Testfahrt mit Schrecken

Anfällige Dampfmaschine verhindert Ressels Karriere

Im Oktober 1829 steht endlich die lang erwartete Probefahrt der "Civetta" bevor. Geldgeber Fontana und Ressel sind stolz, als das zum Schraubendampfer umgebaute Schiff langsam Fahrt aufnimmt und den Hafen von Triest verlässt. Alles scheint an diesem Morgen bestens zu klappen. Doch die Ernüchterung ist groß, die Folgen sind tiefgreifend.

Rauch aus dem Bauch des Schiffs
Rauch aus dem Bauch des Schiffs Quelle: ZDF

Franz Hermann, der Schmied der Schraube, bedient an diesem Tag selbst die Dampfmaschine. Mit steter Geschwindigkeit schiebt die Schraube die "Civetta" aufs Meer hinaus. Ressel ist begeistert. Dies kann der Anfang einer neuen Ära sein. Eine Reihe von Gästen ist an Bord, auch der Hafenkapitän und der Polizeipräfekt. Jetzt müssen die Kritiker eingestehen, dass Ressels Erfindung funktioniert. Selbst Fontana ist bestens gelaunt, glaubt er doch dass sein Geschäft jetzt endgültig Fahrt aufnimmt. Bereitwillig erklärt Ressel dem skeptischen Professor der Universität und seiner Frau, wie sein geheimnisvolles Bronzespiral funktioniert während sich unter Deck nichts Gutes anbahnt. Plötzlich dringt Qualm aus dem Maschinenraum. Hermann versucht verzweifelt, den Druck vom Kessel zu nehmen. Ressel ist verärgert, 13 Mal hatte die Maschine schon Defekte. Diesmal ist die Lötstelle einer Dampfleitung geplatzt.

Hilflos in der Bucht

Prominente Gäste an Bord der Civetta
Prominente Gäste an Bord der Civetta Quelle: ZDF

Verzweifelt bemühen sich Hermann und Ressel das Leck abzudichten. Zwei Stunden dauert die Reparatur, schätzt Ressel. Doch kurz entschlossen unterbindet der Polizeipräfekt jeden weiteren Versuch. Ressel ist empört und beteuert, dass dieser Vorfall nichts mit seiner Schraube zu tun hat. Aber sein Einwand findet kein Gehör. Nicht einmal zehn Minuten ist die Dampfmaschine fehlerfrei gelaufen, eine halbe Seemeile hat die "Civetta" unter Schraubenantrieb zurückgelegt. Jetzt treibt sie hilflos in der Bucht. Widersacher Morgan ist zufrieden. Fontanas und Ressels Pläne, eine Alternative anzubieten, sind vorerst gescheitert. Fontana wird das Missgeschick dieses Tages zum Anlass nehmen, sich vollständig aus dem Projekt zurückzuziehen.

Civetta wird zurück in den Hafen geschleppt
Civetta wird zurück in den Hafen geschleppt Quelle: ZDF

Nach der desaströsen Fahrt der "Civetta" vor Triest hofft Ressel auf einen neuen Versuch. Fontana hat zwar sämtliches Interesse verloren, ist aber immer noch in Besitz des Patents. Ressel verlangt, er solle den Vertrag erfüllen. "Behalten Sie ihren Vertrag und ich mein Geld", antwortet Fontana, als er Ressel die Tür vor der Nase zuschlägt. Der kleine Beamte Ressel sieht nur einen Ausweg: er verklagt den mächtigen Geschäftsmann Fontana. Doch der Prozess zieht sich über Jahre durch drei Instanzen hin. Bevor das Urteil verkündet wird, stirbt Fontana. Seine Söhne bieten einen Vergleich an. Ressel stimmt zu, und erhält als Entschädigung rund 3400 Gulden. Sie decken gerade so seine Kosten. Doch bei seinen Vorgesetzten ist der aufsässige Beamte für immer in Ungnade gefallen. Ressel ist ernüchtert, er will von seiner Schiffsschraube nichts mehr wissen.

Innovationen aus England

1843 ist Ressel im Dienst der Kriegsmarine. In Venedig werden die Schiffe für Österreich gebaut. Zwei Jahre lang lernt er hier in allen Details den Schiffsbau kennen, um als Marine-Wald-Agent für eine optimale Versorgung mit Hölzern zu sorgen. Ressels Erfindergeist wird von neuem von der Schifffahrt inspiriert. Er entwickelt eine Methode, Holz über Dampf zu biegen, macht Vorschläge, endlich auch Eisen als Material für Kiel und Spanten einzusetzen. Aber die Schiffsbauer im Arsenal wollen von Ressels Ideen nichts wissen. Doch im Ausland hat man die Zeichen der Zeit längst erkannt und beschreitet neue Wege im Schiffsbau. England ist mit seinen technischen Möglichkeiten den jungen Industrien auf dem Festland weit überlegen. Die Engländer können nicht nur effektivere Dampfmaschinen bauen, die Admiralität macht sich auch für Innovationen im Schiffsbau stark. In einer Werft in Bristol wird zu dieser Zeit das erste Schiff ganz aus Eisen gebaut.

Ein Farmer namens Francis Pettit Smith experimentiert in England seit Jahren mit einer archimedischen Schraube. Als sie bei einem Unfall zerbricht und das Testschiff mit den Resten sogar schneller fährt, bringt dieser Zufall Smith auf die entscheidende Idee. Und seine guten Beziehungen helfen ihm schnell weiter. Die "Great Britain", ein luxuriöses Passagierschiff, soll den Atlantik in Rekordzeit überqueren. Zunächst wird sie als Schauffelraddampfer geplant, doch während des Baus entscheidet sich der Ingenieur für eine andere Lösung. In der Werft in Bristol wird stattdessen ein Propeller von Smith installiert, die archimedische Schraube auf einzelne Flügel reduziert. Ähnlichkeiten zu Ressels Entwurf sind nicht zu leugnen, aber die Beweise fehlen.

Weit in die Zukunft geschaut

Francis Pettit Smith
Francis Pettit Smith Quelle: ZDF

Trotz aller Rückschläge gibt Josef Ressel nicht auf. In den folgenden Jahren entwickelt er seinen Propeller weiter, zunächst mit einem flossenartigen Antrieb, den Fischen abgeschaut. Dann hat er eine geniale Idee, mit der er weit in die Zukunft schaut: Mit einem lenkbaren Propeller könnte ein Schiff bedeutend besser manövriert und die Ruderanlage überflüssig werden. Doch erst viele Jahre später sollte diese Idee wieder als so genannter Pod-Antrieb aufgegriffen werden: ein Propeller aufgehängt an einer drehbaren Gondel.

Im September 1852 erfährt Ressel zufällig aus der Zeitung, dass die englische Admiralität eine Prämie aussetzt. Wer nachweisen kann, als erster die archimedische Schraube an einem Dampfschiff erfolgreich betrieben zu haben, soll 20.000 Pfund erhalten. Ressel schöpft Hoffnung und schickt umgehend seine Patentschrift ein. Doch er wartet vergebens auf eine Antwort, Jahre vergehen. Immer wieder fordern österreichische Diplomaten eine Auskunft von der englischen Admiralität. Aber anstatt einer Stellungnahme wird den lästigen Österreichern nahegelegt, nicht weiter nachzufragen. Dabei haben die Admiräle längst entschieden, die Prämie an fünf Engländer zu verteilen. Doch niemand informiert Ressel über die Prämienvergabe, dazu plagen ihn weiter große Geldsorgen. Die Moral des mittlerweile 59-Jährigen ist am Boden.

Grabstein von Josef Ressel
Grabstein von Josef Ressel Quelle: ZDF

"Der Propeller sei ein Österreicher"

Im Herbst 1857 bricht Ressel zu einer Dienstreise auf, von der er nicht zurückkehren wird. Am Abend des 3. Oktobers steigt er in der Nähe von Laibach, heute Slowenien, im Gasthaus "Bayrischer Hof" ab. Schüttelfrost plagt ihn, er bleibt der Gaststube fern. Wenig später stirbt Joseph Ressel. Malaria oder Typhus soll die Ursache gewesen sein. Wenige hundert Meter von dem Ort, an dem er starb, steht sein Grabmal auf dem Friedhof von Ljubeljana. Eines seiner letzten Schreiben adressierte er an Erzherzog Maximiliam. "Der Propeller sei ein Österreicher", schreibt Ressel: "Und er muss als solcher in die Geschichte eingehen".

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