Inseln zwischen den Welten: Philippinen

Dirk Steffens in einem unvergleichlichen Lebensraum

Am Anfang gab es nur das Meer, den Himmel und einen einsamen Vogel, der sich nach einem Stückchen Land zum Ausruhen sehnte. So erzählt eine alte Legende. Der Himmel schleuderte schließlich Steine in den Ozean und schuf paradiesische Inseln: die Philippinen. Bis heute prägt den Archipel seine besondere Lage zwischen zwei Ozeanen und zwei Kontinenten.

Der Vogel war des Fliegens müde, denn er fand keinen Platz zum Rasten. Er fasste einen Plan, heißt es in einem philippinischen Schöpfungsmythos. Er erzählte dem Meer, der Himmel schmiede dunkle Intrigen. Daraufhin brausten die Wogen zornig auf. Dann sprach er zum Himmel von den bösen Ränken der See.

Tausende von Inseln

Animation: Vulkan hebt sich als Insel aus dem Meer
Unterseeische Vulkane schoben sich über die Meeresoberfläche. Quelle: ZDF

Mit diesem Komplott entfesselte der Vogel einen Kampf der Elemente. In seiner Wut schleuderte der Himmel Felsen in die schäumenden Fluten. Als die Schlacht vorüber war, sah der Vogel, dass sein Plan aufgegangen war: Vor ihm erstreckte sich eine neue, schier unermessliche Inselwelt, geboren zwischen Himmel und Meer. Über 7000 Inseln zählt der Archipel, der sich zwischen zwei Ozeanen und zwischen Asien und Australien über eine Länge von fast 2000 Kilometern erstreckt. Seine besondere Lage macht ihn zu einem einzigartigen Lebensraum mit einer Artenvielfalt, die ihresgleichen sucht. Über 60 Prozent der Tierarten sind endemisch, das heißt, es gibt sie nirgendwo sonst.

Die wahre Entstehungsgeschichte der Philippinen ist nicht minder turbulent als die Legende: Unterseeische Vulkane schoben ihre Krater nach oben, bis sie die Meeresoberfläche überragten. Im blauen Nichts der Ozeane entstand neuer Lebensraum. Tiere gelangten schwimmend, fliegend oder durch Zufall, etwa mit Treibgut als Transportmittel, auf die Inseln und eroberten sich als Pioniere den neuen Lebensraum.

Besiedlung und Isolation

Koboldmaki hängt an Ast
Vor allem wegen ihrer Augen erinnern uns Tarsier an außerirdische Wesen. Quelle: ZDF

Doch mit den Zufallsbesiedlern allein lässt sich die vielfältige Fauna nicht erklären. Veränderungen, die den ganzen Planeten erfassten, hatten auch für die Philippinen dramatische Folgen. Während der Eiszeitalter war so viel Wasser in den Polkappen und Gletschern gebunden, dass der Meeresspiegel weltweit um hundert Meter sank. Die abgelegenen Inseln bekamen Brücken zum Festland. Diese wurden von Einwanderern aus Indonesien und vom asiatischen Kontinent genutzt. So stammt die große Mehrheit der philippinischen Flora und Fauna aus Indonesien.

Mit dem Ende der Eiszeitalter wurden die Bewohner der Philippinen wieder in die Isolation gezwungen: Der Meeresspiegel stieg, die Landbrücken wurden überschwemmt und die Philippinen so vom Rest der Welt getrennt. Seit dieser Zeit gehen Tier- und Pflanzenwelt eigene Wege und entwickelten sich nicht selten zu neuen Arten. Um sich hier zu behaupten, mussten die Tiere besondere Strategien entwickeln. Manche von ihnen trifft man nur nachts im philippinischen Regenwald - Wesen, die die Einheimischen als winzige Waldgeister verehren: Koboldmakis oder Tarsier. Sie gehören zu den kleinsten und zugleich ältesten Primaten der Welt. Mehr dazu: Kobolde im Regenwald

Siedler bringen den Reis

Reisterrassen auf den Philippinen
Eine uralte Kulturlandschaft: Reisterrassen auf den Philippinen Quelle: ZDF

Auch der Mensch entdeckte die Inselkette als Neuland für sich. Schon vor 30.000 Jahren durchstreiften Menschen die Wälder als Jäger und Sammler. Die Ureinwohner hatten diese Welt in mehreren Besiedlungswellen über Landbrücken erobert. Auch als der steigende Meeresspiegel die Inseln isoliert hatte, kamen weitere Einwanderer über den Seeweg. Vor etwa 3000 Jahren erreichten so Siedler vom asiatischen Kontinent die Philippinen. Sie verdrängten die Ureinwohner, brachten den Inseln eine hochentwickelte Kultur und auch die vermutlich älteste Nutzpflanze der Welt: Reis.Die neuen Siedler wussten: Reis gedeiht am besten auf Feuchtflächen. Das gebirgige Relief verlangte aber nach besonderen Lösungen, und so entstand die wohl eindrucksvollste Kulturlandschaft der Philippinen, die Reisterrassen von Banaue.

Obwohl Reis auch auf dem Trockenen wächst, werden heute 80 Prozent des Reises weltweit mit der uralten Nassanbaumethode produziert. Denn die Flutung der Felder hält Schädlinge fern und lässt den Ertrag steigen. Heute weiß man, dass die Feuchtflächen den Klimawandel beschleunigen, denn die im Schlamm lebenden Bakterien produzieren große Mengen an Methan, einem sehr wirksamen Treibhausgas. Am philippinischen IRRI, dem größten Reisforschungsinstitut der Welt, erprobt man daher neue Sorten und Anbaumethoden, mit denen die Methan-Emissionen gesenkt werden können.

Unruhiger Untergrund

Ausbruch des Pinatubo
Der Ausbruch des Pinatubo beeinflusste vorrübergehend das globale Klima. Quelle: dpa

Der philippinische Reis wächst auf besonders fruchtbarem Boden, und das hängt mit der Entstehungsgeschichte der Inseln zusammen: Die mineralstoffreiche Asche der Vulkane ist ein guter Dünger. Doch was den Segen für die Landwirtschaft bringt, ist eine ständige Bedrohung. Die Lage der Philippinen zwischen der eurasischen und der philippinischen Kontinentalplatte sorgt für einen unruhigen Untergrund, der die Inseln einst erschuf, sie aber auch wieder vernichten kann. Derzeit sind 23 Vulkane aktiv, die gefährlichsten stehen unter ständiger Beobachtung durch Geologen. Ihre Messungen sollen das Schlimmste verhindern helfen.

Die größte Vulkankatastrophe der Philippinen ereignete sich vor rund 21 Jahren. 1991 erwachte der Pinatubo aus einem 600-jährigen Schlaf und schleuderte in einer gewaltigen Eruption Asche und Lava bis zu 40 Kilometer hoch in die Luft. Die Vulkanasche stieg so hoch, dass sie sich weit über den Erdball verteilen konnte. Sie verdunkelte die Sonne und kühlte den Planeten zwei Jahre lang um etwa ein halbes Grad Celsius ab. Tropische Regengüsse verschärften die Katastrophe, als Regenwasser sich mit der Asche an den Hängen zu tödlichen Schlammlawinen, sogenannten Laharen, vermengte. 740 Menschen starben, 30.000 verloren ihr Zuhause. Heute liegt der Pinatubo wieder in einem unruhigen Schlaf - eine tickende Zeitbombe.

Artenvielfalt im Korallendreieck

Animation: Kolrallendreieck im Indopazifik
Das Korallendreieck im Indopazifik Quelle: ZDF

Ohne Vulkanismus hätte sich die Unterwasserwelt der Philippinen nicht so üppig entwickeln können. Denn das offene Meer ist eine blaue Wüste. Nur wo Inseln nach oben ragen, kann sich das Leben entfalten. Hier im Indopazifik liegt das artenreichste Gebiet unseres Planeten, das sogenannte Korallendreieck. Tausende Inseln stellen sich den Meeresströmungen aus verschiedenen Richtungen entgegen. Diese tragen ständig neue Larven von Meeresbewohnern heran - vor allem von Korallentierchen. Auf den Inseln finden sie Ankerplätze, um sich festzusetzen. Aus ihren farb- und formenreichen Kalkskeletten entwickeln sich über lange Zeiträume hinweg Korallenriffe.

Doch die Wunderwelt der Riffe ist gefährdet. Zerstörerische Fischereimethoden und Wasserverschmutzung haben sie stark dezimiert. Hoffnung kommt nun aus einer unerwarteten Richtung: Profitorientierte Perlenzüchter haben ungewöhnliche Allianzen mit Naturschützern gebildet. Austern, die perfekte Perlen bilden, können nur in sehr sauberen Gewässern mit gesunden Korallenriffen heranwachsen. Dieser Zusammenhang erweist sich in Zukunft womöglich als Rettung für die philippinische Meeresvielfalt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet