Tangatu Manu

Der Vogelmann-Kult auf Rapa Nui

Als im Jahr 1864 Missionare auf die Osterinsel kommen, erlernen sie die Sprache der Rapa Nui rasch. Doch ihre einzigartige Schrift, "Kohau Rongo Rongo" genannt, können sie nicht entziffern. Bis heute ist das nicht gelungen. Und auch den Rapa Nui ist das Wissen darüber verloren gegangen. Nur 25 Holztafeln mit Texten sind erhalten. Forscher meinen, die zahlreichen Felsbilder auf der Insel sind Vorläufer der Schriftzeichen. Sie erzählen Legenden und Mythen aus der Geschichte der Rapa Nui.

Vogelmensch-Ritzung in Stein auf Rapa Nui
Vogelmensch-Ritzung in Stein auf Rapa Nui Quelle: ZDF

Die älteste Legende der Rapa Nui erzählt wie Hotu Matua, der erste König, mit seinen Gefährten auf die Insel kam. Früher lebte er an einem anderen Ort. Einer seiner Untergebenen hatte einen Traum: Ein Tsunami werde das Land vernichten. Der König befolgte die Warnung. Er ließ Schiffe bauen und brach mit den Seinen auf zu neuen Ufern. So gelangten Hotu Matua und seine Gefährten auf die Insel, die sie Rapa Nui nannten. Für Jahrhunderte herrschten die Könige als Nachfolger von Hotu Matua. Doch dann folgte eine Zeit der Kriege und des Streites. Die Angehörigen der unterschiedlichen Clans ermordeten sich wechselseitig und Kannibalismus wurde eine Nahrungsquelle. Die Menschen sehnten sich nach Frieden und hofften, dass "Tangata Manu" der Vogelmann" dem Schrecken ein Ende setzen könnte.

Vogelmann statt Ahnenkult

Das Bild "Tangata Manus" ist auf vielen Felsbildern dargestellt. Der Vogelmann verkörpert den neuen Gott "Make Make", der den alten Ahnenkult ablöst. Alljährlich wird nun im Zeremonialdorf Orongo ein großes Fest zu Ehren des neuen Gottes Make Make abgehalten. Mit Gott Make Make entsteht eine neue Religion, eine neue Philosophie. Die Erziehung der Jungend ändert sich. Es entsteht eine neue politische Situation. Es ist eine neue Zeit. Dem König bleibt nur, in jedem Jahr den neuen Vogelmann zu krönen, dem er die von Gott gegebene Macht auf der Insel für ein Jahr übertragen muss. Der Vogelmann löst den König für ein Jahr ab. Dann wird ein neuer Vogelmann bestimmt. Ein anderer Mann, vielleicht aus einem anderen Clan, wird ein Jahr die Männer führen und die Herrschaft auf der Insel ausüben.

Rapa Nui vorgelagerte Inselchen Quelle: ZDF

Dem Krönungsfest geht ein harter, oft tödlicher, Wettkampf voraus. Es gilt, das erste Ei einer schwarzen Rußseeschwalbe von den Klippen weit draußen im Meer zu holen, es schwimmend durch von Haien beherrschtes Gewässer sicher an Land zu bringen. Jeder Clan bestimmt einen Mann, der sein Kandidat für das Amt des Vogelmannes ist. Da er ein erfolgreicher Krieger sein muss und zugleich ein erfahrener Anführer soll er 45 bis 55 Jahre alt sein. Ihm zur Seite steht der "Hopu", der Schwimmer. Der Hopu muss jung sein, ein guter Kletterer und ein ausdauernder Schwimmer. Sein Alter ist auf 30 bis 40 Jahre festgelegt. Nur ausgezeichnete Athleten dürfen sich um das Amt des Schwimmers für ihren Clan bewerben. Das Ei ist ein Symbol des Gottes Make Make. Er bestimmt, wer das Ei erringt. So bestimmt der Gott auch den Mann, der als Vogelmann an seiner Stelle die Macht auf der Insel Rapa Nui für ein Jahr ausüben soll. Ist das erste Ei gefunden und sicher an Land gebracht kann der Sieger verkündet werden und das Krönungsfest beginnt.

Das Jahr des Vogelmannes

Hatte die Nachricht vom Erfolg eines Schwimmers das Zeremoniendorf Orongo erreicht, prüften die Priester, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Steht der neue Vogelmann unzweifelhaft fest, kann die Krönung beginnen. In ritueller Handlung werden dem neuen Herrscher alle Körperhaare entfernt. Anschließend wird auch eine neue Prinzessin, "Uka" genannt, für ein Jahr ausgewählt. Sie zieht sich danach mit anderen ausgewählten Jungfrauen in eine Höhle zurück. Dort leben sie das ganze Jahr zurückgezogen und gut versorgt. Nicht ein Sonnenstrahl darf in dieser Zeit ihre Haut treffen. Nach einem Jahr machen die Frauen der nachfolgenden Gruppe Platz. Sie verbringen ein weiteres Jahr in einer anderen Höhle. Dann kehren sie in ihre Familien zurück.

Auch der Vogelmann bezieht ein eigenes geheimes Haus. Für 6 Monate ist er "Tapu". Niemand darf ihn in dieser Zeit berühren, vor allem keine Frau. In Orongo existieren mehr als 200 Felsbilder, die "Rona" zeigen: Ein Wesen mit menschlichem Körper und dem Kopf eines Vogels. Viele von ihnen halten das heilige Ei in der Hand über dem Kopf erhoben. Möglich, dass jedes der Bilder an eine besondere Krönung, ein besonderes Jahr, erinnert.

Was von der Legende blieb

Am 3.Januar 1864 kommt der erste Missionar auf die Osterinsel: Pater Eugenio Eyraud ist Jesuit. Bald holt er sich Verstärkung: Pater Roussel. Die beiden gehen mit lateinischen Liturgien gegen die herrschenden Sitten und Gebräuche der Rapa Nui an. So kommt es, dass sich das Ende des Vogelmann-Kultes zumindest offiziell exakt bestimmen lässt. Im Frühjahr 1866 messen sich zum letzten Mal jungen Männer im Wettkampf um das erste Ei einer Seeschwalbe von den Felsen vor der Küste im Meer.

Ein neuer Vogelmann wird gekürt (Spielszene) Quelle: ZDF

Am 14. August 1868 ist der Sieg über das Heidentum perfekt. Pater Eyraud kann mehr als 800 Rapa Nui zur Taufe führen. Zufrieden stirbt er wenige Tage danach. Sein Grab ist auf dem Inselfriedhof erhalten. Doch den Niedergang kann auch die Kirche nicht aufhalten. 1877 leben auf Rapa Nui nur noch 111 Menschen, nur 36 von ihnen sind echte Ureinwohner, Rapa Nui. Heute hat sich vieles gebessert. Die Zahl der Rapa Nui hat zugenommen. Viele von ihnen suchen in den alten Legenden auch einen Weg ihr eigenes Schicksal zu verstehen.

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