Theorien zu Qumran

Wirtschaftliche oder religöse Nutzung

Zogen die Essener auf das ausgedehnte Plateau unweit des Toten Meeres? Avancierte Qumran zum Hauptsitz der eingeschworenen Reformbewegung? Oder war Qumran einfach nur ein römisches Landgut oder gar ein Militärstützpunkt?

Um die Zeitenwende, so die Forscher, lebten dort 30 bis 120 Menschen. In Qumran steht ein mächtiger Turm umgeben von Schutzmauern. Dahinter Haupt- und Nebengebäude. Vor allem aber Wasserinstallationen.

Hinweis auf jüdische Tradition

Ein weit verzweigtes Kanalsystem versorgte zahlreiche, zum Teil überdachte, Wasserbecken von unterschiedlicher Größe. In einige führen Stufen hinunter. Die Mehrheit der Forscher interpretiert die Anlagen als jüdische Tauchbäder. Auffallend ist die geteilte Treppe. Hinweis auf die jüdische Tradition, kultisch Unreine von Reinen zu trennen. Kein Indiz aber für die Präsenz von Essenern. Die Bedeutung der anderen Wasserbecken mit einem Fassungsvermögen von insgesamt etwa 1000 Kubikmetern liegt bis heute im Dunkel.

Durch die Siedlung zieht sich ein Netz von Kanälen und Aquädukten. Noch wissen die Forscher nicht genau, welche zu welchem Zeitraum und zu welcher Bauschicht gehören. Das Wasser kam aus den hohen Bergen im Westen, wo regelmäßig Niederschläge fielen. Es wurde in einem kunstvoll konstruierten Aquädukt 800 Meter durch die Felsen geleitet. Eine ausgetüftelte Wasserbautechnik - mitten in karger Felslandschaft.

Außenposten von Qumran

Eine Quelle gibt es in Qumran nicht. Aber in der drei Kilometer entfernten Oase Ain Feschcha sprudelte Süßwasser aus dem Boden. Die Mehrzahl der Wissenschaftler hält die grüne Insel in der Ebene für einen Außenposten von Qumran. Schon de Vaux legte in Ain Feshcha Grundmauern frei. Dem Anschein nach Wohnräume und Lagerstätten. Auch mehrere umfangreiche und kleine Sammelbecken gehörten dazu. Für einige Forscher ein deutlicher Hinweis auf landwirtschaftliche Nutzung.

Traditionelle Theorie

Der Theologe Prof. Dr. Dr. Hartmut Stegemann vertritt eine andere Theorie: die ganze Anlage - einschließlich Ain Feschcha - diente dazu, Handschriften zu produzieren. Er deutet einige der großen Wasserspeicher von Qumran als Produktionsbecken für das Feingerben von Pergament. Auch einen anderen Gebäudetrakt auf dem Plateau verbindet er mit der Rollenherstellung. Den auffallend lang gestreckten Raum identifiziert Stegemann als Werkstatt, in der die Pergamente zugeschnitten wurden. Gleich daneben lag die beachtliche Bibliothek - mit Vorkammer und einer umlaufenden Sitzbank.


Auf einer Art Wickeltisch rollte der Bibliothekar die Schriften an die gewünschte Stelle und händigte sie dem Leser durch die Öffnung aus. Stegemanns "essenische Bibliothek" ist ein fester Bestandteil der traditionellen Qumran-Theorie. Obgleich die nachgewiesenen Bibliotheken aus jener Zeit wesentlich bescheidener waren und weder Wickeltisch noch Durchreiche aufweisen.

Eine Treppe an der Außenwand führte in das obere Stockwerk des Gebäudes. Dort soll der Schreibsaal der Gemeinschaft gewesen sein. Funde aus Qumran gingen als "Essener-Tisch" und "Essener-Bank" in die Fachliteratur ein. Tatsächlich entspricht die Breite des Tisches der Höhe der meisten gefundenen Schriftrollen.

Schreiben als wichtigste Aufgabe

Ein Vorleser, so vermutet der Göttinger Forscher, diktierte die Worte. Viele Stunden sollen die frommen Männer an den Tischen gesessen und geschrieben haben. Da sie glaubten, das Ende der Welt stünde bevor, sahen sie ihre wichtigste Aufgabe darin, die biblischen Texte zu studieren und präzise aufzuschreiben.

Die Kopien, so Stegemann, gingen vorrangig an die essenischen Gemeinden im Land. Mehr als hundert verschiedene Kopisten mit unterschiedlichsten Handschriften lassen sich aufgrund der geborgenen Schriftrollen feststellen. Manche Passagen sind nachträglich korrigiert und ergänzt, um Hörfehler zu beseitigen.

Karges Leben

Tintenfässer und Öllampen, die de Vaux vor fünfzig Jahren ans Licht holte, gelten als Beweis für den regen Schreibbetrieb der Essener in Qumran. Gegenstände des Alltags bestätigen: Die Bewohner der Siedlung führten ein karges Leben. Schlichte Keramik, Messbecher aus Stein, hölzerne Kämme und ein spezielles Gerät, das schon der Chronist Flavius Josephus erwähnt: Die "Essenerhacke". Sie soll den reinlichen Männern dazu gedient haben, ihre Notdurft in der Wüste zu vergraben.

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