Szenarien des Untergangs

Klimaänderungen und Opferrituale als mögliche Ursachen

Drei große Zentren prägten die wechselvolle Geschichte des Lambayeque-Tals. Die damals grüne Region war seit jeher ein begehrtes Siedlungsgebiet. Der erste Tempelturm entstand in Pampa Grande. Doch nach 150 Jahren gab die Bevölkerung die Residenz plötzlich auf.

Dunkle Wolken über Tucume (Grafik) Quelle: ZDF

Die zwei größten Bauten bildeten den Kern von Batan Grande, der nächsten Metropole, für die im Jahr 1100 das Aus kam. Als dritte folgt schließlich Tucume, das immerhin 400 Jahre den Ton angab. Um 1500 endete auch die Ära der größten Pyramidenstadt der Welt abrupt. Die Ursache für den Untergang sorgt unter Forschern für Diskussionen. Einigkeit besteht nur über den archäologischen Befund der Ruinen auf der Huaca Larga, dem Sitz des Inka-Gouverneurs.

Feuerspuren auf Mauerresten Quelle: ZDF

Tragödie auf der heiligen Stätte

Auf dem Hauptheiligtum loderte ein gewaltiges Feuer, das auf weite Teile der Anlage übergriff. Dabei hinterließen die Flammen ihre Visitenkarte. Überall zeigen die Wände des Palastgebäudes deutlich sichtbare Brandspuren. Wie Narben kennzeichnen sie das einzige Steinhaus auf dem weitläufigen Plateau. Fraglich bleibt jedoch, ob ein Unfall den verheerenden Brand auslöste, ob Angreifer von außen oder ob die Bewohner von Tucume selbst für die Tragödie auf der heiligen Stätte verantwortlich waren - das würde Brandstiftung bedeuten. Möglicherweise als Folge einer Naturkatastrophe, die den Landstrich heimsuchte und Tucume schwer zusetzte. Der Theorie zufolge haben die gläubigen Indios die Pyramidenstadt den Göttern geopfert.

In einem breiten Streifen zieht sich das Labayeque-Tal über viele Kilometer von der Küste Nordperus bis zum Rand der Anden. Eingerahmt von zerklüfteten Gebirgszügen, liegt die Region in einer extremen Klimazone. Lang anhaltende Dürren und sintflutartige Regenfälle bringen die Menschen immer wieder in lebensbedrohliche Situationen. Nachweislich überschwemmte um 1100 eine Jahrhundertflut die Fürstenresidenz Batan Grande und trieb die Bevölkerung in die Flucht. Heftige Sandstürme überzogen viele Generationen zuvor das Gebiet entlang der nördlichen Küste.

Strömender Regen Quelle: ZDF

Untrügliche Zeichen der Götter

Das Ereignis zwang das Volk der Moche, die Hauptstadt aufzugeben und woanders zu siedeln. Für die altindianischen Kulturen sind die Wetterextreme untrügliche Zeichen der Götter. Für die Wissenschaft aber die Auswirkung eines gefürchteten Wetterphänomens, etwa alle vier Jahre verursacht von El Nino. Selbst die moderne Zivilisation kann den Klimaeinbruch nicht bändigen, der sich weit draußen im Pazifik zusammenbraut und besonders Ecuador und Peru heimsucht - nicht selten mit weltweiten Auswirkungen.

Wenn El Nino tatsächlich um 1500 wütete, dann könnte die Katastrophe Tucume schwer getroffen haben. Den 26 Tempeltürmen, dem sicheren Hort der Gemeinschaft, drohte höchste Gefahr. Denn die ungebrannten Lehmziegel weichten auf und verformten sich. Die Wunderwerke verloren an Stabilität. Mit dem Feuer führten die Indios eine Reinigungszeremonie durch, dies gebot ihr Glaube. Erst dann durften sie an anderer Stelle Huacas errichten. Der Wechsel von ritueller Aufgabe und Neubau erklärt die hohe Anzahl von Pyramiden. So die jüngste These einiger Forscher.

Fundstelle Skelette Quelle: ZDF

Zweites Szenario

Ein Aufsehen erregender Fund in Tucume bringt ein zweites Szenario ins Spiel. In einer Nekropole unweit der Huaca Larga bargen die Archäologen aus Schachtgräbern Dutzende von Skeletten. Offensichtlich wurden die Toten innerhalb weniger Tage beerdigt - ohne die sonst üblichen Grabbeigaben für das Leben in der jenseitigen Welt. Von dem Friedhof führten Prozessionsstraßen zu einem kleinen Tempel, den die Ausgräber schon vor Jahren entdeckten. Vermutlich das Gründungsheiligtum nach Ankunft der Lambayeque. Die Priesterschaft hütete dort die legendären Insignien von Naymlap, dem ersten Fürsten von Tucume. Mit einem Idol aus Grünstein markierte er die Besitznahme des Ortes. Das Volk verehrte auch ein schillerndes Gewand aus tropischen Vogelfedern, das nur der Herrscher tragen durfte. Bis in die Spätzeit zelebrierten die Menschen in der Weihestätte Kulthandlungen.

Als die Inka um 1450 an die Macht gelangten, schwelten Konflikte zwischen den Stämmen im Norden Perus. Die Expansionspolitik der Inka war an ihre Grenzen gestoßen. Grund genug, die zahlreichen Götter anzurufen. Lange genügten den himmlischen Mächten Maiskolben, Silberfigürchen und die sakralen Spondylusmuscheln als Opfergaben. Doch in Krisenzeiten rief der oberste Priester im Namen der Unsterblichen nach Blut.

Ausgegrabene Skelette Quelle: ZDF

Freiwillige Enthauptungen

Auf dem Gelände rund um den Tempel holten die Ausgräber Knochen von 30 neugeborenen Lamas aus der Erde. Dazu 119 menschliche Skelette, umgeben von Samenresten, Muschelstücken und Federn. Die hohe Zahl lässt auf eine Massenopferung schließen, die in den letzten Tagen von Tucume das Schicksal vieler Bewohner besiegelte. Die Anthropologin Marla Toyne hegt einen Verdacht, der in engem Zusammenhang mit der Fundstelle steht. Schon die erste Untersuchung der Gebeine bestätigt ihre Vermutung.

Außergewöhnliche Schritte

Für alle anderen Skelette in dem Areal gilt derselbe Befund. Jeder einzelne Mensch starb durch Enthauptung. Die Archäologen fanden dicht beieinander Gräber von Männern, Frauen und sogar Kindern. Doch nicht ein Knochen weist Spuren eines Kampfes auf. Die Todgeweihten haben sich nicht gewehrt. Offensichtlich ließen sie sich freiwillig hinrichten. Dafür gibt es nur ein Wort: Menschenopfer.


In Tucume wurden Menschen nur in der größten Not geopfert. Das war der einzige Weg und der höchste Preis, um die Götter zu besänftigen. Lange rätselten die Experten, was die Bevölkerung zu dem außergewöhnlichen Schritt des Menschenopferns bewog. Die Antwort liefert ein historisches Großereignis, das ins Jahr 1532 führt und die Welt von Peru auf den Kopf stellte.

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