Theorien über den Untergang

Soziale Krisen und klimatische Veränderungen

Für die Könige von Hattusa war die Liaison mit den Ägyptern nur eine Episode. Schon 50 Jahre nach Hattusilis diplomatischer Glanzleistung erlitt das Land schwere Schicksalsschläge. Die einst ruhmreiche Dynastie der mutigen Eroberer endete praktisch über Nacht - unter rätselhaften Umständen.

Hethiter verlassen die brennende Stadt Hattusa (Spielszene) Quelle: ZDF

Auf der Suche nach der Ursache durchforsten Wissenschaftler seit Jahrzehnten immer wieder alle verfügbaren Texte. Auf irgendeiner Tafel mussten Hinweise auf das letzte dramatische Kapitel des Volkes verborgen sein. Nur ein Großereignis ,wie eine Naturkatastrophe oder ein hinterhältiger Überfall, kann den Staat zu Fall gebracht haben. Doch bislang gibt es kein Resultat, die Quellen schweigen. Die Berichte scheinen kurz vor dem Ende aufzuhören. Sie enthalten nichts, was die Ereignisse in den letzten Tagen des Reiches erhellen würde.

Magere Anhaltspunkte

Aus den wenigen mageren Anhaltspunkten entwickeln die Experten aber eine Theorie über den Untergang der Hethiter. Dabei stützen sie sich vor allem auf einen spektakulären Fund in Hattusa. Mitte der 1980er Jahre legten Archäologen die Bastion an der Grenze zur Oberstadt frei. Eingemeißelt in die Wände zweier Kammern - Botschaften in Hieroglyphen.

Die einzigartige Bilderschrift erzählt unter anderem von den kriegerischen Aktivitäten des letzten bekannten Hethiter-Königs. Die Truppen von Suppiluliuma unterwarfen einige Stämme in Anatolien - ein letztes Aufbegehren. Die Hieroglyphen belegen auch, dass die Bevölkerung nach wie vor die zahlreichen kultischen Handlungen pflegte. Dabei opferten die Menschen ihre besten Tiere sowie Unmengen an Nahrungsmitteln.

Botschaften in Hieroglyphen Quelle: ZDF

Innere Unruhen

In Verbindung mit Keilschrifttexten aus jenen Tagen vermuten Forscher, dass der hohe Aufwand an Naturalien das Land in den wirtschaftlichen Ruin trieb. Als dritter Faktor für den Niedergang der Hochkultur kommen innere Unruhen in Frage. Schon unter Mursili brodelte es am Königshof. Eine Familienfehde, die Hattusili damals zum Staatsstreich nutzte.

Der König missbilligte die enorme Machtstellung Hattusilis. Er misstraute seinen Absichten und entzog ihm alle Befugnisse. Hattuslili bemerkte, dass seine Tage gezählt waren, wenn er nicht sofort reagierte. Hattusili zögerte nicht. Obwohl er den jungen Herrscher anfänglich unterstützte, konnte er die Anfeindungen eines Tages nicht länger hinnehmen. Den nahen Verwandten ließ der unerschrockene General verhaften. Das Angebot der Leibgarde, ihm den Kopf des entthronten Rivalen zu bringen, lehnte er großmütig ab.

Schleichende Zersetzung

Stattdessen schickte er Mursili in die Verbannung, und zwar zu den Bundesgenossen nach Nordsyrien. Damit beging Hattusili einen schweren Frevel. Selbst wenn die Vasallen seine Tat gut hießen, so verstieß er doch gegen die göttliche Ordnung und die Loyalität innerhalb der Gemeinschaft. Hinter den wehrhaften Mauern von Hattusa begann ein schleichender Zersetzungsprozess, der die Gesellschaft spaltete.

Verlassene Straße in Hattusa (Spielszene) Quelle: ZDF

Zur sozialen Krise gesellten sich klimatische Veränderungen. Eine Serie von Dürreperioden suchte weite Teile Vorderasiens heim. In der Bergresidenz herrschte Hungersnot. Eine prekäre Situation. Viele der Bewohner verließen fluchtartig die sterbende Stadt, um anderswo zu siedeln. Berühmt wurde der Brief eines Hethiter-Königs an einen untergebenen Fürsten in Ugarit. Darin bittet er dringend um die Sendung einer großen Ladung Getreide. Der Text endet mit den Worten: "Es geht um Leben und Tod."

Verheerendes Feuer

Ein verheerendes Feuer setzte den Schlusspunkt hinter den tragischen Niedergang des Imperiums. Brandspuren in den Fundamenten zahlreicher Gebäude lassen keine andere Erkenntnis zu. Die Stunde Null datieren Archäologen um das Jahr 1200 vor Christus. Der Palast auf dem Felsrücken stand in Flammen. Ebenso brannte es im Tempelbezirk. Auch in der Oberstadt brannten Heiligtümer. Offensichtlich gingen nur die Gebäude in Flammen auf, die dem König gehörten und seine Macht demonstrierten. Skelettfunde aber gibt es nicht. Es scheint, als wären die Bereiche der Stadt, die niederbrannten, vorher leer geräumt worden.

Was das genau bedeutet, können die Wissenschaftler nicht erklären. In den Keilschrifttafeln steht nichts von einem feindlichen Angriff auf die Trutzburg. Es bleibt ein Rätsel, ob die Hethiter ihre Bauwerke systematisch selbst anzündeten, bevor sie dem Ort den Rücken kehrten. Vielleicht wollten sie verhindern, dass ihr Hab und Gut Plünderern in die Hände fiel. Bislang nicht mehr als pure Spekulation unter Fachleuten. Ebenso wie die entscheidende Frage nach dem Brandstifter.

Vermächtnis im Dunkeln

Wenn die Vermutung zutrifft, dann könnten irgendwo im Vorderen Orient weitere Zeugnisse der Großkönige auftauchen. Vielleicht sogar Texte, die auch das Ende ihrer wechselvollen Geschichte erzählen. Nach der Zerstörung der Machtzentrale gerieten die Hethiter schnell in Vergessenheit. Ihr Vermächtnis dämmerte Jahrtausende lang im Dunkel. Obwohl sie im Altertum ein Weltreich begründeten und einzigartige Errungenschaften hervorbrachten.

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