Terra incognita vor der Wende

Unentdeckt, aber gar nicht so neu

Bis zum Herbst 1492 war die Welt noch in ihrer eigenen Ordnung auf einem riesigen Doppelkontinent ohne Namen. Die bei europäischen Seefahrern unbekannte Landmasse trennt Europas Westen von Asiens Osten. So ist es unausweichlich, dass diese Terra incognita Christoph Kolumbus buchstäblich in die Quere kommt, als er im Dienst der spanischen Krone den Seeweg von der Iberischen Halbinsel nach Indien in westlicher Richtung finden will.

Terrassen in den Anden
Terrassen in den Anden Quelle: imago/imagebroker/puchinger

Am Donnerstag, dem 11. Oktober 1492, bemerken die Männer an Bord von drei spanischen Schiffen einen Zweig mit roten Früchten und andere Pflanzenteile im Wasser des westlichen Atlantiks. Nach 35 Tagen auf hoher See erste Anzeichen für nahes Land. Eine lebenslange Leibrente winkt demjenigen, der es als Erster sichtet. Das hat das spanische Königspaar Ferdinand und Isabella so bestimmt. Doch trotz höchster Aufmerksamkeit ist nichts zu sehen als endloser Ozean. Erst um zwei Uhr nachts - da ist es bereits Freitag, der 12. Oktober - hebt sich schemenhaft wenige Meilen voraus Land im fahlen Mondlicht gegen das Meer ab. Juán Rodríguez Bermejo im Ausguck der "Pinta" glaubt, ausgesorgt zu haben.

Betrug und Irrtum

Nachbau des Kolumbusschiffes Santa Maria
Nachbau des Kolumbusschiffes Santa Maria Quelle: imago/Werner Otto

Begeistert meldet er seine Beobachtung Christoph Kolumbus. Der wähnt sich an seinem Ziel und hält den Strand, den er morgens als Erster betritt, für die Küste Indiens. Doch da irrt er. Die kleine Armada aus "Pinta", "Nina" und "Santa María" ist an einer Insel gelandet, die von ihren Bewohnern "Guanahaní" genannt wird. Heute zählt sie zu den Bahamas. Kolumbus nennt sie "San Salvador" und notiert im Bordbuch, er selbst habe das Land als Erster gesichtet. So bringt er den Matrosen um die versprochene Leibrente. Doch auch Kolumbus selbst bleibt glücklos. Wegen persönlicher Überheblichkeit und Missachtung amtlicher Autoritäten fällt er später in Ungnade und verliert seine Privilegien.

Während Kolumbus noch lange glaubt, den Seeweg nach Indien gefunden zu haben, prägt ein anderer schon bald den dauerhaften Begriff "Neue Welt": Amerigo Vespucci. Nach ihm wird bereits Anfang des 16. Jahrhunderts der Doppelkontinent "Amerika" genannt. Von Kolumbus bleibt dessen Irrtum: Bis heute werden sie Bewohner der "Neuen Welt" "Indianer" genannt. Seit mindestens 15.000 Jahren - vielleicht sogar seit 50.000 Jahren - leben sie in der so gesehen gar nicht neuen Welt, die sich tiefgreifend von Europa unterscheidet: Pflanzen, Tiere und Menschen bewohnen Landschaften, wie sie in der "Alten Welt" unbekannt sind. Wann und wie oft vor 1492 Amerika entdeckt wurde, ist immer noch umstritten, aber Kolumbus kommt definitiv nicht als Erster.

Mais und Kartoffeln

Verschiedene Kartoffelsorten
Verschiedene Kartoffelsorten Quelle: ZDF

1491 ist die Bevölkerung Amerikas ebenso zahlreich wie die Europas: Schätzungen zufolge etwa 100 Millionen Menschen. Die vielen verschiedenen Völker und Stämme sprechen etwa 1800 Sprachen und leben in sehr unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen. Grundlage der meisten großen Zivilisationen ist vor allem ausgeklügelter Pflanzenbau. So setzt man am Mississippi besonders auf Mais - ein Grundnahrungsmittel, seit Jahrtausenden aus einer vergleichsweise mickrigen Wildpflanze zu ertragreichen Kultursorten veredelt. Der Feldbau hat die Wildbeuterei weitgehend abgelöst, hat Sesshaftwerdung und Bevölkerungswachstum, aber auch öfter Mangelernährung zur Folge, was sich an Zähnen und Knochen ablesen lässt. Im Inkareich werden mehrere hundert Kartoffelsorten kultiviert, angebaut auf kunstvoll angelegten Terrassen an den steilen Abhängen der Anden. Von großer Bedeutung sind auch Bohnen. Die Inkas bauen drei verschiedene Arten an. Bei den Azteken werden Steuern unter anderen mit Bohnen und Mais bezahlt. Weit verbreitet ist ebenso der Anbau von Kürbissen - inklusive ihrer öl- und eiweißreichen Samen eines der ältesten und wichtigsten pflanzlichen Nahrungsmittel. Tomaten, Avocados und Chilipfeffer sind weitere beliebte Nutzpflanzen - allesamt Arten, die man in Europa nicht kennt. Ein bedeutendes Zentrum der frühen Pflanzenzüchtung ist offenbar Mexiko.

Bisons und Meerschweinchen

Tierisches Eiweiß gewinnen die Menschen je nach Region hauptsächlich durch Fischfang, Jagd und Haustierhaltung. In Nordamerika sichern vor allem bis zu 60 Millionen wilde Bisons die Versorgung mit Fleisch, Fell und Häuten. In Südamerika jagt man Kleinkamele, Hirsche und einige kleinere Wildtiere. Anders als in Europa gibt es jedoch auf dem Doppelkontinent nur wenige Haustierarten. Im Süden liefern Lama und Alpaka, domestizierte Formen des Guanakos, Fleisch und Wolle und dienen als Lasttiere. Auch domestizierte Meerschweinchen werden in großer Zahl zu Nahrungszwecken gezüchtet. Pferde gibt es nicht, und Hunde werden nur in einigen Gebieten des Nordens gehalten.

Lama-Herde
Lama-Herde in Bolivien Quelle: imago/imagebroker

Die Auswahl bei Hausgeflügel ist ebenso eingeschränkt. Offenbar kennen die Alt-Amerikaner nur zwei domestizierte Vogelarten. In Mittel- und dem südlichen Nordamerika betreiben die Menschen Truthahnzucht, um das Fleisch als Nahrung, die Federn als Schmuck und die Knochen als Werkzeuge zu nutzen. Besonders Azteken und Pueblo-Indianer schätzen die schweren Vögel. Auf den Wirtschaftshöfen Montezumas werden Tausende Puten in speziellen Geflügelanlagen gehalten. Außerdem liefern in weiten Teilen Südamerikas Warzenenten, die Hausform der Moschusente, Fleisch und Federn. Doch nach 1492 wird sich alles ändern.

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