Tod und Teufel

Hexenverbrennungen und Ketzerverfolgungen im Mittelalter

Schon seit Jahrhunderten geht die mittelalterliche Kirche gegen alle Auflösungserscheinungen mit besonderer Härte vor. Zwar wird zunächst noch die Anwendung von physischer Gewalt gegen Häretiker - Anhänger einer von der kirchlichen Linie abweichenden "Irrlehre" - abgelehnt. Doch die Strafen sind für die Betroffenen schlimm genug: Enteignung und Verbannung. Bald aber werden Ketzer bei lebendigem Leibe verbrannt.

Als erster Herrscher hatte der französische König Robert II. 1017 in Orléans dreizehn Häretiker auf den Scheiterhaufen geschickt. Da die Häresie als Majestätsverbrechen und als Angriff auf die universale Ordnung gilt, verständigen sich die weltlichen und geistlichen Autoritäten darauf, mit allen Mitteln gegen sie vorzugehen. Das dritte Laterankonzil (1179) ruft zum Kreuzzug gegen die Ketzer als innere Feinde auf. Das vierte Laterankonzil (1215) droht konsequenterweise den Fürsten mit Exkommunikation und Entziehung ihrer Länder, wenn sie Häretiker nicht bestrafen.

Kreuzzüge gegen Ungläubige

Friedrich II., der Staufer, der ja nicht in allen Fragen ein aufgeklärter Herrscher war, ordnet 1224 für Sizilien an, dass die weltliche Obrigkeit die vom Bischof überführten Ketzer festzunehmen, sie zu verbrennen oder ihnen die Zunge abzuschneiden habe. Diese Regelung findet auch Papst Gregor IX. angemessen und übernimmt sie für den Kirchenstaat. Wie bei den Kreuzzügen gegen die Ungläubigen erhalten die Teilnehmer der Ketzerverfolgung zwei Jahre Ablass ihrer Sündenstrafen.

1252 macht Papst Innozenz IV. in seiner Bulle "Ad exstirpanda" die Ketzerverfolgung ausdrücklich zur Aufgabe des Staates. Bezeichnend ist die Regelung, dass jeder, der einen Ketzer ausliefert, dessen Besitz vereinnahmen darf. Selbst wenn jemand der Ketzerei überführt wird, nachdem er gestorben ist, soll man seine Leiche ausgraben und verbrennen. Seine Erben dürfen enteignet werden. Es ist die Idealvorstellung von einem universellen Gottesstaat, die einschließt, dass Kirche und Staat zum Schutz der Religion verpflichtet sind und deshalb auch die physische Vernichtung aller Feinde erlaubt und geboten ist.

Gesinnungsterror und Gewalt

Erstmals wird die Folter als Instrument der Wahrheitsfindung gestattet. Abweichler werden in aggressiver Rhetorik nicht nur mit Dieben, Räubern und Mördern gleichgesetzt, sondern auch als Schädlinge und Ungeziefer hingestellt, das ausgerottet werden müsse. Dadurch etablieren sich mitten in der Kirche Einschüchterung, Gesinnungsterror und Gewalt.

Als eigenständiges kirchliches Organ zum Aufspüren und Verfolgen der Häretiker fungiert die Inquisition (lat. inquisitio = Untersuchung, Befragung). In Spanien wird sie ihren furchtbaren Höhepunkt erreichen, wenn der Großinquisitor Tomás de Torquemada, zugleich Beichtvater des Königspaares Isabella I. und Ferdinand II., 1484 die Szene betritt. Aber auch seine Nachfolger verstehen ihr Handwerk, Schauprozesse zu inszenieren und Scheiterhaufen anzuzünden. Der tausendfache Feuertod gilt als "letzte" Rettung der sonst zur ewigen Verdammnis verurteilten Seelen der Ketzer.

Dämonenfurcht und Höllenangst

Die Radikalität dieses Denkens hängt mit der Dämonenfurcht zusammen, die nicht nur in den Köpfen der ungebildeten Massen herrscht, sondern auch von den Eliten geteilt wird. Diese Dämonenfurcht, verbunden mit Höllenangst, lastet über Jahrhunderte hinweg auf dem christlichen Abendland.

Schon im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts war die Zuständigkeit der kirchlichen Inquisitionsgerichte auf weitere Lebensbereiche ausgedehnt worden. Nicht nur Abweichungen von dogmatischen Lehren und kirchlichen Ritualen werden geahndet, sondern ebenso alle Praktiken, die als Zauberei verstanden werden können, zum Beispiel verdächtige Methoden der medizinischen Heilbehandlung. 1258 erklärt Papst Alexander IV. jede Zauberei zur Häresie. Man glaubt, Zauberer hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und gehörten zur verbrecherischen Vereinigung der "Synagoge des Satans", die sich auf orgiastischen Hexensabbaten organisiert und die Menschheit bedroht. Deshalb spielt in Hexenprozessen immer wieder die Frage eine Rolle, ob der Delinquent an einem Hexensabbat teilgenommen hat oder nicht.

Kursbuch des Wahnsinns

Das Kursbuch des Wahnsinns wird erst 1486 erscheinen und es bis ins 17. Jahrhundert hinein zu fast dreißig Auflagen bringen: der "Hexenhammer" des Dominikanerpaters Heinrich Kramer (latinisiert Henricus Institoris). Der Autor versammelt die grassierenden Vorurteile in einer mund- und selbstgerechten Übersicht und fügt die pseudowissenschaftliche Begründung gleich bei. Der Leser findet klare Regeln und konkrete Handlungsanweisungen, die auf eine systematische Verfolgung und Vernichtung der vermeintlichen Hexen zielen.

Das Buch ist ein Kompendium und eine Rechtfertigung des Hexenwahns, wie er vor allem in Deutschland auf die Angst vor den Überresten der keltisch-germanischen Naturreligion mit ihrem Glauben an Magie und Zauberrituale zurückgeht. Zu den Besonderheiten dieses Wahns gehört, dass den sogenannten Hexen unterstellt wird, sie beschädigten die männliche Sexualität. In den Hexenprozessen spielt das Weghexen der sexuellen Potenz eine immer wiederkehrende Rolle. Die Frau wird zur Hexe gemacht, die mit dem Teufel Unzucht treibt und dadurch den Dämonen Zugang zum Menschen verschafft.

"Nadel- und Wasserproben"

Überall lodern die Scheiterhaufen. Die Hexen werden für Unwetter, Viehsterben oder Krankheiten verantwortlich gemacht. Am Anfang des Hexenprozesses steht die Anzeige, auf die das Verhör folgt. Das Geständnis wird in der Regel durch Folter erpresst. Zum Ritual gehört auch die "Nadelprobe", die das Kennzeichen des Teufels am Körper der Verdächtigen aufspüren soll, einen Leberfleck beispielsweise oder ein Muttermal. Bei der "Wasserprobe" wird die angebliche Zauberin gefesselt in einen Fluss oder einen Weiher geworfen. Damit ist ihr Schicksal besiegelt: Ertrinkt sie, war sie unschuldig, bleibt sie an der Oberfläche, so ist sie mit dem Teufel im Bunde und wird hingerichtet.

Es gibt jedoch - wenn auch sehr spät und nur vereinzelt - Versuche, Brutalität und Wahnvorstellungen zu bekämpfen. Der Jesuit Friedrich Spee aus Trier fasst die Argumente gegen den Hexenglauben zu einer Streitschrift zusammen: "Cautio criminalis oder Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse" (1631). Spee ist eine empfindsame Seele und leidet unter der Pflicht, im Auftrag seines Ordens Prozessopfer der Inquisition zum Scheiterhaufen zu begleiten. Er verachtet, was dort geschieht, und versucht, seine furchtbaren Erfahrungen zu verarbeiten.

Jesuit Friedrich Spee auf Briefmarke der Deutschen Bundespost
Jesuit Friedrich Spee auf Briefmarke der Deutschen Bundespost Quelle: imago

Überwindung des Hexenwahns

Er wagt zunächst nicht, die Schrift unter seinem Namen zu veröffentlichen, bekennt sich aber dann doch zu seiner Verfasserschaft. Jetzt aber geschieht etwas Unerwartetes: Spee findet Beschützer unter den Bischöfen, und auch sein Orden lässt ihn trotz interner Anfeindungen in Ruhe. Als in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges die Pest ausbricht, widmet Spee sich sofort der Pflege der Erkrankten - und infiziert sich. Er stirbt im Alter von 44 Jahren an der Seuche. Die Überwindung des Hexenwahns in Deutschland trägt seinen Namen. Er gibt der Vernunft und der Menschlichkeit in der Kirche ein Gesicht.

Bis alle Scheiterhaufen erloschen sind, wird aber noch viel Zeit vergehen. Die letzte überlieferte Hinrichtung einer Hexe in Mitteleuropa findet 1793 in Südpreußen auf heute polnischem Gebiet statt. Aber noch 1836 wird eine vermeintliche Hexe auf der Ostsee-Halbinsel Hela von Fischern einer Wasserprobe unterzogen und, da sie nicht untergeht, gewaltsam ertränkt.

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