Syrien direkt vor den Aufständen

Dreharbeiten in Palmyra

Für den Terra X-Film "Palmyra - Entdeckung aus dem Weltall" war ein Kamerateam in Syrien, nicht lange vor Beginn der Aufstände dort. Hat das Team bei den Dreharbeiten schon etwas gemerkt? Der Film-Autor Martin Papirowski schildert seine Erlebnisse.

Dreharbeiten in Palmyra
Dreharbeiten in Palmyra Quelle: ZDF

Die sonst stets freundliche Stimme des Pressebeauftragten der syrischen Botschaft in Berlin klingt zum ersten Mal genervt, "es dauert solange es dauert, das entscheidet Damaskus - nicht wir," - es geht um mein Einreisevisum. Seit nunmehr sechs Monaten warte ich schon darauf. Anders die übrigen Mitglieder meiner Crew, die haben seit Monaten eine Einreisegenehmigung, nur ich, der Regisseur, habe immer noch keinen "Fahrschein".

Erteilt Syrien eine Drehgenehmigung?

Ob es an den vielen Stempeln im Pass, der Verknüpfung verzögernder Umstände oder an der zunehmend gespannteren politischen Situation in Syrien liegt - keiner weiß es! Es ist Februar 2011, die Auseinandersetzung zwischen der Regierung von Bashar al-Assad und der Opposition spitzt sich immer mehr zu, die Verweigerung der Drehgenehmigung wäre für uns eine Katastrophe, mit ihr steht und fällt der Film.

Wie soll eine Dokumentation über Palmyra, dieses antike Manhattan der Wüste, ohne Palmyra funktionieren? Zwei Wochen später dann ein Anruf, es ist die Botschaft: "Wir freuen uns ...". Bingo. Erst sehr viel später sollte ich erfahren, dass ich zwar jetzt mein Visum habe, die "endgültige (!)" Genehmigung dann in Damaskus erst mühsam "erdiskutiert" werden muss.

Das Team wird beobachtet

Palmyra vor 2000 Jahren
CGI Palmyra vor 2000 Jahren Quelle: ZDF

Nachts um 03:00 Uhr landen wir in Damaskus - wir kommen aus Bukarest, ebenso wie der Rest meiner Crew. Eine rein weibliche übrigens - "kein Problem", wie uns der ebenfalls weibliche Kulturattaché Syriens in Bukarest bestätigt. Tatsächlich sind viele Schlüsselpositionen Syriens weiblich besetzt, für ein muslimisches Land ungewöhnlich.

Die Atmosphäre im Flughafen ist angenehm entspannt, kein Formalitätenstress, keine budgettreibenden "Schlepper", die Zollabwicklung unkompliziert, korrekt und schnell, "man weiß" wer wir sind, wir werden erwartet ... und beobachtet: Ein Gefühl, das uns 14 Tage nicht mehr verlassen wird. Vor dem Flughafen wartet die von uns gebuchte Produktionscrew, man kennt sich via Skype. Unser Producer - eine kleine Filmproduktionsgesellschaft aus Damaskus- entpuppt sich als exzellente Wahl.

Unkompliziertes Syrien?

Ich habe in über 70 Ländern dieser Erde gedreht, im Ranking der aus Fernsehcrewsicht unkompliziertesten Staaten würde ich Syrien unter die Top Ten hieven - bis jetzt. Damaskus, die älteste Hauptstadt der Welt, erwartet uns im Morgengrauen, es ist 05:00 Uhr, die Luft ist wie Champagner und wir sind hundemüde. Doch vor uns liegt ein Ämtermarathon und orientalisches Verkehrschaos.

Auch Damaskus erlitt wie Kairo, Tunis und die meisten Städte in Nahost schon vor Jahren einen schweren Verkehrsinfarkt. Unser Fahrer meistert ihn hysterisch aber herzlich, Business as usual. Um in Palmyra drehen zu dürfen benötigen wir das "Go!" von insgesamt drei Institutionen, von dem Ministerium für Information, dem für Kultur und der Antikendirektion. 12 Stunden später haben wir sie - was half war Diplomatie, 25 Jahre Auslandserfahrung, sorry: natürliche Autorität, Stoizismus verbunden mit klarer Ansage.

Peinlicher Personenkult

Hilfreich auch, dass wir in Sachen Kultur kamen, deutsche Archäologen einen guten Ruf besitzen - und wir uns auf den Grabungsleiter in Palmyra Prof. Andreas Schmidt-Colinet berufen konnten. Niemand wollte auch nur einen Sou, Trinkgelder wurden nicht bezahlt und von niemandem verlangt. Ein weiterer Pluspunkt. Ebenso wie die Tatsache, dass Damaskus eine sichere Stadt ist: Diebstähle oder gar Überfälle sind sehr selten, eine der wenigen positiven Begleiterscheinungen einer Diktatur.

Bashar al-Assad als Statue und Konterfei ist allgegenwärtig - ein fast peinlicher Personenkult. Dass niemand mit Edding Hand anlegte, Schmähgraffitis sprühte, trotz der angespannten politischen Lage, spricht für die politische Kultur, die Angst vor drakonischer Strafe oder schnell arbeitenden Reinigungsfirmen.

Palmyra: Jede Strapaze wert

Um es kurz zu machen: Aus professioneller und persönlicher Sicht ein perfekter Dreh. Palmyra inmitten der syrischen Wüste, keine 80 Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, ist in seiner Erhabenheit und antiken Schönheit jede Strapaze wert. Überall begegnete man uns mit Freundlichkeit und Respekt, dass wir permanent beobachtet, sprich bewacht wurden, kann keinen Profi überraschen.

Proteste in Damaskus
Proteste in Damaskus, Syrien Quelle: ap

Überraschend ist, dass sich der Sturm, der dann wenige Wochen später ausbrechen sollte, sich aus unserer Perspektive mit keinem Lüftchen ankündigte. Natürlich spricht kein Syrer mit einem ausländischen Fremden offen über seine ganz persönliche politische Meinung. Aber immer gibt es Hinweise, Andeutungen. Was sich stets wiederholte, fast wie ein Mantra, "wir wollen keinen Umsturz, nur mehr Freiheiten...die hat Assad versprochen!"

Die Geduld war erschöpft

Das war im April. Wochen später ist die Geduld eines (fast) ganzen Volkes erschöpft. Wir waren wohl die letzten, die noch eine umfassende Drehgenehmigung bekamen. Das Fazit: Wir würden jederzeit wiederkommen! Als Fazit aber auch eine wiederkehrende Erfahrung, oder besser Irritation aus 25 Jahren Dreherfahrung in Osteuropa, Nordafrika und Nahost: Das Unverständnis gegenüber der Taubheit und Blindheit von Diktatoren, die alle Anzeichen überhören und übersehen. Die erst einlenken, wenn es viel zu spät ist. Ein fataler Trägheitsfaktor, denn - wie ein ägyptischer Freund stets bemerkte - am Ende siegt immer das Volk, Syrien wird da keine Ausnahme machen.

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