Tanzende Mücken und kleine Fische

Das Ökosystem des Viktoriasees

Jeden Monat wird der Viktoriasee im Herzen Afrikas zum Schauplatz eines rätselhaften Phänomens: Riesige dunkle Wolkenschleier steigen aus der Tiefe auf und ziehen über die Wasseroberfläche. Das Geheimnis: Schwärme aus Millionen winziger Mücken versammeln sich hier zum Paarungstanz.

Ruderboot auf dem Viktoriasee, dahinter ein Mückenschwarm
Ruderboot auf dem Viktoriasee, dahinter ein Mückenschwarm Quelle: ZDF

Der Viktoriasee ist der größte See Afrikas und der zweitgrößte Süßwassersee der Welt. Mit knapp 70.000 Quadratkilometern erstreckt er sich über eine Fläche etwa so groß wie Bayern. Über 30 Millionen Menschen der Region leben von seinem Wasser. Der Binnensee bestimmt den Wasserhaushalt des Nils und beeinflusst maßgeblich das Klima der gesamten Region.

Saisonale Spezialität

Einmal im Monat bilden sich über der Wasseroberfläche riesige Schwärme aus Büschelmücken. Die gefiederten Fühler der Männchen gaben den Insekten - wissenschaftlich Charoboridae - ihren Namen. Sie sind das wichtigste Sinnesorgan in ihrem kurzen Leben. Mit ihrer Hilfe orten sie die Duftstoffe der Weibchen, von denen sie sich unwiderstehlich angezogen fühlen.

Im Gegensatz zu Stechmücken saugen diese Insekten kein Blut. So sind sie für die Menschen, die am Ufer des Sees leben, keine Gefahr, sondern willkommene Abwechslung. Sobald die Schwärme auftauchen, gehen die Dorfbewohner mit Töpfen und Körben bewaffnet auf Mückenjagd. Zerrieben und zu einem Teig geknetet gelten die Mücken unter dem Namen Kungu als eiweißreiche Delikatesse. Sie enthalten etwa sieben Mal so viel Protein wie Fleisch und sind reich an Kalzium. Das traditionelle Gericht schmeckt salzig und erinnert ein wenig an gebratene Sardellen.

Leben im Kollektiv

Der Ursprung der Mückenschwärme liegt am Grund des Viktoriasees, wo die Larven der Büschelmücke schlüpfen. Wegen ihrer durchsichtigen Hülle werden sie Glasstäbchenlarven genannt. Mittels Luftsäckchen in ihren Tracheen - auch "Öhrchen" genannt - können die Larven waagrecht wie Taucher tarieren. Der Neumond ist ihr gemeinsames Signal, zur Wasseroberfläche aufzusteigen. Dort verpuppen sie sich, bevor im Morgengrauen Millionen Tiere gleichzeitig schlüpfen.

Über eine weite Fläche hinweg sammeln sie sich wie von unsichtbarer Hand dirigiert. Unzählige Individuen koordinieren sich und bilden einen Schwarm nach strenger Ordnung. Wie für viele Fische und Vögel ist die Schwarmbildung auch für Insekten von großem Vorteil: Der Schwarm reagiert wie ein Organismus. In der Masse ist der Einzelne vor Gefahr geschützt. Es gibt keinen Dirigenten, kein Leittier - jedes Schwarmmitglied orientiert sich an seinem Nachbarn. Durch einfache Regeln halten die Tiere zusammen und weichen Feinden aus.

Sie tanzen nur einen Morgen

Für die Büschelmücken des Viktoriasees allerdings hat der Schwarm noch eine ganz andere Bedeutung: Kommen sich die Mücken näher, schrauben sie sich zu charakteristischen Säulen in die Höhe. Nach dem Schlüpfen finden sich zunächst die Männchen. Erst das Geräusch ihrer Flügelschläge zieht die Weibchen an. Es entsteht ein scheinbar chaotischer, bis zu hundert Meter hoher Wirbel: die Männchen in der Mitte, die Weibchen außen - ein einziger großer Paarungstanz. Die Anziehungskraft der Geschlechter ist so groß, dass die Säulen selbst starken Winden trotzen.

Während des Tanzes paaren sich die Tiere in der Luft. Nach wenigen Stunden ist alles vorbei, und gegen Nachmittag zerfällt die Säule. Dann bedecken die Mücken wie große Teppiche den Viktoriasee und vollenden, was der eigentliche Zweck ihres kurzen, aufregenden Lebens ist: Sie legen Eier ab - dann sinkt die kommende Generation zum Grund des Viktoriasees. Einen Monat später beginnt das Schauspiel der Büschelmücken von Neuem.

Lichtermeer auf dem See

Die Büschelmückenlarven spielen eine zentrale Rolle im Ökosystem des Viktoriasees, sie sind die wichtigste Nahrung der Fische. Das wissen auch die einheimischen Fischer. Sie machen sich den Umstand zunutze, dass Insekten vom Licht angezogen werden - und damit auch die Fische, auf die sie es abgesehen haben. Am späten Abend, wenn die Fischer auf den See hinaus fahren, setzen sie neben ihren Booten Kerosinlampen auf kleinen Flößen aus. Dadurch verwandelt sich der Viktoriasee in ein Lichtermeer. Doch den Fischern geht es nicht um die romantische Stimmung - ihre Aufmerksamkeit gilt kleinen Fischen namens Omena. Sie fressen Insektenlarven, die von den Lichtern der schwimmenden Flöße angezogen werden. Die Fischer warten geduldig, bis sich Schwärme von Omena zum Festmahl versammelt haben, dann werfen sie ihre Netze aus und umzingeln die angelockten Tiere.

Nachtfischer am Viktoriasee Quelle: ZDF

Ökologische Probleme

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Nachtfischer am Viktoriasee verdoppelt. Für über neunzig Prozent der Fischer stellt Omena die Haupteinnahmequelle dar. Zudem sichern die kleinen Fische die Proteinversorgung der Menschen. Die einfachen Fischer am Viktoriasee sind abhängig von dieser einen Art. Sonst geht ihnen kaum noch etwas in die Netze.

Das war nicht immer so. Über Millionen Jahre hatte die Evolution den Viktoriasee außergewöhnlich artenreich gemacht. Das Ökosystem beherbergte über 200 verschiedene Arten von Buntbarschen, fast die Hälfte von ihnen endemisch. Bis in die 1970er-Jahre bescherten diese Buntbarsche den Fischern reichen Fang. Doch weil diese Fische für die kommerzielle Fischindustrie zu klein waren, setzten 1954 Industrielle in der damaligen britischen Kolonie fremde, ertragreichere Arten im See aus - darunter einen gefräßigen Fisch, der bis zu zwei Meter lang und 200 Kilogramm schwer werden kann: den Nilbarsch.

Siegeszug des Viktoriabarschs

Er vermehrte sich rasend schnell - ideal für die industrielle Nutzung. Aber die Folgen für das Ökosystem des Sees waren fatal. Zwei Drittel der Buntbarscharten starben aus, während die Industriefischerei einen fetten Nilbarsch nach dem anderen aus dem Wasser zog. Unter der Bezeichnung Viktoriabarsch haben die Nilbarsche aus dem Viktoriasee inzwischen den Weltmarkt erobert.

Den kleinen Fischern jedoch fehlt die Ausrüstung, um auch von dem fetten Fisch zu profitieren. Gerät doch einmal einer ins Netz, ist das ein echter Glücksfall. Ihrer früheren Lebensgrundlage beraubt, wurden die einheimischen Fischer in der Not erfinderisch. Die Art der Omena hat als einzige vom Nilbarsch profitiert, denn die flinken kleinen Fische können dem gefräßigen Räuber entkommen. Und eroberten so die Küstenregionen, die früher die Buntbarsche bewohnten. Dank des Tricks, Omena mit Licht zu locken, haben die Fischer am Viktoriasee ein Auskommen.

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