Tauchfahrten (2/4): Der Untergang der Szent Istvan

Tod im Morgengrauen - eine kaiserlich-königliche Tragödie

Am 10. Juni 1918 sinkt die Szent Istvan auf den Grund der Adria. Das modernste Schlachtschiff der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine, zerstört bei seinem ersten Einsatz. Warum hatte der Gigant aus Stahl keine Chance gegen ein einfaches Holzboot? Im Juni 2007 nehmen Taucher das Wrack der Szent Istvan ins Visier. Ein Versuch, die Umstände des Unglücks endgültig zu klären. Mehr als 90 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs ruhen die gewaltigen Trümmer noch immer auf dem Meeresboden.

Die Szent Istvan Kiel oben
Die Szent Istvan Kiel oben

"Das Schiff steht Kiel nach oben. Es gibt keinen Halt mehr. Wir werden hinuntergeschleudert und von den scharfen Muscheln, mit denen das Schiff bewachsen ist, schwer verwundet. Ich selbst konnte mich durch Schwimmen retten", so schildert Franz Dueller in seinem Bericht den Untergang der "Szent Istvan". Die dramatischen Bilder zu den Aufzeichnungen des Stabmaschinenwärters muss man sich nicht erst vorstellen. Es gibt sie wirklich. Denn der Todeskampf der "Szent Istvan" wurde von einem Kameramann aus sicherer Position gefilmt. Eigentlich sollten es Jubelbilder werden, um den ersten Kriegseinsatz des neuen Kampfschiffs propagandistisch auszuschlachten. Stattdessen entstand ein Dokument des Grauens. Von den Originalaufnahmen existieren nur noch wenige Meter. Sie bilden mit dem Bericht Franz Duellers die Grundlage des aufwändigen Doku-Dramas.

Gewagte Aktion

Die Geschichte klingt atemberaubend. Die SMS "Szent Istvan", eines von vier Großkampfschiffen der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine, gehört zur modernen Dreadnought-Klasse. Eine hochgerüstete Wunderwaffe, ausgestattet mit schweren Drillingstürmen, die für die damals schwindelerregende Summe von 60 Millionen Kronen im damals ungarischen Fiume gebaut (das heutige Rijeka in Kroatien) und 1914 in Dienst gestellt wurde.

Szent Istvan
Szent Istvan Quelle: ZDF

937 Tage liegt das Herzstück der kaiserlich-königlichen Flotte untätig im Kriegshafen von Pula, ehe es am 9. Juni 1918 gemeinsam mit dem Schwesternschiff "Tegetthoff" zu einer Großoffensive in der Adria ausläuft. Das Militär plant den Durchbruch durch die Sperre von Otranto. Mit der gewagten Aktion hofft Österreich-Ungarn, das Kriegsglück im Kampf gegen England, Frankreich und Italien zu wenden. Doch dazu sollte es nicht kommen.

Italienisches MAS-Torpedoboot
Italienisches MAS-Torpedoboot Quelle: ZDF

Im Morgengrauen des 10. Juni treffen zwei Torpedos die "Szent Istvan", der stählerne Riese versinkt in der Adria. Der Untergang des Kampfschiffes ist die Folge einer dramatischen Kettenreaktion, die mit dem verspäteten Auslaufen des Schiffes ihren Anfang nimmt. Die Sicherheitsposten im Hafen wurden nicht informiert und öffneten daher die Schutznetzbarriere nicht rechtzeitig. Ein Zwischenfall mit fatalen Folgen: Die Flotte verliert kostbare Zeit in der Dunkelheit. Um den Verlust aufzuholen, lässt Kapitän Seitz die Fahrgeschwindigkeit erhöhen. Die Flotte soll noch vor Tagesanbruch die Bucht von Tajer erreichen, wo sie sich tagsüber versteckt halten kann. Die Heizer arbeiteten auf Hochdruck, doch es fehlt ihnen an Übung. Auch ist ein Teil der Kohle feucht. Rasch entwickeln sich dicke Rauchschwaden, die sich unaufhaltsam durch den Schornstein zwängen. Die weithin sichtbare Wolkensäule verrät die Szent Istvan. Die Dreadnought wird von einem kleinen italienischen Torpedoboot entdeckt und sofort angegriffen.

Italienischer Nationalheld

Valerie Herrnstein findet ihren Vater auf Foto
Valerie Herrnstein findet ihren Vater auf Foto. Quelle: ZDF

Der erfolgreiche Schütze heißt Luigi Rizzo. Die kühne Aktion des Sizilianers vereitelt den Angriffsplan der kaiserlich-königlichen Flotte. Rizzo gilt seither in Italien als Nationalheld. Auf dem sinkenden Schiff aber wird ein anderer zum Mann der Stunde: der Österreicher Franz Dueller. Der Unteroffizier ist Leiter der Maschinenmannschaft im achtern Kesselraum, wo der zweite Torpedo mit ungeheurer Wucht einschlägt. Dueller und seiner Crew gelingt es, die "Szent Istvan" fast drei Stunden lang über Wasser zu halten. Dadurch kann sich ein Großteil der 1098 Mann starken Besatzung retten.
Seither ist fast ein Jahrhundert vergangen. Valerie Herrnstein, Franz Duellers Tochter, weiß kaum etwas über das Leben und die ruhmreiche Tat ihres Vaters. Deshalb erklärt sie sich bereit, mit dem Filmteam in ihre Geburtsstadt Pula zu fahren, wo die Marinelaufbahn von Franz Dueller 1905 begann. Die Reise in die Vergangenheit führt Valerie Herrnstein auch in die Marinebibliothek. Dort liest sie zum ersten Mal in den Aufzeichnungen des Maschinenstabwärters.

Vor den Augen der betagten Dame läuft ein Film ab: Es sind die letzten Stunden ihres Vaters auf dem sinkenden Schiff. Die "Szent Istvan" reißt nicht nur 89 Seeleute in den Tod, ihr Untergang wird auch zum Symbol für das Ende der k. und k. Monarchie. Der letzte Kraftakt Österreich-Ungarns endet im Desaster. Wenig später zerbricht das riesige Habsburger-Reich. Die dramatischen Augenblicke der Schiffstragödie wurden in Spielszenen nachgezeichnet, gedreht auf historischen Schiffen in Rostock und Athen.

Wilde Spekulationen

Taucher am Wrack der Szent Istvan
Taucher am Wrack der Szent Istvan Quelle: ZDF

Über den Untergang des geschichtsträchtigen Schlachtschiffs kursieren bis heute wilde Spekulationen. Die entscheidende Frage gab lange Rätsel auf: Wie war es möglich, dass zwei Torpedotreffer eine so verheerende Wirkung hinterließen? Hatte das modernste Schlachtschiff der königlich-kaiserlichen Kriegsmarine eine technische Achillesferse? Lassen sich vielleicht sogar Konstruktionsmängel nachweisen? Ein kroatisches Expertenteam taucht zum Wrack, um das Rätsel der Szent Istvan endgültig aufzuklären.

Der Film ist eine Koproduktion zwischen ZDF, ORF, Arte, der Interspot Film, Vidicom und der BMUKK in Zusammenarbeit mit SF und DocLab, gefördert von Fernsehfonds Austria und dem Media Plus Programm der Europäischen Union. Bereits vor der Erstausstrahlung erhielt die Dokumentation im Juni 2009 den "Cine Golden Eagle Award" in Washington.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet