehr Freiheit verhelfe, ist das wie die Befreiung aus einem Käfig: für das Kind und ein Stück weit auch für mich selbst." Noch ist Daniel Kish ein Ausnahmetalent. Doch eines Tages, so hofft er, werden viele Blinde dieselben Freiheiten haben wie er. Wir wünschen ihm, dass er Recht behält. Die Kraft und Energie von Daniel Kish haben uns beeindruckt. Und eines haben wir in den drei Tagen gelernt: Ein Blinder, der sehen kann wie Daniel, kommt ziemlich gut allein zurecht.

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